"Das Versteck" Lücken der Erinnerung
Sie ließe sich auch im Bürokratenjargon schildern, diese Geschichte, vielleicht mit einem Warnvermerk an der Akte: Achtung, Gefahr im Verzug! In einer solchen Akte wären die Gaucis ein Fall unter Fällen: noch eine Familie nahe der Verwahrlosung, noch ein unzuverlässiger, gewalttätiger Vater, zudem Ausländer und Analphabet, noch eine Mutter am Rande ihrer Kräfte, noch ein Haufen rotznasiger Straßenblagen.
Aber so erzählt Trezza Azzopardi sie nicht, ihre Geschichte der Familie Gauci, die in den sechziger Jahren in der walisischen Hafenstadt Cardiff durch Zockerei, Verrat, Pech, Gewissenlosigkeit und Aberglauben ins Verderben schlittert. Mit der Bürokratenwahrheit, in der ja alles richtig ist, aber nichts wirklich stimmt, hat Azzopardi nichts zu schaffen. Sie wirft den Leser einfach, von der ersten Seite an, in die chaotische Welt der Gaucis. Schlafzimmer, Kinderspiele, Gerüche und Thekenrituale schildert sie, all das eigentlich nicht zu Packende einer vergangenen Wirklichkeit. "Das Versteck", als Außenseiter im vorigen Jahr für den angesehenen Booker Prize nominiert, wirkt so wahrhaftig, dass die angelsächsische Presse den Roman mit Frank McCourts Kindheitserinnerungen "Die Asche meiner Mutter" verglich.
Aber eine Stärke von Azzopardis Roman, ihrem ersten, liegt darin, dass er fragt, was eigentlich die Wahrheit ist. Erzählt wird "Das Versteck" von Dolores, der jüngsten Gauci-Tochter, die nach drei Jahrzehnten in ihr Elternhaus heimkehrt, zur Beerdigung der Mutter, und zurückblickt auf die frühen Familienjahre, ehe der Vater verschwand, die Mutter in der Anstalt landete und die Töchter auf Pflegeeltern verteilt wurden.
Aus Augenblicksaufnahmen setzt sie eine Vergangenheit zusammen, teils aus ihrer Erinnerung, teils aus der Vorstellung. Doch Dolores muss erfahren, dass vieles von dem, was sie geglaubt hat, nur ein Bruchteil der Wahrheit ist, dass sie anderes vergessen, verfälscht oder verdrängt hat. Der Erinnerung ist nicht zu trauen, und als sich ihre Lücken endlich füllen, bringt das, in diesem finsteren wie klarsichtigen Roman, keine Erlösung.
Trezza Azzopardi: "Das Versteck". Aus dem Englischen von Monika Schmalz. Berlin Verlag, Berlin; 360 Seiten; 39,80 Mark.