"Desperado": Mein Leben als Masochist - DER SPIEGEL
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"Desperado" Mein Leben als Masochist

Zocker, Purist, Militarist, Esoteriker: Was muss Martin, der Held des Romans "Desperado", denn noch werden? Vielleicht tapferer und taffer. Schließlich geht es darum, den Schlüssel zum Glück zu finden. Deshalb heißt es jetzt: Fass dir ein Herz - begrüß den Schmerz!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was bisher geschah:

Die Sinnsuche mit bewusstseinserweiternden Pilzen zu verstärken, schien eine gute Idee. Schade nur, dass die Polizei das nicht so sah. Sie nahmen Martin richtig in die Mangel. Dieses packende Abenteuer verschaffte dem Möchtegern-Esoteriker eine Erkenntnis: Nur wenn's weh tut, tut sich wirklich was.

Mein Leben als Masochist

Wir sind eine Gesellschaft von Hypnotisierten und Sedierten. Fahren Sie U-Bahn: Alle glotzen auf die in den Waggons installierten Bildschirme. Reklame, Info-Häppchen, drittklassige Comics und wieder von vorne. Ich aber weiß, wie gefährlich diese schleichende Lähmung ist. Sie überzieht unsere Lebenskräfte mit der Kruste des Komforts, schwächt unsere Vitalität durch die Narkose des Lauen.

Dabei gilt, was Jünger sagt: Man muss den Schmerz ins Dasein einschließen und das Leben so einrichten, "dass es jederzeit für die Begegnung mit ihm gerüstet ist". Deshalb die priesterlich-asketische Disziplin, die auf Abtötung, und die kriegerisch-heroische, die auf Stählung gerichtet ist. Nur so, indem man das Leben völlig in der Gewalt hat, kann es im Sinne einer höheren Ordnung zum Einsatz kommen.

Wenn ich mich also mit dem verletzten Arm (er ist seit der Sache mit den Pilzen und der Polizei zu einer Quelle konstanten Schmerzes geworden) der ins Abteil wogenden Menge entgegenstemme, dann ist das eine existentielle Übung.

Ah, dieser Dicke, wie er sein Gewicht gegen meine Schulter fallen lässt! Immer wieder rammt sein pendelnder Körper die schmerzende Stelle. Und dieses Touristenpärchen! Ihre gigantischen Rucksäcke: Prellböcke, die mein Nervensystem erschauern lassen. Eine alte Frau krallt sich beim Bremsen des Zuges in meinen Arm. Sie stammelt ein verlegenes "Entschuldigung!", ich aber schaue sie dankbar an. Wer hätte gedacht, dass so viel Lust liegt in der Verletzung? Nicht Unlust zu vermeiden, sie zu steigern, darin erkenne ich nun das Mittel gegen die Verflachung der Welt.

Beim Aussteigen werfe ich mich drei Halbwüchsigen entgegen; selbst durch das Polster ihrer Bomberjacken spüre ich die Härte ihrer Muskeln. "Hast du ein Problem, Alter?", fragt mich der eine wütend, aber meine Antwort geht im Brausen der abfahrenden U-Bahn unter. "Nicht mehr", sage ich leise und gehe zum Ausgang.

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Zieper trägt heute eine besonders geschmacklose Krawatte. In selbstquälerischer Hingabe starre ich sie an und frage mich, ob man sich mit diesem Polyesterriemen wohl geißeln könnte. Die Flagellation ist ja mit das beste Therapeutikum zur Erregung erlahmter Gefühle. Sie erhitzt und reinigt das Gemüt von depressiven Stimmungen, so sah es jedenfalls die mittelalterliche Medizin. Und sie wurde von einigen ernstzunehmenden Zeitgenossen praktiziert: Ignatius von Loyola, Katharina von Siena, Franziskus von Xavier. Man war vor allem auf den metaphysischen Ertrag des Verfahrens aus. Man zählt die Geißelhiebe und verrechnet sie mit den begangenen Sünden.

Wie viele Schläge verdient wohl die maßlose Selbstbezogenheit, mit der ich in den letzten Wochen meine Umwelt gequält habe? In Ermangelung der passenden Utensilien zur Selbstauspeitschung verlege ich mich auf eine metaphorische Lösung. Ich übernehme die Broschüren für eine Tagesklinik, die ihren Kundenstamm vergrößern will. Da ich bereits mit einer Anzeigenkampagne für S.E.N.F.-Niederlassungen in Dortmund und Halle mehr als ausgelastet bin, bedeutet dies in jedem Fall Wochenendarbeit, wenn nicht Nachtschichten.

"Ich mach's!", rufe ich eifrig in die Runde. "Sonst müssten wir ja einen Freien buchen! Außerdem ist Sunshine gleich bei mir um die Ecke. Da kann ich fürs erste Briefing ja schnell vorbeischauen."

"Und was ist mit den Flyern für die Frauenversicherung? Du weißt schon, Gesundheits- und Altersvorsorge?" Friederike schaut besorgt. Lässig winke ich ab (was einen bislang unbekannten, intensiven Schmerz um das Ellbogengelenk herum verursacht).

"Kein Problem, Fritzi, wird alles in time erledigt. Schlag auf Schlag!"

Peitsch mich!

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Die Sunshine-Tagesklinik bewacht das nördliche Ende des Lietzenseeparks im besseren Teil von Charlottenburg. Dort residiert das Therapiezentrum in einer ehemaligen Schule; die hohen Fenster und langen Flure erinnern noch an die Zeiten, als man hier Pennäler quälte. Jetzt schlurfen Burn-out-Geschädigte, Quartalsdepressive und etwas zu eifrige Liebhaber psychoaktiver Substanzen durch die Gänge. Sunshine hat sich auf die leichteren Fälle spezialisiert, denen ein stationärer Aufenthalt erspart werden soll und die "eine den Lebensumständen entsprechende Stabilisierung" (Eigendarstellung) brauchen.

"Frielings, guten Morgen. Ich habe einen Termin."

"Bei wem?", fragt der junge Mann an der Rezeption freundlich. Hinter ihm prangt das Logo der Klinik, eine augenzwinkernde Sonne.

"Decker", sage ich und staune über das konsequente Design. Überall heitere Farben, alle Möbel sind in Pastelltönen gehalten. Die Patienten tragen weiße Morgenmäntel oder sitzen, unter großen Heizpilzen und in gelbe Plaids gehüllt, auf der Terrasse.

"Erstgespräch?", fragt der Rezeptionist.

"Kann man so sagen."

"Ich gebe Bescheid. Nehmen Sie doch bitte kurz Platz."

Sie sind schon ein Völkchen, diese Sunshine-Leute. Von meinem Sessel aus schaue ich in den Garten, wo eine ältere Dame einen Baum umarmt. Daneben steht, aus einem Buch deklamierend, ein junger Mann. Gern wüsste ich, was er liest und ob ihm nicht kalt ist, so ganz ohne Hose im November. Ein Sunshine-Mitarbeiter kommt vorbei, blättert behutsam die Seite um und geht weiter.

Respekt und Umsicht bestimmen die Atmosphäre, auch hier drinnen, wo mein Sitznachbar in sein Handy flüstert: "Nur drei Gramm, mehr will ich ja gar nicht!" Als unsere Blicke sich begegnen, zuckt er entschuldigend mit den Achseln. Nein, man will sich nicht belästigen. Es ist ein Ort der Konsolidierung, und auch wenn ich nicht an das Konzept der Schonung glaube, so weiß ich doch um dessen positive Wirkung auf das durchschnittliche Naturell.

"Herr Frielings? Entschuldigen Sie die Verspätung." Ein großer, in Cordanzug und Rollkragenpullover gekleideter Mittfünfziger schüttelt mir energisch die Hand.

"Kein Problem, ist ja regelrecht meditativ hier. Und der schöne Garten."

"In dem Teich sind echte Koi-Karpfen." Decker führt mich in sein Büro. "Der japanischen Überlieferung nach symbolisieren sie Mut, Kraft und Erfolg."

"Womit wir beim Thema wären", sage ich. "Ich habe ein paar Unterlagen zusammengestellt."

"Lassen Sie uns doch erst ein wenig reden." Decker nimmt in einem Cordsessel Platz, der dieselbe Farbe wie sein Sakko hat. Er wirkt dadurch merkwürdig körperlos, ein bärtiger Kopf in einem Futteral aus Cord.

"Haben Sie Erfahrung mit Therapie?" Decker schenkt uns Mineralwasser ein.

"Nein, das ist meine erste Einrichtung dieser Art. Aber ich komme da sicher schnell rein."

"Mal ganz frei von der Leber weg: Wo sehen Sie das zentrale Problem?", fragt Decker und zückt ein kleines Notizbuch. Es hat einen Cordeinband.

"Eine freundliche, nicht zu ranschmeißerische Kommunikation nach außen, dafür braucht man Fingerspitzengefühl. Man kann das nicht zu offensiv angehen, muss aber auch selbstbewusst die Vorzüge darstellen." Decker macht sich eine Notiz.

"Es gibt gegenüber psychischen Krankheiten ja immer noch große Vorurteile", fahre ich fort. "Das gilt auch für die Betroffenen. Wann kapituliere ich vor meiner Störung? Wann gebe ich zu, Hilfe zu brauchen? Dieser Aspekt muss, glaube ich, im Vordergrund stehen."

"Martin, ich darf doch Martin sagen? Also, Sie haben da ein sehr hohes Reflexionsniveau. Das ist eine gute Grundlage. Aber wir müssen uns auch um die emotionale Seite kümmern." Decker nimmt einen großen Schluck Mineralwasser. Erst jetzt sehe ich, dass die Gläser in Cordköchern stecken. Und diese Tapete: Ist das etwa …?

"Emotionalität, natürlich." Ich zwinge meinen Blick zurück auf Decker, der eine Lesebrille aus einem Cordetui zieht. "Eine warme, persönliche Ansprache wäre mir wichtig. Eine, die sagt: Du bist in Not, aber wir haben Lösungen für dich. Vielleicht leidest du unter Zwängen, bist fixiert auf bestimmte Materialien. Dann geben wir dir Instrumente an die Hand, damit du wieder mehr Spielraum bekommst, dich wieder eingliedern kannst. So eine Haltung spricht mich an, ohne mich zu bedrängen."

Decker zieht ein kleines Cordkissen hinter seinem Rücken hervor, legt es sich auf den Schoß. "Martin, ich finde, das ist wirklich eine sehr, sehr gute Arbeitsgrundlage. Und ich möchte Ihre, wie sage ich das, ich möchte diese gedankliche Durchdringung der Situation, die möchte ich nutzen. Warum schreiben Sie nicht etwas für mich?"

"Das versteht sich eigentlich von selbst, oder?" Ich bin überrascht. "Oder hatten Sie auch Funk und TV geplant?"

Decker tätschelt lachend das Kissen. "Funk und TV! Sehr gut! Humor ist ganz wichtig. Also, dann schreiben Sie doch, sagen wir, drei, vier Seiten. Einfach: Wie ist die Lage, was ist gerade dran, was erhoffen Sie sich? Und wir machen einen Termin für nächste Woche."

"Gern", sage ich und vermeide einen weiteren Blick auf Deckers Schreibtisch, wo alles geriffelt ist, sogar der Telefonhörer. "Dann bis nächste Woche."

In der Halle winkt mir der Rezeptionist noch einmal zu, draußen umarmt die Frau weiter den Baum. "Rinde ist der Cord der Natur", murmele ich beim Hinausgehen. Wenn man die Dinge beim Namen nennt, sind sie weniger bedrohlich.

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Von Sacher-Masoch hatte recht: Wir sind verstrickt in einen ewigen Geschlechterkrieg, er ist enthemmt und zugleich subtil, diskret und in hohem Maße aufreizend. Auch für mich gibt es eine Venus im Pelz, auch wenn sie mich nicht schlägt, vor den Pflug spannt oder mit goldenen Haarnadeln traktiert. Der lustsinnige Aristokrat hatte eine schöne Baronin aus Wien, mit ihr schloss er sogar einen Unterwerfungsvertrag. Der schrieb kaltblütige Willkürakte seitens der "Herrin" und schmerzvolle Knechtung des "Sklaven" vor; Gipfel der Demütigung war der Betrug vor aller Augen. Und ist es nicht genau das, was Friederike mir antut? Wenn sie mit Zieper flirtet, ihm von Starbuck's Cappuccino mitbringt und, wie gestern erst, die Krawatte zurechtrückt? Besagter Synthetikstreifen, mit dem man sich, wie mir gerade bewusst wird, vorzüglich fesseln könnte. Shibari heißt die japanische Knebelkunst zur Luststeigerung, entwickelt wurde sie angeblich von den Samurai zur Folter von Gefangenen. Fritzi, in züchtig weißer Bluse und schwarzem Rock, würde mir die Arme auf dem Rücken verschränken. Ein erstes Seil festzurren, dann ein zweites, ein drittes. Schließlich bin ich so zusammengeschnürt, dass ich mich nicht mehr bewegen kann. Dann schält sie mir durch die Gurte hindurch die Kleidung vom Leib. Ich lasse alles geschehen, "trunken vom Seil", wie es im Japanischen heißt.

"Martin! Schläfst du mit offenen Augen, oder was?" Da steht sie, meine Peinigerin, das Seil verwandelt sich in einen Seidenschal, nur spärlich verhüllt er ihre Reize. Im Kamin knistert das Feuer, ich ziehe sie auf ein samt-bezogenes Kanapee. "Peitsche mich, tritt mich, es ist mir ein Genuss", will ich Sacher-Masoch zitieren, aber sie sagt genervt:

"Decker hat angerufen, warum du nicht erschienen bist." Das Feuer erlischt, wir sind wieder im Büro.

"Was? Ich hab doch grad mit ihm gesprochen!"

"Die Frau sagte aber was anderes."

"Die Frau?", frage ich entgeistert, als mein Handy klingelt. Es ist Decker. Ich hätte meine Unterlagen vergessen, erklärt er mit Märchenonkelstimme.

"Wo haben Sie meine Nummer her?"

"Der Mappe lag eine Karte bei. Warum wollten Sie die Papiere eigentlich loswerden, Martin? Was glauben Sie?"

"Ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor."

"Zweifeln Sie an meinem Verständnis?", fragt Decker.

"Was? Nein!", gebe ich zurück. "Gibt es eine Frau Decker bei Ihnen?"

"Cordula? Das ist meine Frau, sie macht die PR für Sunshine."

"Mit ihr sollte ich sprechen."

"Sie würden also lieber zu einer Frau? Interessanter Punkt. Wir werden nächste Woche drüber reden."

Morgen sind die Versicherungsfolder fällig, am Donnerstag ein weiterer Termin mit Sunshine (diesmal mit Frau Decker, die nicht Therapeutin ist, sondern Betriebswirtin), am Freitag dann der Schulterblick für S.E.N.F.

Schulterblick ist die Bezeichnung für eine erste Präsentation von Werbeideen für einen neuen Kunden. Ich mag den Begriff, er steht in diesen Tagen in einem besonderen Verhältnis zu meinem Körper. Meinen rechten Arm kann ich nicht mehr anwinkeln; es ist, als ob Bizeps und Ellbogen durch eine Stromleitung verbunden wären. Ich meine das durchaus positiv: Ich bin regelrecht elektrisiert von diesem Schmerz, er erinnert mich an die kreatürliche Hinfälligkeit des Daseins und wie es durch Leiden einen höheren Sinn erfährt. Das arrogante Bewusstsein wähnt sich als Herr im Haus, aber sind es nicht Körper und Sinne, Leidenschaften und Begehren, die uns steuern? Nur konstante Pein kann uns die nötige Demut beibringen, unsere Existenz als das zu erkennen, was sie ist: Knechtschaft, getarnt als Possenspiel.

Ich empfand es deshalb als schlimmen Verrat an meiner neuen Lebensweise, dass ich kurzzeitig zu Schmerzmitteln greifen musste. Nachdem Aspirin, Ibuprofen und Naproxen keine Wirkung gezeigt und auch Migränemittel nicht weitergeholfen hatten, borgte ich mir eine Packung Tramadol von meiner Mutter. Ihre chronischen Zahnprobleme berechtigen sie zu einem Vorrat leichter Opioid-Analgetika. Zumindest sieht Dr. Spumatski das so, ein älterer Herr, der Patienten ungefragt seine Sammlung historischer Morphiumspritzen zeigt. Das wertvollste Stück ist aus massivem Gold, mit prächtigen Emailverzierungen. Fabergé selbst soll es gestaltet haben.

Es ist nicht leicht, den Wirkungen entspannender Substanzen zu widerstehen. Wie schrieb Fallada über das Morphin: "Es ist so sanft, ein glücklicher Strom wallt durch meine Glieder dahin, in seinen Strömen bewegen sich alle kleinen Nerven zart und sacht wie Wasserpflanzen in einem klaren See."

Nun, man muss dieses Gewächs, das man selber ist, abhärten. Und wenn man schon physisch nachgeben muss - selbst den Laptop konnte ich nicht mehr ohne fremde Hilfe öffnen -, so kann die Stählung an anderer Stelle stattfinden. Zwei Nächte durcharbeiten (12-seitige Broschüre zum Thema gesetzliche Waisenrente; Plakatkampagne für S.E.N.F.) ist ein Anfang.

Bei der Vorabpräsentation für Zieper und Brenner wird mir plötzlich schwindelig. Der Chef zerfließt an den Rändern, eigentlich ein toller Morphing-Effekt, wie man ihn aus Science-Fiction-Filmen kennt, nur dass er mit meinem Körper zusammenhängt. Je flüssiger Brenner, desto heißer auf einmal mein Arm. Synästhesie ist schon faszinierend, denke ich noch, da rutschen die Kollegen aus dem Blickfeld.

"Alles okay, Martin?" Zieper ist auf mich zugeeilt, aber ich habe mich wieder gefangen. Muss das neue Mittel von Spumatski sein. Als er es mir zusteckte, war dieses merkwürdige Glitzern in seinen Augen. Kriegt er sonst nur, wenn er vom Zweiten Weltkrieg spricht.

"Mir geht's gut, danke!", sage ich, zu einer wegwerfenden Geste bin ich allerdings nicht imstande. Auch das klingelnde Handy kann ich nicht ohne Hilfe aus der Hose ziehen. Ich entschuldige mich kurz und verlasse den Raum.

Meine Mutter ist am Apparat. "Martin, dieses Wochenende, ohne Widerrede!" Sie treibt die Schulden für vier geschwänzte Kaffeekränzchen ein.

"Florenz, Samstag bis Montag. Die Tickets hab ich schon. Und bitte sag jetzt nicht, du schreibst an deinem Buch."

Brigitte Frielings, würdige Nachfahrin Machiavellis. Wie immer geht sie von meinem Widerwillen, mich unterzuordnen, aus. Wenn sie wüsste, wie gelegen mir diese Reise kommt. Ganze Tage auf der Jagd nach Handtaschen und Accessoires, endlose Märsche durch Galerien und Museen: Gibt es eine bessere Art, an die Tradition der Geißlerzüge anzuknüpfen?

Shopping für Flagellanten

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Das Leben besteht aus Schmerz. Er adelt unsere prosaischen Triebe, unsere Gier nach Zerstreuung und Entlastung. Das versteht am besten, wer zwei schuhschrank-große Rollkoffer und eine vollgepackte Reisetasche durch Florenz schleppt. Das Tramadol, diesmal von einem jüngeren Herrn am Hauptbahnhof erworben, nachdem Spumatski Nachschubprobleme hatte, hält das nervöse Brennen in Arm und Schulter nur mühsam in Schach. Dennoch lasse ich es mir nicht nehmen, das Gepäck persönlich in unseren Zimmern abzuladen.

Wir wohnen wie üblich im Brunelleschi. Meine Mutter in der Junior-Suite, ich habe ein Doppelzimmer mit Blick auf den Dom. Ist das eigentlich der Dom? Die Szenerie verschwimmt immer mal wieder, außerdem habe ich seit dem Flug so ein Stechen im rechten Ohr. Ich lasse einen Espresso aufs Zimmer kommen, den ich aber nicht trinken kann, weil wir sofort losziehen. "Wir haben so viel vor", sagt Brigitte Frielings.

Mir soll es recht sein. Gehen wir doch gleich, ohne eine Minute auszuruhen, zu Scavalli, Pucci und Zegna, dann weiter zu Gucci und Ferragamo, wo meine Mutter ein paar Schaftstiefel ersteht. Leider sind dem Geschäft die passenden Tragetaschen ausgegangen, und so klemme ich mir den riesigen Karton unter den linken Arm.

Es folgen ein Besuch bei Buccellati, dem Accessoire-Händler, der endlich die silbernen Geranienblattschälchen wieder im Programm hat, "ohne die mein Nachttisch so leer wirkt", und eine Stippvisite beim Stoffguru Tessuti; die Ausbeute sind vier Meter eines dezent gestreiften Cashmere-Seidenstoffs, aus dem eine Hose entstehen soll.

"Oder ein Jäckchen, weißt du, so eins wie bei Herrendreiteilern."

Aber natürlich weiß ich, Mutter, ich habe ja gerade so einen Anzug an. Wir sind bei Brioni, wo ich, um meinen glühenden Arm nicht allzu sehr zu schonen, hintereinander vier Hemden, drei Pullis und eben jenen besagten Anzug anprobiere. Ich nehme dann doch nur einen V-Pullunder in Schwarz. Die Farbe kontrastiert wunderbar mit meinem mittlerweile kalkweißen Gesicht.

Es wäre schön, eine Kleinigkeit zu essen: Bei diesem schwächlichen Gedanken ertappe ich mich, als wir zu Villorsi weiterziehen. Anfang des Jahres hat meine Mutter bei Italiens nobelstem Parfümeur einen eigenen Duft bestellt. Brise de crise soll die Kreation heißen, Amyris und Amber auf einer Basis von Moschus, Sandelholz und einem Tupfer Patschuli. Weil meine Meinung erwünscht ist, teste ich hintereinander acht verschiedene Mischungen; dass der Moschus mir derart zusetzen würde, hätte ich allerdings nicht gedacht. Nur mit Not bezwinge ich den Brechreiz.

Mein Arm scheint nun aus züngelnden Flammen zu bestehen, aber weitere Tabletten sind keine Lösung. Sie sind außerdem in den Tiefen irgendeiner Einkaufstasche verschollen, und ich hätte nichts, um die daumendicken Kapseln hinunterzuspülen. Es sei denn … Ich schnuppere an einem Herrenparfum namens Alamut, verwerfe die Idee aber wieder, zumal Alkohol und Tabletten bekanntlich eine gefährliche Mischung darstellen.

"Nur ein paar Besorgungen, und du wirkst schon wieder so leidend!", sagt meine Mutter auf dem Weg ins Hotel. Es ist nur dieses Brennen im Arm, Mutter, will ich erklären, aber das wäre eine Beschämung und Kapitulation.

Und es stimmt ja auch: Ich leide, vor allem hier, im Angesicht der Leichtigkeit des mediterranen Menschen. Wie könnte es anders sein? Sollen wir, die Deutschen, uns etwa heiter und ausgelassen geben? Wohin uns der Enthusiasmus führt, haben wir ja gesehen: Erster Weltkrieg, Zusammenbruch des Kaiserreichs, Inflation, Weltwirtschaftskrise. Leidenschaft und Inbrunst, die hatten wir 1918 und 1933 - und das Resultat? Eine Megakatastrophe.

Oder 68: Da waren wir wieder total begeistert. Marx, die Revolten der Dritten Welt. Rock'n'Roll, Sit-ins, Shit-ins. Und wo endete das Ganze? Im Terror, in der Ermordung Unschuldiger, in Stammheim. Schließlich die Achtziger: Mauerfall, und auch da sah die Geschichte noch mal vielversprechend aus. Und dann kommen die Ossis tatsächlich rüber. Probleme über Probleme: vier Millionen Arbeitslose, über zwei Millionen Hartz-IV-Empfänger und mittlerweile 20 Millionen Rentner. Und wir sollen nicht zerknirscht sein?

"Zur Strafe musst du jetzt mit in die Uffizien." Brigitte Frielings, Cicerone und Folterknecht.

Freud spricht in seinen Schriften von "Strafbedürfnis". Der Neurotiker bringt sich in demütigende Situationen, der Grund ist die Spannung zwischen einem besonders fordernden Über-Ich und dem Ich. Ist diese Konstellation nicht kreativ?, frage ich mich auf dem Weg vom Landkartensaal zu den deutschen Malern. Kommt die Herrschaft eines besonders empfindlichen Gewissens nicht einer permanenten Sensibilisierung gleich? Wie fühlten sich wohl Raffael und del Sarto, Tizian und Parmigianino, alle diese großartigen Maler, deren Werke doch immer wieder um Schuld und Sünde, Verbrechen und Vergebung kreisen?

Im Korridor des Cinquecento habe ich einen kleinen Schwächeanfall. Ein finnischer Tourist hilft mir auf, in seiner Miene erkenne ich die Ernsthaftigkeit des Nordländers, ihren Hang zum Fatalismus. Das tut gut. Gerührt hauche ich ihm ein "Thank you!" hinterher.

Jetzt nicht schlappmachen, es gibt noch so viel zu sehen: Rubens und Caravaggio, den Saal der Niobe und die Niederländer des 17. Jahrhunderts.

"Eine halbe Stunde mit Rembrandt, das wirst du mir noch gönnen, Martin!" Aber natürlich, Mutter, ich ruhe nur ein wenig aus, hier bei Giotto, Cimabue und da Buonsegna. Ihre Mariendarstellungen haben so etwas Tröstliches, vor allem jetzt, da der Schmerz meine rechte Körperhälfte fast vollständig aufgefressen hat. Gut, dass man die Taschen am Eingang abgeben konnte, selbst das Handy ist zu schwer, es gleitet aus meiner zitternden Hand. Wen ich wohl anrufen wollte? Friederike vielleicht. Ihr sagen, wie glücklich ich bin, sie zur Freundin zu haben.

Wie schön Giottos Maesta doch ist. Diese Leuchtkraft, diese Körperlichkeit. Durch einen Schleier aus Tränen betrachte ich die Madonna, ruhig hält sie den Gottessohn im Arm, umflossen von festlichem Gold.

"Was für ein Pascha!", sagt eine vertraute Stimme. Dann werde ich bewusstlos.

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