"Desperado" Mein Leben als Paranoiker
Was bisher geschah:
Zocker, Purist, Tierfreund, Militarist: Martin, der urbane Medienprofi und Dauersingle, kämpft sich wacker durch die Lebensmodelle. So richtig funktioniert aber keines. Ist da vielleicht eine Verschwörung im Gange? Überhaupt: Muss man heutzutage, in Zeiten der Finanzen, nicht sowieso viel misstrauischer sein?
Mein Leben als Paranoiker
Wer ist der Typ neben Zieper? Er sieht drahtig aus, sicher ein Jogger und Trennkostfan. Und dann dieses süffisante Lächeln, als sei dies alles hier, die Montagsrunde von Brenner & Friends, die blassen, überarbeiteten Kollegen, ein Scherz, dessen Pointe sich nur einer besonders sportlichen Sorte Mensch enthüllt.
Der hat sicher profitiert von der Wirtschaftsmisere, die uns seit Anfang des Jahres in den mentalen Ausnahmezustand versetzt. Der ist natürlich ein Fan der entfesselten Marktwirtschaft. Na, zufrieden mit der Beseitigung von Zoll- und Handelsschranken? Stolz auf die Privatisierung von Staatskonzernen und die Deregulierung der Finanzmärkte? Happy über strauchelnde Schwellenländer und Industrienationen in Panik? Schon ein paar schicke neue ultralukrative Finanzprodukte im Ärmel für die nächste Runde im globalen Börsenpoker? Du, du
"Heuschrecke!", zische ich.
"Ich dachte, das waren Hornissen", sagt Daniela und mustert mein immer noch geschwollenes Gesicht.
"Nein, der Typ da neben Zieper!"
"Ach, der, das ist doch der ", sagt Daniela, aber da rauscht Brenner herein, und sie eilt ihm hinterher, zur Multimediawand, wo Zieper und die Heuschrecke bereits Stellung bezogen haben.
Noch ist der Bildschirm schwarz, aber in seiner Tiefe schlummert das Unheil. Welches Grauen wird sich uns diesmal in Form eines Logos, einer Tabelle oder eines Kuchendiagramms offenbaren? Ein Kunde, der nur um den Preis zahlloser Überstunden zu halten ist? Ein neues Projekt, das mit der Freizeit der Mitarbeiter erkauft wird? Ein Kreativwettbewerb, der kein Geld bringt, aber durchschuftete Nächte und Wochenenden? Oder ist es noch schlimmer? Wird das Orakel der Multimediawand schweigen, weil der bevorstehende Schrecken nur von ihm, dem Höchsten und Mächtigsten, von Brenner persönlich enthüllt werden kann? Hat der Chef seinen infamen Plan bereits umgesetzt? Ist die Heuschrecke womöglich ein Gesandter des Unternehmens, an das wir verkauft werden wie Sklaven?
Auf der schwarzen Fläche regt sich etwas. Ein Cursor erscheint, dann das Festplattenlogo. Friederike, unwissende Handlangerin des Bösen, steuert das Szenario per Laptop. Ein Doppelklick, und da ist es: S.E.N.F.
S.E.N.F.? Ich werfe Fritzi einen ratlosen Blick zu, die ihrerseits Zieper anschaut, der seinerseits die Stirn runzelt wie ein Boxerwelpe. Die Heuschrecke lächelt nicht mehr, blickt jetzt erwartungsvoll auf Brenner.
"Ich bin nicht in Sorge", sagt der Chef. "Finanzkrise, Wachstumseinbruch, ängstliche Unternehmen, stornierte Anzeigenkampagnen. Nein, ich bin nicht in Sorge." Brenners Blick glüht vor Entschlossenheit. "Ich bin in Aufruhr!" Praktikant verschluckt sich hörbar am Rosinenbagel.
"Ganz recht, junger Mann, es könnte einem hochkommen, wenn man die Prognosen hört: Rekordverluste, Downsizing, Outsourcing, Entlassungen. Und das ist erst der Anfang! Erinnern wir uns an die Krise 1929. Die begann an der Wallstreet, kurz darauf erwischte es Europa, und danach war vier Jahre lang Schluss mit lustig!" Schweigen im Raum, unterbrochen nur von einem Röcheln, als Praktikant einen Smoothie-Rest durch den Strohhalm saugt.
"Sorry!"
"Nein, nein", sagt Brenner. "Genießen Sie Ihren Soft Drink, kosten Sie diesen Luxus aus. Es könnte der letzte Smotschi "
"Smoothie, mit langem U und Ti-eitsch", korrigiert ihn die Heuschrecke. Wie mächtig muss dieser Mann sein, wenn er dem Chef Englischunterricht erteilen darf!
"Also, es könnte der letzte von diesen Fruchtdingern gewesen sein, die man hier zum Frühstück serviert bekommt." Brenner zieht scharf die Luft ein, im Hintergrund glimmt grimmig S.E.N.F.
"Es sei denn" - Pause, Stille, die Kollegen eine starrstaunende Menge, als sei dies das Jüngste Gericht und gleich würde der Weltsinn enthüllt -, "es sei denn, wir sind proaktiv. Packen den Stier bei den Hörnern! Gehen in die Offensive. Und holen uns S.E.N.F."
Oder wir holen uns einen Cappuccino und gehen ein bisschen im Tiergarten spazieren, um schon mal ein Gefühl dafür zu kriegen, wie wir uns als Arbeitslose demnächst die Zeit vertreiben. Das sage ich nicht, sondern schaue auf Zieper. Hat der was am Auge? Oder hat er eben etwa Friederike zugezwinkert?
"S.E.N.F. für Shopping, Entertainment, News, Fun. Die größte Shopping-Mall-Kette der Südhalbkugel mit Niederlassungen in Buenos Aires, Rio und Lissabon. Demnächst auch in Westeuropa. Und das Schönste: Wir machen die Werbung." Wieder Pause. Ich halte die Luft an und ertappe mich beim Impuls, vor Aufregung Praktikants Hand zu ergreifen.
"Wenn wir die Wettbewerbspräsentation gewinnen. Offiziell sind wir nicht eingeladen, aber das deichsle ich schon. Werbevolumen von 80 Millionen per annum. Kann gar nicht sein, dass wir da nicht mitspielen."
Ah, Brenner, du hast mich nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Du hast meinen schlimmsten Verdacht bestätigt! Wir rackern uns ab, holen einen Millionenetat, dadurch steigt der Wert der Agentur noch einmal beträchtlich. Und dann verkaufst du uns an ein international agierendes Agenturnetwork, eine dieser Aktiengesellschaften, mit denen Kapitalinvestoren ihr Geld vermehren. Und während du auf Marbella mit Schampus und Viagra deinen Lebensabend gestaltest, braten wir bei McDonald's Fritten oder schenken bei Starbuck's Kaffee ein. Denn eines steht doch fest: Solche Unternehmen werden von Buchhaltern regiert, für Künstler und andere zarte Naturen ist kein Platz. Man wird uns wegrationalisieren, der Profitmaximierung opfern.
Klar, ich könnte endlich das Buch schreiben - das Buch! -, mit dem mir alle in den Ohren liegen, vor allem meine Mutter, von der ich mir dann leider auch Geld leihen müsste, zumindest für die erste Zeit. Ein Vierzigjähriger, der von seiner Mutter ausgehalten wird, die Vorstellung hat selbst für mich, der immer noch großzügige Spenden in Form von Kaschmirpullis und Tweedsakkos von seiner alten Dame entgegennimmt, etwas Erniedrigendes. Ich kann sie schon hören: "Was hast du von diesen Reklame-Menschen erwartet, Martin? Feingefühl? Wer Geiz ist geil für ein kulturkritisches Credo hält, dem ist das Schlimmste zuzutrauen."
Es muss eine andere Lösung geben, noch ist das Spiel nicht aus. Ich muss die anderen warnen. Gemeinsam können wir Brenners Pläne vielleicht vereiteln.
"Der Kapitalismus", schrieb der Ökonom John Maynard Keynes, "basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden." Nun, mit dieser Naivität ist Schluss. Höchste Zeit, den Drahtziehern der Ausbeutung das Handwerk zu legen.
Als hätte sie meine Gedanken erraten, schenkt mir die Heuschrecke ein breites herausforderndes Lächeln. Und auch Zieper und Friederike strahlen. Die Verschwörung reicht vielleicht viel weiter als gedacht.
2
"Bruno, Martin hat Probleme mit Senf!" Friederike zeigt ihre makellosen Zähne. Zieper, der überraschend mitgekommen ist, obwohl er Pasta nicht mag, wischt sich eine Lachträne aus den Augen.
"Das musste in aller Schärfe mal gesagt werden", setzt Daniela nach. Allgemeines Gelächter.
"Ja, ja, sehr komisch", sage ich. "Aber habt ihr euch mal gefragt, warum wir uns ausgerechnet jetzt um so einen Riesenetat bewerben?"
"Weil wir Werber sind?"
"Bist du wirklich so naiv, Fritzi? Oder willst du von etwas ablenken?"
"Ich würde gerne von meiner zwei Nummern zu eng gekauften Bluse ablenken" - schneller Blick zu Zieper, der doch tatsächlich errötet -, "aber das hast du vermutlich nicht gemeint, Martin."
"Wann wäre der günstigste Zeitpunkt, ein Unternehmen zu verkaufen? Daniela?"
"Ich bin nicht Google, Martin."
"Ich verrate es dir: Wenn man vorher noch mal einen richtig dicken Fisch an Land gezogen hat."
"Brenner will verkaufen?", fragt Zieper gut gelaunt, als ginge es um eine Versteigerung bei eBay. "Das ist Quatsch, Martin. Und das weißt du auch. Außerdem sind solche Verdächtigungen in unserer momentanen Lage alles andere als hilfreich."
"Jan unterstellt mir subversive Tendenzen!", sage ich zu Bruno. Der Besitzer unseres Stammlokals ist am Tischende aufgetaucht und wendet sich an Zieper. "Ische dachte, du magste keine Pasta", sagt er mit betont peinlichem Italiener-Akzent. Wieder ein schneller Blick von Friederike, wieder diese Röte, die kurz über Ziepers Wangen huscht.
"Ich hab ein Laktose-Problem. Da sind die Soßen immer ein bisschen problematisch", sagt Zieper verlegen.
"Und woher kommt diese Allergie?", frage ich schnell. "Schadstoffe! Schadstoffe und Rückstände in Nahrung und Trinkwasser. Und wer ist dafür verantwortlich? Multis und Globalisten, die die Umwelt verpesten, die Forschung korrumpieren und Kriege finanzieren. Und wir machen dabei mit."
"Gut, dass du's sagst, ich muss noch schnell einen Regierungsputsch vorbereiten." Daniela beginnt zu telefonieren.
"Was glaubt ihr denn, wer in einem Laden wie S.E.N.F. die Strippen zieht? Rüstungskonzerne!"
"Sind das die, die auch den 11. September auf dem Gewissen haben?"
"Nee, das sind die mit dem Tsunami. Und für die Ermordung Kennedys und Dianas Tod sind sie auch verantwortlich", sagt Zieper.
Daniela, die Hand übers Handy gelegt, flüstert: "Vorher haben sie aber noch das Aidsvirus in geheimen Labors gezüchtet, um Homosexuelle und Schwarze auszurotten."
"Nicht zu vergessen die Manipulation der ersten Mondlandung zu Propagandazwecken." Zieper, der Stand-up-Komiker.
"Puh, das ist echt schrecklich. Ich glaub, ich brauch zur Stärkung erst mal 'ne Illuminaten-Pizza."
"Ich nehm die Freimaurer-Spaghetti!"
Da sitzen sie und witzeln. Kokettieren mit ihrem Vertrauen auf die Glaubwürdigkeit offizieller Quellen. Oder sie sind selber verstrickt in Brenners Pläne zur Abwicklung des Unternehmens. Daniela klappt das Handy zu, eine Belehrung über die gesundheitlichen Folgen von Mobilfunkstrahlung (Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Leukämie) und ihrer Auswirkungen auf die Natur (Bienensterben, Waldschäden) schenke ich mir. Ich betrachte sie eingehend, ihre schlanken, manikürten Hände, ihre straffen, wohlgeformten Schultern, über die sich ein Hermès-Tuch spannt, das dezente Braun ihres Teints. Sie muss schon wieder im Urlaub gewesen sein. Ob Brenner sie schmiert? So wie er vermutlich Zieper irgendwelche Sonderzahlungen versprochen hat, eine fette Abfindung oder einen besseren Job bei der neuen Firma. Deshalb schaut er auch so versonnen, der Herr Zieper. Es sei denn
"Magst du mal probieren? Ist echt lecker." Friederike balanciert einen Happen Pizza in Richtung Zieper, der den Mund öffnet und dabei gleichzeitig lächelt.
Es sei denn, es spielt sich hinter meinem Rücken noch einiges mehr ab als eine Firmenübernahme.
Wosch! Spradz! Verschwörung!
3
Wenn man erst einmal erkannt hat, dass Misstrauen die einzig angemessene Reaktion auf die Verhältnisse ist, wird einiges leichter. Man ist weniger anfällig für die schleichende Verblödung, mit der uns die geheimen Ausbeuter gefügig machen.
Jetzt verstehe ich auch, was sich hinter der Idee der "Unsichtbaren Hand" wirklich verbirgt. Die Vordenker des Kapitalismus meinten damit ursprünglich eine Instanz, die aus egoistischen Einzelinteressen eine Summe zieht, die dann mit dem Allgemeinwohl identisch ist. Seitdem die Idee aufkam - Ende des 18. Jahrhunderts -, gilt die "Unsichtbare Hand" als Metapher, mit der man die Mechanismen des Marktes erklärt. Heute weiß ich, die "Unsichtbare Hand" ist mehr als eine Redensart, es gibt sie tatsächlich. Sie besteht aus den Brenners dieser Welt und ihren Mitverschwörern, skrupellosen Geschäftemachern, die heimlich unsere Geschicke lenken.
Klingt überzogen? Dann muss man mir mal Folgendes erklären: Meine Putzfrau, von mir bislang als vertrauenswürdig eingestuft, benutzt seit letzter Woche ein neues Putzmittel. Es heißt Spradz. Spradz wird von Fondé Mast hergestellt, einem Verlags- und Kosmetikmulti, der auch in Immobilien macht. Aktuellste Neuinvestition: eine internationale Shopping-Mall-Kette mit Expansionsplänen in Westeuropa. Name des Unternehmens: S.E.N.F.
"Das ist also ein Zufall, dass Sie Ihr geliebtes Wosch gegen Spradz ausgetauscht haben?", rufe ich durch die vierfach verriegelte Tür. Ich habe ein Sicherheitsschloss anbringen lassen, weil ich mit allem rechnen muss.
"Martin, mein Schlüssel passt nicht. Was ist denn los?"
"Beantworten Sie doch einfach meine Frage, Frau Härkle."
"Wosch, Spradz, wo ist denn da der Unterschied?"
Wo da der Unterschied ist? Nun, Wosch ist irgendein Putzmittel, kombiniert mit Spradz aber ist es ein Zeichen, dass man mich im Visier hat. Dass ich die Pläne der Heuschrecke nicht durchkreuzen soll. Und wie würde mir ein Corporate Spion so eine Botschaft zukommen lassen? Natürlich über eine mir nahestehende Person.
"Für wie naiv halten Sie mich eigentlich?" Ich habe das Ohr an die Tür gelegt, so kann ich die Fenster besser im Blick behalten.
"Geht es Ihnen gut? Sie sind ja ganz aufgebracht."
"Erst Wosch, jetzt Spradz. Und da soll ich nicht aufgebracht sein! Glauben Sie, ich bin gehirnamputiert?"
"Ich möchte eigentlich nicht über Ihre geistige Verfassung reden, Martin."
"Nein? Dann lassen Sie uns über Heuschrecken reden!"
"Meinen Sie die Tiere oder diese skrupellosen Finanzleute?"
"Letztere."
"Also, ich bin da nicht wirklich kompetent."
"Versuchen wir's trotzdem."
"Putzmittel, Finanzkrise: Muss ich jetzt zu allem meinen Senf dazugeben?"
Da ist es. Das Signal. Die Warnung.
"Senf. Ich verstehe, Frau Härkle. Und ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Diese Sache ist größer als Sie und ich."
"Was auch immer Sie nehmen, Martin, lassen Sie sich nicht damit erwischen."
"Klar, danke für den Tipp." Mein Telefon klingelt. "Bis nächste Woche."
Meine Mutter ist am Apparat.
"Ich brauche einen Hundesitter. Diese Zahnschmerzen bringen mich um."
"Das ist der Sender, den dir der CIA-Arzt bei deinem letzten Amerikabesuch eingebaut hat." Ich kauere mich hinters Sofa, draußen hört man Frau Härkles Schritte, die sich langsam entfernen.
"Du machst mich wahnsinnig, Martin."
"Muss ich die Hunde trotzdem abholen?"
"Natürlich."
4
Erinnert sich noch jemand an Cheneys und Rumsfelds Ein-Prozent-Regel? Besteht eine Wahrscheinlichkeit von auch nur einem Prozent, dass jemand gefährlich ist, behandle ihn, als sei er gefährlich. Wie würde dieses eine Prozent bei Jo aussehen? Schon die Frage macht deutlich: Jo ist zu gutherzig für Konspiration. Wie er so dasitzt, die Beine zum Schneidersitz verdreht, der Rücken eine perfekte Vertikale, das Gesicht entspannt (nur ab und zu wandert sein Blick unter halbgeöffneten Lidern zur Sitznachbarin hinüber, einer drahtigen Brünetten mit Prinz-Eisenherz-Frisur). Wie er diese Rituale von Dehnung, Stauchung und Verknotung absolviert, im Glauben, auch ich könnte hier "einen Ausgleich zu meinem total verkopften Alltag" finden, das hat etwas Rührend-Naives.
"Meine Ambition ist, hier am Stück wieder rauszukommen", schnaufe ich, während mir der Trainer einen Holzklotz unters Steißbein schiebt. Jo reagiert nicht, deshalb schaue ich mir die anderen Poheber, Luftsitzer und Oberschenkeldehner genauer an. Gesund wirken die nicht. Der Dünne links neben mir sieht aus, als ob er keine Bauchmuskeln brauchte, sondern erst mal einen Bauch.
"Fühlen Sie sich nach dieser Übung auch immer so schwach?" Bei "schwach" hake ich zwei imaginäre Anführungszeichen in die Luft. Keine Reaktion.
"Ich mach den Kurs schon seit vier Wochen und fühle mich von Tag zu Tag schlechter."
"Sie kommen zu unregelmäßig", sagt der Dünne und formt ein Hohlkreuz, unter das eine Lambada-Truppe passen würde.
"Beobachten Sie mich?", frage ich etwas zu laut, was mir einen scharfen Blick des Trainers einträgt. Auf seinem T-Shirt steht groß "Kundalini rockt!".
"Teufelszeug, dieses Kundalini", flüstere ich meinem Nachbarn zu.
"Also ich bin sehr zufrieden", sagt er mit puterrotem Gesicht.
"Mag sein, aber haben Sie Kundalini mal rückwärts gelesen?"
"Hä?"
"Sie werden schon sehen!"
Wieso sitze ich jetzt mit der Brünetten alleine da? Noch vor zehn Minuten hat sie mit Jo ein angeregtes Gespräch über Zen-Meditation und Action-Painting geführt. Und ich war zwischen den kühlerhaubengroßen Sitzkissen in jenen wohligen Halbschlaf abgetaucht, der das gepflegte Après-Yoga auszeichnet.
Fast habe ich die Schwelle zum Traum überschritten - Friederike schwebte vorbei, bekleidet nur mit einem knapp sitzenden Negligé -, da fragt Tina (so der Vorname von Prinz Eisenherz): "Und findest du Kinder auch so süß?" Schlagartig bin ich hellwach.
"Ich versteh gar nicht, was mit mir los ist!", fährt sie fort. "Ich könnte die kleinen Racker die ganze Zeit knuddeln!"
Himmel, weiß sie nicht, was sie da sagt? Entsetzt lasse ich mich weiter in die Kissenschlucht hinabsinken. Oh, könnte ich doch tiefer und tiefer fallen und am andern Ende der Welt wieder auftauchen, dort, wo es keine Frauen gibt, die Jo aufgrund einer ausgeprägten Familienphobie sitzenlässt und die ich anschließend trösten darf.
"Mensch, schon so spät! Ich muss los!", höre ich meinen Freund noch sagen. Als ich unter den Polstern hervorkrieche, ist er bereits verschwunden.
"Was hat denn der für Ängste?" Tina schaut amüsiert.
"Schwer zu sagen, vor allem heute, wo unsere Ängste immer komplexer werden."
"Komplexer?"
"Früher hatte man Angst vor einer konkreten Bedrohung, einem dritten Weltkrieg zum Beispiel." Ich stürze den Rest von Jos Bionade hinunter. "Jetzt werden die Ängste immer diffuser. Wir leben in einer Epoche, in der die Dinge, die uns das Leben erleichtern, auch die Dinge sind, vor denen wir uns fürchten."
"Mikrowellen? Epiliergeräte?"
"Nein, im Ernst", sage ich ernst. "Die Märkte zum Beispiel, die Finanzsysteme. Wir leben in ihnen, arbeiten in ihnen, aber sie können auch zusammenbrechen."
"So wie ich, wenn ich nicht demnächst was in den Magen bekomme."
"Wie sicher sind unsere sozialen Netzwerke überhaupt?", fahre ich fort. "Hartz IV beweist, dass unser soziales Netz immer brüchiger wird." Wieder ihr amüsierter Blick.
"Stimmt. Fundamente lösen sich auf, die Mobilität nimmt drastisch zu."
"Genau!" Was für eine Überraschung!
"Mobilität macht uns natürlich auch angreifbar."
"Total!" Eine Frau, die mich auf Anhieb
"Wir sind zum Beispiel anfälliger für Krankheiten, weil sie wie Touristen global beweglich sind."
"Meine Rede!" versteht!
"Und so hast du dir vermutlich auch diesen Virus eingefangen."
"Welchen Virus?"
"Den, der dich so kariert daherquatschen lässt."
Sie steht auf, schnappt ihre Matte und geht. Und ich dachte, zwei Gleichgesinnte hätten sich gefunden. Stattdessen: Zynismus und Ignoranz. Wie gut, dass ich sie nicht in die Geheimnisse des Klimawandels oder des globalen Terrorismus eingeweiht habe. Man kann eben nicht misstrauisch genug sein.
Red nicht mit der Heuschrecke!
5
Wichtigste Regel eines rundherum kritischen Lebensstils: Traue niemals offiziellen Quellen. Sie manipulieren und belügen uns: über Gründe, warum wir Krieg führen, über Korruption in den eigenen Kreisen oder - wie im Fall von Brenner & Friends - über neue Kollegen und warum sie plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht sind.
"Wir dürfen deshalb auf gar keinen Fall mit ihm reden!"
Praktikant schaut mich skeptisch an. "Mit wem?"
"Mit der Heuschrecke, dem Neuen. Dem S.E.N.F.-Spion!"
Der Besprechungsraum füllt sich mit Kollegen. Friederike, Zieper, Karen, die kleine Schnippische, die sich so viel auf ihr Soziologiediplom einbildet. Wird nicht leicht sein, sie von einer Quarantäne des Neuen zu überzeugen.
"Je weniger die Heuschrecke von uns erfährt, umso schwieriger wird es für sie später, Einzelne von uns auszusondern", flüstere ich. "Denn das ist sein Ziel: Eliminierung von Arbeitskräften."
"Wir sollen nicht mit wem reden?", fragt Brenner. Hinter ihm betritt die Heuschrecke den Raum. Schweigen. Bis Karen sagt: "Martin hat mal wieder den Ausnahmezustand ausgerufen." Und dann mit Blick auf mich: "Jedes namenlose Angstphantasma braucht einen Gegenstand, eine Form und ein Thema. Auf diese Weise lässt sich etwas Ungreifbares, Bedrohliches in etwas Konkretes verwandeln. Dabei gibt es doch einen so schönen Begriff für dein Problem."
"Und der wäre?", schnappe ich zurück.
"Midlife-Crisis."
"Habt ihr alle eure Tage, oder was?", bellt Brenner in die Runde. "Ich will jetzt über S.E.N.F. reden und wie wir dieses Ding schaukeln."
"Das glaube ich gern!", sage ich wütend.
"Was soll das denn heißen?" Brenner wirkt einen Moment lang irritiert.
"Dass wir nicht blöde sind."
Zieper räuspert sich: "Ich glaube, du solltest für dich alleine sprechen, Martin."
"Na gut, wenn ihr zu feige seid!"
"Zu feige für was?" Der Chef hat den Konferenztisch erstaunlich schnell umrundet und steht direkt vor mir.
"Ich weiß, was Sie vorhaben."
"Ich habe so einiges vor: Wasserski in Dubai, eine Früchtediät, den Erwerb eines begehbaren Humidors. Wo ist das Problem?"
"Sie wollen verkaufen!"
"Ich will was?"
"Sie wollen die Agentur verkaufen, aber vorher ziehen wir den S.E.N.F.-Etat an Land, dann steigt der Preis. Und er" - ich zeige auf die Heuschrecke -, "er sondiert schon mal die Lage!"
Brenner glotzt mich an. Dann beginnt sein Oberkörper zu beben, erst ein wenig, dann immer heftiger, bis lautes Lachen aus seiner Kehle platzt.
"Henrik, du bist ein Spion!" Hat die Heuschrecke also einen Namen. Und sportlich ist sie wie gesagt auch. Mit drei großen Schritten steht sie neben dem wiehernden Brenner.
"Gestatten, Henrik Dorber. Zuständig für Verschwörungen internationaler Bankiers, Konzernvorstände und Politiker." Er reicht mir die Hand.
"Ich wusste, irgendwann würde er's herauskriegen", sagt die Heuschrecke mit gespielter Entrüstung zu Brenner, der mittlerweile violett angelaufen ist.
"Was würde er herauskriegen?" Daniela reicht Brenner ein Glas Wasser.
"Dass die Erde von einer mysteriösen Clique regiert wird", sagt Dorber. "Eigentlich sind wir eine Truppe bluttrinkender pädophiler Aliens, die menschliche Gestalt angenommen haben. Wir treffen uns regelmäßig an einem geheimen Ort, beginnen Kriege, ernennen Staatsoberhäupter. Natürlich kontrollieren wir auch die Märkte, die Medien und, ganz wichtig, Hollywood. Zurzeit tarne ich mich übrigens als Wirtschaftsjournalist." Er reicht mir seine Karte. Tatsächlich: "Henrik N. Dorber. Publizist".
"Und als mein Schwager." Brenner ist aufgestanden, seine Augen glitzern wütend. "Mein Schwager, der ein Porträt der größten inhabergeführten Agentur Berlins verfasst. Betonung auf Inhaber."
"Aber ich habe alles mitgehört! Ihr Gespräch im Golfclub! Eine anstrengende Operation mit schmerzhaften Folgen: Das waren Ihre Worte!" Ich blicke mich hilfesuchend um, aber bis auf Brenner und mich ist niemand mehr im Raum.
Der Chef zieht mich zu sich heran, ich rieche sein exquisites Aftershave, sein Atem streift über mein Ohr.
"Prostata", raunt er. "Das heißt, ich brauche nicht noch einen Arsch, der mir Probleme macht."
Wir stehen uns schweigend gegenüber. Ich will etwas sagen, aber in meinem Mund steckt ein Paar Socken, solche mit Noppen untendran, wie man sie als Hausschuhe verwendet.
"Und jetzt hol die andern wieder rein. Wir haben einiges auf dem Zettel."
Im Flur stehen Zieper und Fritzi, sie tuscheln aufgeregt. Als sie mich sehen, eilen sie sofort auf mich zu, wie zwei Kinder, die man beim Naschen ertappt hat. Zieper wirkt irgendwie jünger, lebendiger. Selbst sein Standardoutfit - grauer Anzug, weißes Hemd, gedeckte Krawatte - kann diese neue, überraschende Präsenz nicht schmälern. Und Friederike, seit wann trägt sie eigentlich diese Minigrößen? Was war ihr Top in einem früheren Leben? Ein Handschuh?
"Na, alles geklärt?", fragt Fritzi atemlos, als käme sie vom Joggen. Zieper malt mit der Schuhspitze ein imaginäres Muster aufs Parkett.
Auf einmal wird mir alles klar: Brenner mag kein korrupter Geschäftemacher sein, aber dass er ein Geheimnis hat, habe ich gespürt, übrigens lange vor jenem mysteriösen Gespräch. Und dass Friederike und Zieper mehr sind als nur Kollegen, das habe ich auch erfühlt. Meine Empfindsamkeit mag kurzzeitig in fragwürdige Skepsis umgeschlagen sein, dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich mit gesteigerten Wahrnehmungskräften begabt bin. Kein Zweifel: Ich habe eine Gabe.
6
"Warum flüsterst du?" Meine Mutter nimmt dem strahlenden Kellner das Feigentörtchen ab. Hier, im Adlon, huldigt man ihr ebenso wie in den Luxusboutiquen am Ku'damm, wo der psychologische Effekt ihrer Auftritte in Zeiten der Finanzkrise gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Elegant verneigt sich der junge Mann in Erwartung des Trinkgelds. Den Körper fast zum rechten Winkel gebogen, verrät nur ein leichtes Vibrieren der Bügelfalte die Anstrengung, die ihm dieser Akt der Ergebenheit abfordert.
"Sage ich dir, wenn der Kellner weg ist."
Ein Zehneuroschein landet auf dem silbernen Tablett.
"Ich kann sehen!"
Brigitte Frielings schenkt sich eine weitere Tasse Darjeeling ein. "Wäre ja schlimm, wenn nicht."
"Nein, ich meine sehen im Sinne von Erkennen! Der Kellner zum Beispiel. Ganz schlechte Schwingung. Ich glaube, der führt was im Schilde."
"Martin, nun bist du aber wirklich paranoid!"
Paranoia. Ach, Mutter! Paranoia ist nur etwas für kleine Geister, für Menschen, die es zu weit getrieben haben mit ihrem Misstrauen. Und wenn sie dann mit ihrer transzendentalen Obdachlosigkeit, ihrer Unbehaustheit nicht mehr klarkommen, dann brauchen sie eine simple Weltformel, in der alles ohne Rest aufgeht. Wir aber, die fürs Höhere und Feinere durchlässigen Naturen, spekulieren nicht. Wir wissen.
Darauf ein Törtchen. Blöd nur, dass man dafür den Kellner rufen muss.
Lesen Sie nächste Woche: "Mein Leben als Esoteriker"