Das Buch von Jojo Moyes: Ein Bild von dir - DER SPIEGEL
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Neuer Roman von Jojo Moyes Die Welt, eine Zumutung

Ein Roman, zwei Plots: Jojo Moyes' neuer Bestseller "Ein Bild von dir" reicht vom Ersten Weltkrieg bis in die Neuzeit. Hauptmotiv ist das Gemälde einer Frau, welches Ehen zerstört und Liebe bringt.
Autorin Moyes: Berühmt geworden durch Liebesromane
Autorin Moyes: Berühmt geworden durch Liebesromane

Autorin Moyes: Berühmt geworden durch Liebesromane

Foto: Charlotte Murphy
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dieses Buch dreht sich um ein Gemälde. Und in diesem Gemälde sieht jeder etwas anderes: Liebe und Erfüllung, sagt die Besitzerin. Spott, sagt die ehemalige Besitzerin. Andere behaupten, das Bild habe Kraft, Ehen zu zerstören - oder auch: es sei das schönste Gemälde, das sie je gesehen haben. Und die, die auf dem Bild zu sehen ist, sagt: es anzusehen sei, wie in einen Zauberspiegel zu blicken.

In ihrem neuen Roman "Ein Bild von dir" wählt Bestsellerautorin Jojo Moyes eine komplexere Anordnung als üblich. Gleich zwei Liebesgeschichten erzählt sie, miteinander verbunden durch ein Gemälde. Einmal geht es um einen Maler und seine Muse, die der Erste Weltkrieg auseinanderreißt. Und dann geht es noch um eine junge Witwe und einen Ex-Polizisten im London der Gegenwart, die ein Gerichtsverfahren um Beutekunst aneinandergeraten lässt.

Das besagte Bild zeigt eine junge Frau mit weißer Haut und rötlichem Haar. Mit sehr schöner weißer Haut und sehr schönem rötlichen Haar, doch darum geht es all den unterschiedlichen Betrachtern nicht. Es geht um den Blick der jungen Frau: herausfordernd, stolz, selbstbewusst. Der Blick einer Aristokratin, obwohl das Bild eigentlich eine Verkäuferin zeigt, eine einfache Frau.

Eingefangen hat diesen Blick ein Schüler von Henri Matisse mit mehr Sinn für Farben als für Konventionen. Dieses Bild also trägt erstens den Titel "Femme jeune" und zweitens einen ganzen Roman. Es ist der nächste Erfolg der Bestsellerautorin Jojo Moyes.

Von der trauernden zur selbstbewussten Frau

Die ehemalige Journalistin ist vor allem berühmt geworden durch die Liebesromane "Ein ganzes halbes Jahr" und "Weit weg und ganz nah". Darin erzählt sie von unwahrscheinlichen und eben darum unwahrscheinlich vorhersehbaren Liebesgeschichten. Hier ist es anders.

Die dramaturgische Idee hinter "Ein Bild von dir" ist anspruchsvoller und dennoch schnell verstanden: Es geht um die Parallelen in beiden Geschichten. Moyes spiegelt Erfahrungen und Entwicklungen. Die Witwe hat von ihrem verstorbenen Mann das Bild geschenkt bekommen, das die Muse zeigt, weil er seine Frau in diesem Blick wiedererkannt hat.

Und nun soll sich die Witwe im Laufe der Geschichte von der trauernden, zurückgezogenen Frau in jene selbstbewusste Frau zurückverwandeln, die in der Welt eine Herausforderung sieht und keine Zumutung. Die sich geliebt fühlt und schön findet und auch dann ihren Stolz bewahrt, wenn sich alle von ihr abzuwenden scheinen, als sie lieber die Firma ihres verstorbenen Mannes, alle Freundschaften und finanziellen Sicherheiten in Gefahr bringt, anstatt dieses Bild den mutmaßlichen Erben zu überlassen.

So wie es die Muse des Malers hundert Jahre früher vorgelebt hat. Sie, die im Krieg von Freunden und Nachbarn langsam von der Dorfheldin zur Außenseiterin degradiert worden ist, nachdem die deutschen Soldaten sich zur abendlichen Verpflegung in ihrem Hotel einquartiert hatten und sie ihre Chance erkannt hat, ihren Mann, den Maler, durch einen Handel mit einem Kommandanten vielleicht aus einem Kriegsgefangenenlager befreien zu können.

"Manchmal ist Durchhalten schon eine Heldentat"

Beide kann man als Heldinnen sehen, wie es der Vater der Witwe tut, der ihr einmal sagt, wie stolz er auf sie ist. Und als sie fragt, warum, sagt er: "Einfach fürs Durchhalten. Manchmal, mein Mädchen, ist das allein schon eine Heldentat."

"Ein Bild von dir" ist ein rührender, ein leicht und gern zu lesender, ein guter Roman, was daran liegt, dass es derzeit kaum jemanden gibt, der so unterhaltsam schreiben kann wie Moyes. Er wird zweifellos seinen verdienten Erfolg haben.

Er hätte jedoch auch deutlich besser sein können - was daran liegt, dass Moyes auf den ersten 350 Seiten so gut wie alle dramaturgischen Möglichkeiten verstreichen lässt. Statt beide Geschichten konsequent miteinander zu verschränken, lesen sie sich über lange Strecken wie zwei unterschiedliche Romane.

Im ersten Drittel spielt der zweite Handlungsstrang überhaupt keine Rolle. Potenziell vorhandene Spannungsbögen werden nicht ausgenutzt, weil der Leser über weite Teile des Romans viel mehr über die Geschichte des Gemäldes weiß als die Witwe aus London, als sie viel zu spät und halbherzig mit ihren Nachforschungen zum Leben ihres Ebenbilds beginnt.

Denn anders als Moyes' frühere Figuren (und auch anders als die Muse) fehlt es der Londoner Witwe an Interesse für irgendetwas außer sich selbst. Und so bleibt der einzige erzählerische Blickfang des ganzen Romans nun einmal diese Verkäuferin mit ihren Holzschuhen und dem rötlichen Haar, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts gelebt hat. Der Maler hat das auf den ersten Blick erkannt.