Comics: Gezeichnet von Liebe und Verlust - DER SPIEGEL
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Comics Gezeichnet von Liebe und Verlust

Wer sich ein Bild machen will von der Liebe und ihren Feinden - dem Alltag und dem Missverständnis - muss Comics lesen. Die neuen Werke von James Rich und Adrian Tormine erzählen anrührend und fesselnd vom Entstehen und Vergehen eines großen Gefühls.
Von Jörg Böckem
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie hatten sich eine ganze Weile versteckt, auf meinem Schreibtisch, in meinem Bücherregal und schließlich in einem Stapel Bücher auf meinem Nachttisch. Möglich, dass sie nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet haben: Auf die rund sechsstündige Zugfahrt, an deren Ende mich meine Freundin am Bahnhof abholen würde. Kein Laptop, keine Arbeitslektüre, viel Zeit, aus dem Fenster zu sehen, zu lesen, Musik zu hören und die Gedanken treiben zu lassen.

Da waren sie jetzt also. Zwei Comics, die ziemlich unaufgeregt daherkamen: "12 Gründe, dich zu lieben" von Jamie S. Rich und Joelle Jones und "Halbe Wahrheiten" von Adrian Tomine. In Schwarzweiß, mit klarem Strich gezeichnet, erzählten sie mir von der Liebe, ihrem Entstehen und Vergehen und der schwierigen Zeit dazwischen.

Von Menschen, die sich suchen und verbergen, die auf den richtigen Zeitpunkt warten und ihn manchmal verpassen: von Gwen und Evan, die sich zufällig im Kino begegnen ("12 Gründe, dich zu lieben") und trotz vermasseltem ersten Date, Eifersucht und gekränkter Eitelkeit immer wieder zueinander finden. Von Ben Tanaka ("Halbe Wahrheiten"), der seine Freundin Miko nicht halten kann und auch sonst nichts in seinem Leben.

Auf den ersten Blick ziemlich alltägliche Geschichten. Trotzdem, vielleicht auch ein wenig deswegen, absolut fesselnd, klug und poetisch. Den Autoren gelingt es, durch genaue Beobachtungen, kleine Gesten, originelle Dialoge, Witz und Esprit ihren Charakteren Tiefe und Farbe zu verleihen.

Rich und Jones haben ihre anrührende und komplexe Liebesgeschichte zudem in zwölf Kapitel unterteilt, die sie in nicht chronologischer Reihenfolge erzählen. Was in diesem Fall nicht wie eine artifizielle Taschenspielerei wirkt, sondern im Gegenteil, den Zauber der Geschichte noch erhöht.

Jedem Kapitel ist ein Song vorangestellt, der die Stimmung vorgibt. Auch hier beweisen die beiden Geschmack und Könnerschaft: Wer im imaginären Soundtrack Nancy Sinatra, die Pet Shop Boys, Bryan Ferry, Buffy Sainte-Marie und Beth Gibbons spielt, der hängt die Latte für seine Geschichte ziemlich hoch. Rich und Jones nehmen die Hürde problemlos.

Als der Zug im Bahnhof einfuhr, hatte ich Musik gehört, aus dem Fenster gesehen und meinen Gedanken nachgehangen. Nicht zuletzt Dank Adrian Tomine, Jamie S. Rich und Joelle Jones empfand ich keine Minute davon als verloren.


Comics: Jamie S. Rich/Joelle Jones: "12 Gründe, dich zu lieben". Deutsch von Stefan Pannor. Eidalon Verlag, Brandenburg; 160 Seiten; 16 Euro. Adrian Tomine: "Halbe Wahrheiten". Reprodukt Comic Verlag, Berlin; 108 Seiten; 13 Euro.