Kult-Comic: Capricorn is back
Comicwiederentdeckung "Capricorn" Der Mann mit dem magischen Strich
Comic-Künstler Andreas passt in keine Schublade - und in kein Regal: Findet man im deutschen Fachhandel eines seiner alten Alben, dann steht es irgendwo zwischen franko-belgischen Titeln herum, mit denen es stilistisch und inhaltlich nichts gemein hat. Wenn heute überhaupt noch eins da steht.
Hierzulande war es lange ruhig um Andreas, der auf Französisch über 60 Alben geschaffen hat. Und das in stattlichen Auflagen, denn im Mutterland des europäischen Comics hat er eine beachtliche Fangemeinde. Bemerkenswert ist das deutsche Desinteresse, weil Andreas - der als Künstler auf seinen Nachnamen Martens verzichtet - doch eigentlich von hier stammt: aus Weißenfels an der Saale.
Jetzt kann er wiederentdeckt werden. Denn nach halbherzigen Anläufen verschiedener Verlage hat sich Schreiber & Leser das Werk des Auswanderers gesichert. In zwei ansehnlichen Wälzern liegt seine frühe Serie "Rork" bereits vor.
Sich selbst ins Deutsche übersetzen wollte Andreas nicht. "So was kann ich gar nicht", sagt er mit professioneller Zurückhaltung - und das sei ja auch der Job des Verlags. Dass er mit dem Resultat nun aber höchst zufrieden ist, sieht man Andreas an, wenn er in seinen Büchern blättert. Und in diesen Tagen startet endlich auch das Spin-off "Capricorn", das Andreas im Original gerade erst nach 20 Jahren in ebensovielen Bänden vollendet hat.
Abtauchen in andere Welten
Sein erster Held Rork ist ein Weltenreisender, ein weißhaariger Mann im schwarzen Mantel, der das fantastische Geschehen um ihn herum eher bezeugt als es voran zu treiben: Da glaubt einer, den Druckpunkt der Erde berechnet zu haben, an dem ein kleiner Schlag zur Zerstörung des Planeten genügt. Geister und geheimnisvolle Unterwasserwesen klagen Rork von ihren Schwierigkeiten. Und er hört zu, bis er mehr oder weniger freiwillig in andere Welten verschwindet.
Comic-Künstler Andreas
Foto: Schreiber&LeserAction ist das nicht. Was aber sonst, ist gar nicht so leicht zu sagen. Mystisch sind Andreas' Geschichten, etwas unheimlich - und mitunter schwer zu verstehen. Es hat die nichtfrankophone Leserschaft doch arg gequält, als die Serie Anfang der Neunzigerjahre plötzlich nicht weiter übersetzt wurde.
Auch für den Künstler bedeutet die erste vollständige deutsche Ausgabe eine Art Heimkehr. Das sagt er ganz ohne Pathos, das liegt ihm nicht. Lieber erzählt er, dass er kein guter Zeichner sei - was augenscheinlich nicht wahr ist. Und dass er sich ein bisschen verstecke hinter seinen Seitenlayouts. Das wiederum klingt plausibel, denn was Andreas mit seinen Seiten anstellt, ist in der Tat atemberaubend: Panels überlagern einander, fragmentieren das Geschehen, zwingen den Leser beim Umblättern in unerwartete Perspektiven. Und dabei quält er sich noch mit einer selbst verordneten Detailfülle.
Von Sachsen-Anhalt nach Brüssel
Doch etwas anderes als Zeichnen und Geschichtenerzählen hat er ja auch nie gewollt. 1951 in Sachsen-Anhalt geboren, ist Andreas schon als Kind über das ostdeutsche Kultmagazin "Mosaik" beim Comic gelandet. Und da endet seine DDR-Biografie auch schon wieder: Kurz vor dem Mauerbau zog Andreas' Familie in den Westen.
Das Comiczeichnen konnte man damals auch in der Bundesrepublik nirgendwo erlernen. Also zog Andreas weiter nach Brüssel: ans Institut Saint-Luc, die legendäre Kunsthochschule, die den ersten Comicstudiengang der Welt unterhielt. Der Ort war richtig und auch ein bisschen Glück im Spiel: Sein Lehrer, der "Luc Orient"-Schöpfer Eddy Paape, lud Andreas zur Zusammenarbeit ein. Beim Tim-und-Struppi-Magazin "Tintin" fand er ab Ende der Siebzigerjahre mit seinen ersten Rork-Geschichten zu seinem Stil - tauschte den Pinsel erst gegen die Feder, später dann gegen den Filzstift ein.
Gerade die frühen unkolorierten Bände werden oft mit Kupferstichen verglichen: wegen beeindruckender Schraffuren, mit denen Andreas sowohl statische Architektur in uriges Kerzenlicht zu tauchen, als auch Meeresoberflächen im Sturm aufzupeitschen weiß. Die düsteren Zeichnungen haben nichts vom franko-belgischen Realismus in klarer Linie, sondern sind beeinflusst vom amerikanischen Horrorcomic eines Bernie Wrightson. Allerdings ohne sich darauf zu beschränken: Auch an Moebius fühlt man sich auf Rorks Weltenreisen erinnert.
Nur davon, dass sein Werk maßgeblich von H.P. Lovecraft beeinflusst sei, will Andreas heute nichts mehr hören: "Das stimmt einfach nicht", sagt er und klingt gar ein wenig gereizt. Natürlich habe er den Altmeister des "Cosmic Horror" gelesen, und eine Weile habe sich das auch in seiner Arbeit niedergeschlagen. Aber heute, drei Jahrzehnte später, will er sich das Etikett nicht mehr anheften lassen.
Andreas Martens:
Capricorn
Gesamtausgabe 1: Das Ding / Energie / Delia
Schreiber & Leser; 144 Seiten; 29,80 Euro.
Buch bei Amazon: Andreas Martens - Capricorn Buch bei Thalia: Andreas Martens - CapricornTatsächlich ist Capricorn, obwohl die Figur bereits in der Rork-Serie auftritt, ein gänzlich anderer Schlag: Denn während Rork eine mystische Comicfigur ist (und das übrigens auch weiß), scheint Capricorn einem Groschenroman entsprungen. Der bodenständige Astrologe mit eigenem Hochhaus prügelt sich durch das New York der Dreißigerjahre, liefert sich auch schon mal halsbrecherische Verfolgungsjagden im Kleinflugzeug. Den auch hier großen, ja geradezu kosmischen Geheimnissen rückt er mit detektivischer Durchtriebenheit und geballten Fäusten zu Leibe, statt über das übermächtige Schicksal zu sinnieren.
Andreas ist keiner dieser Lovecraft-Nacheiferer, die mit Tentakel-Kitsch herumnerven. Verständlich ist der Vergleich aber dennoch: Schreiber & Leser haben mit "Rork" und "Cromwell Stone" schließlich gerade Andreas' Lovecraft-Periode herausgegeben: Mit Geometrie spottenden Bauwerken aus prähistorischer Zeit und außerirdischem Horror, angesiedelt irgendwo zwischen für Menschen unverständlicher Alientechnologie und schwarzer Magie.
Auch wenn Andreas längst aus dem Schatten Lovecrafts herausgetreten ist - beschweren kann er sich nicht. Denn ob nun als ausdrückliche Hommage oder heimlicher Abklasch: Lovecraft ist wieder angesagt. Im Comic haben das gerade Grant Morrisons Miniserie "Nameless" (Image) und Alan Moores "Providence" (Avatar Press) bewiesen. Und selbst im Fernsehen hat es die HBO-Serie "True Detective" vielleicht zum ersten Mal überhaupt geschafft, Lovecrafts Motive ins Heute zu überführen. Selbst Philosophen publizieren heute im Merve-Verlag begeistert, was aus Lovecrafts vermeintlichen Schundromanen zu lernen ist.
Einen besseren Zeitpunkt hätten Schreiber & Leser also nicht wählen können, um Andreas endlich auf dem deutschen Markt zu etablieren. Und das ist eben auch ein Glück für den Ausnahmekünstler - der das alles für Schnee von gestern hält.