"Das Mädchen mit dem Perlenohrring": Vorbild des Begehrens - DER SPIEGEL
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"Das Mädchen mit dem Perlenohrring" Vorbild des Begehrens

Kein Meister ohne Muse: Tracy Chevalier hat Vermeers berühmtem Bild "Mädchen mit Perlenohrring" eine Entstehungsgeschichte angedichtet, die von Liebe ebenso viel weiß wie vom Schaffensprozess des Künstlers.
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Scarlett Johansson galt als Idealbesetzung für die Rolle der jungen Frau, die der niederländische Maler Vermeer als "Mädchen mit dem Perlenohrring" berühmt gemacht hat: Wie bei ihrem Vorbild vermengen sich Laszivität und Unschuld, Neugierde und Zurückhaltung in den Zügen der Hollywood-Schauspielerin. Dabei war Johansson bereits die Verdoppelung einer Fiktion. Tracy Chevaliers Romanvorlage zum gleichnamigen Film ist der literarische Entwurf eines Lebens, von dem man eigentlich nichts weiß.

Die amerikanische Autorin hat Vermeers Modell eine spannende Vita erdichtet: Im Delft des 17. Jahrhunderts wird Griet als Dienstmagd im Haushalt des angesehenen Malers angestellt. Der Alltag ist bestimmt von harter Arbeit, hinzukommen die Eifersuchtsattacken von Vermeers Frau, die in der hübschen Frau eine Konkurrentin vermutet. Einzig die heimlichen Aufenthalte in Vermeers Atelier sind ein Lichtblick: Hier entdeckt Griet ihr Talent für die Kunst; sie assistiert dem Maler, mischt seine Farben und ordnet seine Objekte zu herrlichen Tableaus.

Für Vermeers Frau ist die Verbindung der beiden ein Affront, und als Griet als Modell auf einem Bild erscheint, geschmückt mit einem ihrer Perlenohrringe, ist der Eklat programmiert. Zur Debatte steht aber viel mehr als ein unterdrücktes Begehren oder ein möglicher Ehebruch. Wenn Tracy Chevalier in ihrem Roman das Malgenie Vermeer und eine Magd in ein romantisches Abenteuer verwickelt, ist nicht nur Erotik, sondern auch das Verhältnis des Kreativen zu seinem Gegenstand das Thema. Gerade dies ist die Stärke dieser historischen Erzählung: Dass sie im privaten Drama allgemeine Zusammenhänge deutlich macht und kritisch ist, ohne zu moralisieren.

Schließlich sind der Künstler und seine Muse ein prominentes Paar der Kulturgeschichte, in ihrer Beziehung spiegeln sich immer auch die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit. So werden in Griet all jene Frauen noch einmal anschaulich, deren Verdienst in der Kunst geschmälert, unterdrückt oder totgeschwiegen wurde. Suzanne Vadon, das legendäre Modell des 19. Jahrhunderts, das jahrelang um Anerkennung kämpfte; Camille Claudel, Inspirationsquelle des Bildhauers Rodin, deren Talent verheimlich wurde - in Chevaliers Heldin haben sie eine faszinierende Schwester gefunden.