"Desperado": Epilog oder Mein Leben als ich - DER SPIEGEL
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"Desperado" Epilog oder Mein Leben als ich

Muss die Glücksuche wirklich im Terror enden? Für Martin, den Helden aus "Desperado", sah es so aus. Fanatisch forschte er nach dem Lebenssinn, am Ende fand er - ja, was eigentlich? Das Abenteuer ist zu Ende. Und fängt erst richtig an.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was bisher geschah:

Er hat alles riskiert, kein Lebensmodell war ihm verwegen genug: Ob Dandy oder Banause, Masochist oder Gangster - Martin nahm die Sinnsuche tödlich ernst. Deshalb endete sie auch im Desaster. Zum Glück hat jede Geschichte einen Epilog. Und manchmal fallen die Würfel noch einmal neu.

Epilog oder Mein Leben als ich

Dieses Brausen. Es wird immer lauter. Auf. Hö. Ren! Ich schlage die Augen auf. Es dröhnt immer noch. Frau Härkle steht vor mir, den Staubsauger im Anschlag. "Was machen Sie denn hier? Müssten Sie nicht schon längst im Büro sein?"

Stimmt, müsste ich. Obwohl ich mir eigentlich freinehmen wollte. Denn heute ist mein 40. Geburtstag.

Ungläubig schaue ich mich um. Der Wecker verkündet: 10.30 Uhr. Ich habe tatsächlich verschlafen. Aber jetzt bin ich erwacht, erwacht aus diesem schrecklichen Alp. Ich springe aus dem Bett und umarme die kleine drahtige Frau. Sie riecht nach Lavendel und Kaffee. "Frau Härkle!", juchze ich.

"Ja, ich bin es selbst", sagt sie ins Staubsaugergetöse. "Sind Sie krank, oder was?"

Aber nein, ich bin nicht krank, sondern kerngesund! Ich habe ja Beine, Beine, auf denen sich tanzen lässt! Ich hüpfe ins Wohnzimmer, Frau Härkle folgt mir, den Staubsauger im Schlepptau.

"Wurde für Sie abgegeben", sagt sie und zeigt auf die kleine Geburtstagstorte. "Und ihr Handy brummt auch schon die ganze Zeit." Der Torte ist ein Kärtchen beigelegt. "Willkommen in der zweiten Lebenshälfte. Alles Gute zum 40." Meine Mutter, typisch: Zärtlichkeit, einmal kurz in Batteriesäure geschwenkt. Auch auf der Mailbox hat sie sich mit einem Geburtstagsgruß verewigt, genauso wie Jo, Fritzi, Brenda und Ulrich. Der Tenor ist bei allen ungefähr der gleiche - happy birthday, stress dich nicht so sehr -, die Unterschiede liegen im Detail: Ulrich und Brenda versprechen, mir zum Essen heute Abend eine Schnabeltasse mitzubringen ("Durchbeißen ist ja nicht so dein Ding"). Fritzi fragt, ob Zieper mitkommen könne, irgendwer müsse ja das Memo der Feier schreiben. Jo kündigt eine Begleiterin an, die einfach alles kann: "Yoga, Malen, mich nicht ernst nehmen."

Ich setze frischen Kaffee auf, rufe im Büro an und entschuldige mich fürs Zuspätkommen. Unterdessen hat Frau Härkle die Torte angeschnitten, die Glasur glänzt rosa, und kurz schaudert es mich. Aber der Kuchen ist köstlich. Ich verschlinge drei Stücke hintereinander.

"Bitte, greifen Sie zu, das ist die beste Torte seit Jahren! Ach was, meines Lebens!", sage ich begeistert und grabsche das nächste Stück.

"Sie wirken ja ganz ausgehungert", sagt Frau Härkle. "Waren Sie die Nacht über unterwegs?"

Nur eine Stippvisite in der Hölle, könnte ich antworten. Aber dann müsste ich aufhören zu essen.

2

Glücksforscher behaupten: Häufige positive Momente sind besser als die raren Gefühlsgipfel der Ekstase. Ist das nicht ein bisschen spießig? So eine emotionale Sparversion, weil man an die große Liebe, an die kreative Vision oder die professionelle Bestimmung nicht mehr glaubt? Das frage ich mich, wenn ich mir Fritzi und Zieper ansehe. Er ist dieser seriöse, zuverlässige, fleißige Typ Mitte 30, ein Organisationstalent, Spötter würden sagen: ein Bürokrat. Und sie wirkt unbeschwert und aufgeschlossen, ist dabei aber ziemlich zielstrebig. Sie hat eine gute Portion Pragmatismus mitbekommen, im entscheidenden Moment gibt sie nicht irgendwelchen Flausen nach, sondern handelt überlegt und besonnen. War Kalkül im Spiel, als sie sich für Zieper entschieden hat? Ich weiß es nicht, aber wie sie so dasteht, in der Büroküche, und ihm einen Earl-Grey-Tee zubereitet - "passend zu seinem Anzug" -, ist das auf unaufgeregte Weise herzlich, ja liebevoll.

Das Gegenmodell zu den beiden ist natürlich Jo. Ich bin immer wieder überrascht von seiner Ausdauer bei romantischen Unternehmungen. Manchmal stelle ich ihn mir als einen Odysseus der erotischen Irrfahrten vor. Da segelt er durch die Regionen der Verführung, lauscht dem lockenden Gesang der Sirenen - lässt sich anders als das mythische Vorbild aber nicht von seinen Freunden zurückhalten, sondern folgt seiner Leidenschaft bis zum Ende. Das besteht bislang aus der immer gleichen Abfolge von abgesagten Verabredungen, fahrigen Ausreden, nicht beantworteten Anrufen. Ganz zum Schluss gibt's eine peinliche SMS für die Betreffende: "Sorry, aber ich brauche etwas Abstand."

Erst kürzlich musste er wieder eine Frau verabschieden, er sagte tatsächlich "verabschieden". Seit er diese zweiwöchige Affäre mit Sylvia, einer Psychotherapeutin, hatte, ist sein Jargon eine Fundgrube der Euphemismen. Schluss machen heißt jetzt verabschieden, verführen nennt sich einladen, und wenn man jemanden betrügt, macht man eigentlich einen Umweg zu sich selbst.

Weil er zu feige war, sich der Situation allein zu stellen, musste ich als Begleiter herhalten. Eigentlich hatte ich mir Abstinenz von dieser Rolle geschworen. Wie viele beschwichtigende SMS-Nachrichten habe ich schon für ihn getextet, wie viele Abschiedstelefonate vorformuliert? Ich bin ein zeitgenössischer Cyrano, nur dass meine Kunst nicht der Verbindung, sondern der Auflösung und Zersetzung dient.

In Sylvias Fall musste ich sogar persönlich in Erscheinung treten, als lebensbedrohlich erkrankter Cousin, dem man in seinen letzten Lebenswochen alle Aufmerksamkeit widmen muss. "Er hatte dieses schwere Drogenproblem", wurde ich vorgestellt. "Heute ist er clean, aber arbeitsunfähig, der Preis für seinen destruktiven Lebensstil. Und dann diese Krankheit. Ich darf ihn jetzt, in seinen letzten Monaten, nicht alleinlassen. Schließlich war ich es, mit dem er damals, bei dieser Klassenfahrt, seinen ersten Joint rauchte."

Diese Farce war der Gipfel meiner Ergebenheit für einen Kumpel, der zugegebenermaßen seit der Grundschule treu zu mir hält. Unvergessen, wie er Michi Kärber in der 3. Klasse einen Schokokuss auf dem Kopf zermatschte, weil der mich Kackfrosch genannt hatte. Wenn ich an diese Geschichte denke, wird mir klar, dass Jo tatsächlich mein bester Freund ist und dass mich seine Liebschaften noch so neidisch, wütend oder traurig machen können, sie ändern nichts an seiner Großherzigkeit. Er hat mich nie verurteilt, gemaßregelt oder auf mich herabgeschaut. Ich dachte oft, er sei arglos, vielleicht sogar indifferent. Heute weiß ich: Er hat einfach sehr viel Geduld. Denn es ist ziemlich einfach, sich zur moralischen Inventur der andern aufzuschwingen. Viel schwieriger ist es, gelassen zu bleiben, allenthalben zu fragen, wie ein Freund sein Problem angehen will und wie man ihm dabei helfen könnte. Und wer weiß, vielleicht will er gar keine Hilfe.

Solche Leute soll es ja geben. Menschen, die stur einen Plan verfolgen, und erst wenn nichts mehr geht, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen, weil dieses radikale Auf-eine-Karte-Setzen als Lebensmodell so gar nicht funktioniert, dann machen sie eine Pause. Halten inne. Und verdrücken, sagen wir, einen Geburtstagskuchen fast ganz im Alleingang.

Anschließend gehen sie ins Büro und freuen sich über den Anruf des Chefs. Brenner muss regelrecht schreien, schlechter Empfang auf diesen Hochseeyachten, man kennt das ja. Na ja, eher nicht.

Im Lauf des Gesprächs wünsche ich ihm jedenfalls gute Besserung, von wegen Operation an der Dings, Sie wissen schon, ich will solche Themen nicht direkt ansprechen, jedenfalls noch nicht jetzt. Ich bin 40, nicht 50. Aber Brenner ist bester Laune und erklärt mich zum zuständigen Texter für einen neuen Etat. Abführmittel. Er hat auch gleich eine super Idee: "Wir zeigen einen Polizisten, und die Headline lautet: ›Bitte abführ'n!‹" Ich lache bemüht, doch er hat schon aufgelegt.

So beginnt also mein neues Lebensjahr in beruflicher Hinsicht: mit einem Darmrelaxans. Nun, Brenner hat mir einen Gefallen getan. Um im Bild zu bleiben: Manchmal müssen die Umstände komplett unverdaulich werden, damit man etwas grundlegend ändert. Dann trifft man eine Entscheidung und macht sich auf eigene Verantwortung zum Arsch. Mit einem Buch zum Beispiel.

Diesmal bin ich es, der Brenner anruft. Nach zehn Minuten ist alles geklärt.

Dieser Tag wird immer besser. Auch weil die Headlines des Praktikanten für die "KidsPlus"-Anzeigen ausgezeichnet sind. Kinderversicherung, kein leichtes Thema. "Und das hast du wirklich super gelöst, Felix", sage ich. Mein junger Kollege antwortet nicht, tonlos bearbeitet er weiter die Tastatur.

"Felix?", hake ich nach. "Die Headlines. Super!" Ich mache das Daumen-hoch-Zeichen, und da erst reagiert er. "Alles okay, Martin?", fragt er, und ich möchte ihm erklären, dass alles nicht nur okay, sondern großartig ist, wenn du deinen Geburtstag mit zwei intakten Beinen feiern kannst und deine Mutter niemals deinen Therapeuten heiraten wird, schon allein, weil sie Cord unausstehlich findet. Aber das behalte ich für mich. Stattdessen lade ich ihn für heute Abend zu Bruno ein.

"20 Uhr, Fritzi und Zieper kommen auch."

Glück, Freunde!

3

Noch einmal die Glücksforscher. Sie sagen: Integration in ein soziales Netzwerk wirkt sich stark auf das Wohlbefinden aus. Ich denke, das liegt auf der Hand, vor allem für Leute wie mich. Ein Querkopf allein ist in schlechter Gesellschaft. Man denkt sich so alles Mögliche zusammen, ob das dann noch viel mit der Realität zu tun hat, ist eine andere Frage. Eine blühende Phantasie zu haben ist gut, paranoid zu werden und vor lauter Misstrauen überall Feinde zu wittern, verheerend. Das finde ich ganz besonders schmerzhaft: diese Angst, die anderen, die Kollegen, Bekannten, Freunde, ja das Leben insgesamt wolle einen über den Tisch ziehen. Man wird diese Beklemmung nicht los, es sei denn, man kontrolliert alle, sichert sich ab, hat immer einen Plan B und Plan C und Plan D. Das ist erstens furchtbar anstrengend. Und zweitens reicht die Anstrengung niemals aus. Selbst wenn man alle überzeugt hat, mit noch so viel Selbstoptimierungswillen und Eigentuning, dass man in Ordnung ist und verdient, respektiert zu werden, gibt es immer noch diese innere Stimme, die flüstert: "Du willst okay sein? Dass ich nicht lache!" Das ist nicht die vielgerühmte innere Stimme als Intuition oder Sprachrohr eines besseren Selbst, sondern dieser miesepetrige, hinterhältige Zensor, der in den meisten am Werk ist. Mal stärker, mal schwächer. Den muss man zum Schweigen bringen, wenigstens zeitweise. Ist nur leider gar nicht so leicht. Heroin soll funktionieren. Amoklaufen. Lobotomie.

Harmloser, dafür weniger gesundheitsschädigend: Geburtstagsgäste und jede Menge Pasta. Klingt wie aus einem Werbespot? Wer hat gesagt, dass in unseren Inszenierungen von Glück nicht auch ein Fünkchen Wahrheit enthalten ist?

Zieper und Friederike wirken tatsächlich wie das Angestelltenpärchen aus einem Werbeclip für Versicherungen. Verkauft wird mal wieder die goldene Zukunft ohne Zweifel, Angst und Sorgen. Aber ich weiß, dass Fritzi furchtbar aufgeregt war wegen heute Abend. "Weil deine Mutter kommt. Die ist doch immer so streng, und ich will nicht, dass sie blöde Bemerkungen über Ziepi macht!" Und Zieper trägt keinen grauen, sondern einen blauen Anzug. Das verrät ein Höchstmaß an sowohl Anspannung als auch Aufgeschlossenheit. Er hat sich sogar eine Nelke ins Knopfloch gesteckt - für jemanden, der neulich per Memo ausdrücklich auf grauen Aktenordnern bestanden hat ("Rot lenkt mich ab"), ist das eine enorme Leistung.

Glücksforscher, nur den einen noch: Unter Kollegen Vertraute zu haben ist eine exzellente Methode, um Stress im Arbeitsleben zu verringern. So gesehen bin ich von allem Möglichen gestresst, aber nicht von Zieper. Ich vertraue ihm. Hätte ich ihn sonst neben Jo gesetzt? Mein bester Freund hat Tina mitgebracht, eine seiner vielen Bekanntschaften aus Yoga- und Fitnesskursen. Während Jo am Laptop herumhantiert, der mit einem Beamer verbunden ist (was hat er eigentlich vor?), erklärt sie Ziepi und Friederike die Finessen der Thai-Massage.

Ulrich und Brenda haben Bruno, den Restaurantbesitzer, in ein Gespräch über Weine verwickelt. Nein, er werde keinen Rosé servieren, schon gar nicht auf Eis, auch wenn das auf Mallorca jetzt voll im Trend sei. Aber dieses Geschäftsmodell mit den Fitnessgeräten, das finde er spannend. "Wie heißt das Gerät gleich noch mal?", fragt er. Brenda und Ulrich antworten im Chor: "Stepking!"

Die Pasta wird bereits serviert, da rauscht meine Mutter herein, hinter ihr Hossi, ihr Freund. Sie wirken beide ein wenig derangiert, als hätten sie sich gestritten oder sonst etwas Aufregendes erlebt. "Entschuldige bitte, wir kamen einfach nicht los", sagt Brigitte Frielings und versenkt einen innigen Blick tief in den Augen ihres Begleiters. Der räuspert sich nur und stürzt sich auf Felix. "Wirklich schick, das T-Shirt. Aggro Berlin, ist das eine Marke?"

Mein Praktikant hält daraufhin eine kleine Vorlesung über Gangsta-Rap und Hip-Hop als Sprachrohr des urbanen Unterschichtenmannes. Zieper und Fritzi mischen sich ein, es geht um Sido, den Typ mit der Maske, und Jo meint, eine Maske vor der Maske zu tragen sei doch raffiniert, worauf Brenda sagt, manchmal komme die ganze Schminke aber runter, und dann wisse man, mit wem man's zu tun hat. Dabei schaut sie erst mich und dann Ulrich an, so hartnäckig, dass mir ein wenig mulmig wird, deshalb erhebe ich mein Glas und sage: "Schön, dass ihr da seid. Mit euch ist es anstrengend. Ohne euch würde es nicht gehen. Und jetzt gibt es Geschenke."

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Zieper und Fritzi kriegen die Tarotkarte mit den Liebenden. Den Satz, dass sie das sicher spielend hinkriegen mit ihrer Beziehung, lasse ich weg. Es wäre eine Lüge, auch wenn ich es ihnen wünsche. Das Leben und die Liebe sind kein Spiel, wie der Baron behauptet hat. Sie sind aber auch kein Kampf und kein Drama und keine Tragödie, sondern von allem ein bisschen. Mein Gott, bin ich weise, und das mit 40. Dieser Gedanke verführt mich zu einem kleinen Exkurs über Männer, die in die Jahre kommen und trotzdem auf kriminelle Weise attraktiv bleiben. "Ihr wisst, wer gemeint ist", sage ich und blinzele zu Jo hinüber. Er bekommt einen Mondstein, den ich von unserer Nachtwanderung übrig behalten habe. "Wen kann ich damit verhexen?", sagt er, aber die Frage erübrigt sich, wenn man sich seine Begleiterin anschaut.

Für Ulrich bringt Bruno eine Glasschüssel, darin zappelt ein kleiner Fisch. "Ist es das, was ich denke?", fragt Ulrich aufgeregt und zupft ein Stückchen Schinken von seiner Pizza.

"Piranhas gab's leider keine", sage ich mit Bedauern. "Aber in der Tierhandlung meinten sie, die sähen fast genau so aus."

"Stimmt, er wirkt gefährlich", sagt mein Cousin. "Braucht sicher viel Platz. Am besten ein großes Aquarium."

Meine Mutter bekommt den Glaspierrot, ich habe ihn letzte Woche in einem Sakko wiederentdeckt. Gerade weil er so geschmacklos ist, ist er das perfekte Präsent für Brigitte Frielings, die Sachverständige in allen Fragen der Ästhetik. Da steht es vor ihr, das durchsichtige Männchen, und erweist seiner neuen Besitzerin glitzernd die Reverenz. "Er hat ein interessantes Gesicht", sagt meine Mutter und wendet die kleine Figur hin und her. "Wie würde es wohl ein Autor beschreiben? Also, ich meine, ein Schriftsteller, nicht ein Texter."

Ah, danke, Mutter, wie konnte ich es vergessen. "Felix, dein Praktikum ist zu Ende."

Mein ehemaliger Praktikant schaut mich entgeistert an. "Aber ich hab doch noch zwei Monate!"

"Fehlanzeige. Wir brauchen dich früher. Als Juniortexter. Du wirst übernommen." Das ging natürlich nur, weil eine Stelle frei wurde. Meine. Brenner war sofort einverstanden gewesen. Ich nehme eine Auszeit. Raten Sie mal, für was.

"Und jetzt schauen wir dein Geburtstagsvideo!" Jo schaltet den Beamer ein, als Erstes taucht Friederike auf. Sie wirkt etwas verlegen, angespannt. Dann beginnt sie zu sprechen: über sich, über uns, unsere Freundschaft. Ich sehe sie, auf die Rückwand von Brunos Restaurant projiziert, ein Schemen, der aus einer nicht allzu fernen Vergangenheit zu mir spricht. Je länger sie redet, umso trauriger werde ich, aber dann schaue ich mich um und begreife: Sie ist ja da, nicht nur als Film, nicht nur als Darstellerin irgendwelcher Vorstellungen und Phantasien, sondern ganz real. So wie die andern. Sie sind alle da, heute und hier. Für mich.

"Weißt du schon einen Titel für das Werk?", fragt mich Jo später. Wir schauen die DVD schon zum zweiten Mal, weil Ulrich die Stelle noch mal sehen will, "da, wo ich diese coole Sache sage, von wegen Rangehen statt Rumstehen". Jo drückt die Fastforward-Taste, und meine Freunde huschen über die Leinwand.

"Ich dachte an Desperado", sage ich. "Desperado. Abenteuer eines Glücksuchers."