"Desperado": Mein Leben als Purist - DER SPIEGEL
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"Desperado" Mein Leben als Purist

Er ist flexibel bis zur Unentschlossenheit, ohne Plan, hat aber jede Menge Probleme: Martin, der Held des Romans "Desperado", muss handeln. Als Zocker hätte er fast seine große Liebe verspielt. In Folge drei versucht er's als Purist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was bisher geschah:

Die Idee, als Zocker alles auf eine Karte zu setzen, war verlockend. Blöd nur, dass die Kollegen bei dem von dir angezettelten Börsenspiel alles verloren haben. Und die Wette "Wer legt Friederike flach?" kam auch nicht so gut an - vor allem nicht bei Friederike. Am Ende war dann nicht nur eine wichtige Freundschaft fürs Erste verspielt, sondern auch das komplette Mobiliar. Aber wenn alles weg ist, kann das ja auch erleichternd sein, oder?

Mein Leben als Purist

Friederike redet kein Wort mehr mit mir. Das ist schlimm. Aber auch angemessen: Wer wie ich begriffen hat, dass nur in der Reduzierung aufs Wesentliche Glück und Zufriedenheit zu finden sind, der weiß auch die Konzentration des Konflikts auf seine Essenz zu schätzen. Schweigen. Enthaltung. Muss sie nur noch das verächtliche Schnauben weglassen, jedes Mal, wenn wir uns in der Küche oder auf dem Flur begegnen.

Auch dass man mich von der Vermögensbildung abgezogen hat, ist konsequent. Das kleine feine Projekt "4-seitiges Faltblatt zur Altersvorsorge", das man mir stattdessen anvertraut hat, muss dem ungeübten Auge minderwertig erscheinen, ich aber erkenne darin die Möglichkeit zur Straffung von Begriffen wie Zukunft und Sicherheit.

"Machen wir ein Kick-off-Meeting?", fragt Praktikant, worauf ich ihn intensiv anschaue. Mir wird klar: Wir müssen etwas an seiner Garderobe ändern. Bedruckte T-Shirts wirken zerstreuend (außerdem ist "Aggro Berlin" keine besonders geistreiche Botschaft, sondern nur eine Tautologie). Aber alles zu seiner Zeit.

"Nie" - Kunstpause -, "nie, nie wieder möchte ich den Begriff Kick-off-Meeting hören! Es heißt Antrittstreffen. Und ja, wir machen eins."

Eine erste Arbeitsrunde zeigt: Mein Schützling hat das Konzept der Verdichtung noch nicht begriffen. Beflissen stellt er mir eine Headline-Dramaturgie vor, die ich an dieser Stelle nur als barock bezeichnen kann.

"Praktikant", sage ich, "Praktikant, in dieser Zeit der medialen Vermüllung setzen wir ein Zeichen."

"Mit einem Vier-Seiten-Flyer zum Thema Altersrentenversicherung plus Gewinnbeteiligung?"

"Schluss!"

"Sorry, Martin, aber …"

"Aus! Das reicht!"

"Martin, ich wollte ja nur …"

"Schluss. Aus. Das reicht. Das sind die Headlines."

"Wie bitte?"

"Das Endliche der Biographie. Die Einsicht in die eigene Begrenztheit. Das Wissen um die angemessene Versorgung. Ein Dreiklang der Lebensklugheit - mehr brauchen wir nicht."

"Schluss. Aus. Das reicht?" Praktikant schaut skeptisch. "Klingt ein bisschen negativ, oder?"

"Negativität ist das Pendant zur unkultivierten Fülle, zum sinnlosen Überfluss."

"Und die Copys? Entschuldigung, ich meine die Fließtexte?"

"Die überlass ich dir, ich hab ein Lunch-Date."

"Also eine Mittagessenverabredung."

Die jungen Leute. Es gibt noch Hoffnung.

2

Ich habe gar keine Mittagessenverabredung. Ich will einfach meine Gegenwart pur genießen. Man macht sich zu selten klar, wie sehr soziale Kontakte das Selbstgefühl verwässern. Alle großen Geister haben die Menge gemieden und die Einsamkeit gesucht. Isolation ist nur ein anderes Wort für Konzentration. Ja, Daniela, Karen aus der Grafik und einige andere Kolleginnen haben mich geächtet: Die Friederike-Sache hat sich herumgesprochen. Ja, Zieper hat in seinem aktuellen Memo die "Hygiene innerbetrieblichen Umgangs" angemahnt. Es ist vollkommen klar, auf wen er damit anspielt.

Aber ist dieser Bannkreis, den die Kleinmütigen um mich gezogen haben, nicht ein Freiraum, in dem ich mein neues Lebensmodell erproben kann? Der Anspruch ist ja enorm: Es geht um Reinheit. Eine tiefgehende Entschlackung. Diese Haltung muss sich natürlich auch in der äußeren Erscheinung widerspiegeln, im Aussehen, in der Mimik, in den Gesten.

Mit einer möglichst knappen Handbewegung zitiere ich deshalb den Kellner herbei, Bruno, übrigens kein wirklicher Italiener, sondern gebürtiger Hesse und Einwandererkind der dritten Generation.

"Was ist das?" Ich zeige auf meine Spaghetti, die ich ausdrücklich mit nur einem Spritzer Olivenöl und zwei Blättern Basilikum bestellt hatte.

"Das, Martin, ist ein Teller."

"Und was ist auf dem Teller?"

"Spaghetti."

"Das weiß ich. Ich meine den Teller selbst, was ist darauf zu sehen?"

"Eine nicht ganz gelungene Skizze der Marienkapelle, südlich von Florenz, hinter der die Sonne unter- oder aufgeht. Ich bin mir da nie so ganz sicher."

"Ich kann von diesem Teller unmöglich essen. Sein Dessin ist geschmacklos und verwirrend. Eine folkloristische Schablone, die die Phantasie in übelster Weise zurichtet und das toskanische Wesen, seine Lieblichkeit und Romantik zum Klischee degradiert."

Bruno starrt mich an, ich kann es ihm nicht verübeln. Ich muss auf ihn gekommen sein wie eine Epiphanie der Entschlossenheit. Wie sonst lässt sich der beherzte Griff erklären, mit dem er den Teller schnappt und in die Küche marschiert?

Während ich warte, wird mir die Tragweite meines Projekts bewusst. Wenn Authentizität das Ziel ist, wie weit muss man gehen? Und gibt es das überhaupt: Authentizität? Klar, man kann sich mit einer Manufactum-Version des Lebens zufriedengeben: am Wochenende in Cordhose und Wachsjacke durch den Wald stapfen und anschließend ein paar Reminiszenzen in die handgebundene Kladde notieren, während der Retriever friedlich auf der Kamelhaardecke döst.

Aber diese Form der Originalität ist eine inszenierte, wie überhaupt alles Authentische nur eine Simulation seiner selbst geworden ist. Zum Beispiel Chinarestaurants: Glaubt denn jemand, dass die Pagoden und Drachen, der ganze dekorative Ramsch, wirklich aus Asien kommen? Oder Pelze: Die meisten Leopardenfelle hatten nie Kontakt mit einem richtigen Raubtier, sondern sind Meterware aus irgendeiner Kunstpelzfabrik an der Wolga.

Wenn das Echte und Unverfälschte also eine Fiktion ist, so denke ich weiter, gilt dann nicht auch umgekehrt: Je künstlicher, desto wahrer? Schlägt nicht irgendwann das Gemachte ins Gewachsene, das Artifizielle ins Naturhafte um? Nicht Authentizität ist also gefordert, sondern authentische Authentizität!

"Bis morgen, Martin." Bruno knallt mir mein Mittagessen in einer Warmhalteschale hin. Spaghetti an Styropor und Aluminium. Ein in seiner Schlichtheit bestürzend konsequentes Menü. Funktional, abstrakt, zeitlos. Der Mann hat die Lektion begriffen.

Wollen Sie mein Domestos-Diplom sehen?

3

Ich gehe zurück ins Büro, aber nur kurz, weil mich da alles nervt: der Bürostuhl zum Beispiel, in dem man regelrecht versinkt. Ich habe versucht, das Sitzpolster abzuschrauben, weil ich spüren will, dass ich sitze - ebenso wie ich empfinden will, dass ich arbeite. Nicht dieses entpersönlichte Herumhacken auf Computertasten, sondern die sinnliche Erfahrung des Schreibens als Handarbeit. "Wer soll dieses Gekrakel eigentlich lesen?", wird Zieper, der Banause, später fragen, in der einen Hand mein Exposé für einen Folder zum Thema Berufsunfähigkeit, in der andern ein Memo über das Abfassen von Besprechungsberichten.

Auch Friederikes Rüschenbluse ist eine lästige Ablenkung. "Hat Armani bis jetzt umsonst gelebt oder was?", murmele ich, als sie höhnisch schnaufend meinen Weg zur Tiefgarage kreuzt. Dort klettert sie in ihr Auto und saust davon. Ich aber: laufe.

Als ich zu Hause ankomme, werkelt Frau Härkle in der Küche. Sie wienert die Spüle, ihr Kopf spiegelt sich im blitzenden Chrom, ein Narziss der Sauberkeit und Hygiene. Wenn da nicht dieser seltsame Geruch wäre. Sauerkraut. Ich nehme sie ganz deutlich war, diese leicht muffige Ausdünstung.

"Sie müssen gehen", sage ich leise, aber bestimmt. Sie fährt herum.

"Herrje, haben Sie mich erschreckt! Was schleichen Sie denn so!"

"Ich schleiche nicht, ich praktiziere bewusstes Gehen."

"Ohne Schuhe?"

"Genau", sage ich. "Und Sie müssen jetzt los."

"Bin gleich fertig", sagt Frau Härkle und poliert ihr Spiegelbild.

"Nein, sofort, dieser Sauerkrautdunst belastet mich über die Maßen."

Ratlos schaut sie mich an.

"Lassen Sie es mich so sagen: Nicht jeder ist dem Alltagsduft gewachsen", erkläre ich.

"Was?"

"Das Parfum des Durchschnitts schmeichelt nicht jeder Nase."

"Ja, ja, und ich bin Coco Chanel." Frau Härkle faltet den Putzlappen auf ein schokoladentafelgroßes Rechteck zusammen, schraubt das Spülmittel zu. Sie macht das routiniert, aber nicht routiniert genug, als dass mir nicht ernsthafte Zweifel kämen. Was zeichnet eigentlich eine echte Putzfrau aus? Wie unterscheidet man den Profi vom Amateur, den Könner vom Simulanten?

"Ein paar ziemlich raffinierte Putztechniken, die Sie da anwenden", sage ich in schmeichelndem Ton. "Die bringt man sich nicht selber bei, oder?"

"Nein, ich habe an der Spüli-Akademie studiert. Wollen Sie mein Domestos-Diplom sehen?"

Früher mochte ich diesen Ton an ihr, jetzt verstört er mich kolossal. Ironie: überflüssiger Redeschmuck, der den klaren Stil verschleiert. Kommt auf meinen persönlichen Index.

"Außerdem war es Sellerie, nicht Sauerkraut." Frau Härkle tippt sich an die Nase. Und beim Hinausgehen an den Kopf.

"Das hab ich gesehen!", rufe ich ihr noch hinterher, aber es antwortet mir nur mein Echo im Hausflur. Für einen Puristen die angemessene Resonanz.

4

Sie heißt Hannah, arbeitet als Redakteurin bei der Online-Ausgabe eines Modemagazins und wohnt standesgemäß in Berlin-Mitte. Der Stadtteil zerfällt in die Bereiche SoTo - South of Torstraße (hip) - und NoTo - North of Torstraße (uncool). Natürlich wohnt Hannah SoTo, hier sind die schicken Cafés und Bars, wo man unter anderem Jo antrifft, der eigentlich ein Dachgeschoss in Kreuzberg bewohnt, aber sein Jagdrevier nach Mitte und Prenzlauer Berg verlegt hat. Hannah passt allerdings nicht in sein Beuteschema, sie ist ihm zu intellektuell und leidet nach eigener Aussage an "Nörgel-Tourette".

"Deshalb ist sie ja genau die Richtige für dich!", freut sich Jo. "Ihre Geburtstagsparty beginnt morgen um acht. Ich hol dich ab."

SoTo - NoTo: Als Westberliner sind mir diese Mätzchen suspekt, ich finde sie bestenfalls lächerlich, wir sind ja nicht in L.A., wo sich Gangs von Straßenzug zu Straßenzug bekämpfen. Aber Distinktionsgewinne wollen hart erkämpft sein, da bilden auch Geburtstagspartys keine Ausnahme. Es muss ein exotisches Buffet geben, die Gäste sollten eine solide Mischung aus kreativem Prekariat und bürgerlichem Geschäftssinn bilden. So lerne ich hintereinanderweg einen Webdesigner mit Faible für interaktive Pornographie, einen Slampoeten/Studenten und den Yogi Sharahasvu Yahanu kennen. Mit bürgerlichem Namen heißt er Horst Schuriegel, aber als Besitzer von zwei Dutzend Yoga-Studios zwischen Sylt und Stuttgart weiß er, was er seiner Klientel schuldig ist.

Hannah ist tatsächlich ganz reizend, gebannt lausche ich ihrem Bericht von einer Designmesse für Milliardäre. Bei einem längeren Exkurs über Handtaschen aus Tapirlefzenleder erlahmt kurz meine Konzentration. Ich lasse mehr unbewusst den Blick durch den Raum schweifen und entdecke auf einem Beistelltisch eine Pierrotfigur aus Kristall. Natürlich ist es ein ironisches Accessoire. Es muss Ironie sein, die die Gastgeberin dazu bewogen hat, dieses scheußliche Ding gut sichtbar für alle im Raum zu platzieren.

Ich konzentriere mich wieder auf Hannahs Erzählung; die Schilderung einer mehrstündigen Unterwasser-Pediküre im Champagnerbad nimmt mich auch wirklich gefangen, da fällt das Wort Roeder Crystal, und schon huschen meine Gedanken zurück zum Pierrot. Da steht er mit seinem glitzernden Grinsen, ein Affront für jeden einigermaßen kultivierten Zeitgenossen. Es ist kaum auszuhalten.

Hannahs Referat über den Zusammenhang von Oligarchie und Feinkost nehme ich nur noch am Rande wahr. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt nun dem strahlenden Clown und der Frage, wie ich ihn loswerde. Ich könnte ihn hinter einem der Sofakissen verschwinden lassen, die ebenfalls scheußlich sind, aber alles der Reihe nach.

Wo kommt eigentlich auf einmal diese groteske Chaiselongue her? Stand die vorher schon da? Sie zerstört die eigentlich großzügige Gestaltung des Zimmers. Ich frage nach dem WC, auf dem Weg dorthin gelingt es mir, das verhasste Sitzmöbel um knapp zwei Meter in Richtung Küche zu schieben. Dort ist es weniger auffällig und wird vielleicht später durch einen betrunkenen Gast mit Sushi und Sake verunstaltet. Den Pierrot versenke ich in meiner Sakkotasche, ich werde ihn später im Bad aussetzen.

Um den Schein zu wahren, gehe ich auf die Toilette. Bei der Rückkehr werde ich von einem Kleiderständer, der schon in den achtziger Jahren geschmacklos war, beinahe erdolcht. Ich verpasse ihm schnell zwei Tritte, im Lauf des Abends werden noch einige dazukommen. Es würde mich wundern, wenn er den Herbst, mit schweren Mänteln und regennassen Jacken, übersteht.

Hannah unterhält sich angeregt mit Jo, sie hat schon einiges getrunken. Deshalb bemerkt sie auch nicht das widerlich gemusterte Plaid, das ich vom Sofa entfernt und mir unter den Arm geklemmt habe. War da nicht eine große Mülltonne, gleich unten vor dem Haus? "Zigarettenpause!", lächle ich freundlich, als mir ein Gast auf meinem Weg nach draußen die Wohnungstür aufhält. Ich habe aufgrund der doch recht schweren Schreibtischlampe und des Sitzsackes ja keine Hand mehr frei.

Zurückgekehrt, will ich mich am Buffet stärken - es gibt ja noch so viel zu tun, das Schuhregal, der Schirmständer im Flur -, aber was da geboten wird: unfassbar. Mediterrane Häppchen neben orientalischen Küchlein, asiatische Cracker im Verein mit Obst und lateinamerikanischen Dips. Was bleibt mir, als die Speisen wenigstens farblich zu ordnen und schnell die geschmacklosesten Vertreter im Mülleimer zu entsorgen? (Ein, dies muss ich zugeben, sehr elegantes, in dunklem Rindsleder gehaltenes Exemplar.) Ich habe ja so wenig Zeit! Denn da ertönt er schon, der Ruf des Verräters. "Der war's!" Mit zitterndem Finger zeigt er auf mich, der Slampoet, der mir vorhin noch freundlich dabei geholfen hat, den Sitzsack zu schultern.

"Was sie sich so aufregt? Soll das jetzt ein Witz sein, Martin?"

"Ich habe nur ein paar wichtige Korrekturen vorgenommen", sage ich patzig.

"Du hast ihre Wohnung halb leergeräumt, das Buffet abgebaut und ein Tablett Sushi an zwei Katzen verfüttert!"

"Die eine wirkte total ausgehungert, vor der anderen hatte ich Angst."

Die Katzen waren ja überhaupt die Höhe, will ich noch sagen, besinne mich aber eines Besseren, weil Jo diesen Künstlerleidensblick bekommt. Nur meine Mutter kann gequälter schauen. Sie ist ja überhaupt eine Großmeisterin der Schuld- und Schamvermittlung. Wie sie das macht, den Blick tränenfeucht, die Brauen zu einer Signatur des Kummers verdreht …

"Hörst du mir überhaupt zu, Martin?"

"Ich höre schlecht, die Musik war ohrenbetäubend."

"Du hast sie ausgedreht!", sagt Jo wütend.

"Erst nachdem sie ›Durchgeknallter Spinner!‹ geschrien hat."

Wir spielen dieses Spiel von Anklage und Rechtfertigung noch ein Weilchen weiter. Die Symmetrie solcher Gespräche hat was, auch wenn sie ins Leere laufen. Ich bin für Formalismus ja durchaus zu haben.

Dann sagt Jo: "Weißt du was? Hannah hat recht, du bist wirklich ein Freak."

Ich bleibe stehen, kurz dröhnt es in meinen Ohren, obwohl kaum Verkehr ist. Etwas beißt mir in die Brust, ein Schmerz, der sich mit dem folgenden Atemzug bis in Wangen und Schläfen fortsetzt. So muss sich ein Herzinfarkt anfühlen, denke ich, und dann: Ach Quatsch, du bist ja noch nicht mal 40! Das sind nur diese unverdaulichen Häppchen.

Auf alle Felle einsam

5

Ich muss zugeben, diese Auseinandersetzung hat mich geschwächt, kurzzeitig ist mir selbst meine geliebte "Tagesschau" verleidet.

Nach dieser langen konfliktreichen Woche vermag nicht einmal mein Lieblingssprecher, wie immer gehüllt in kontemplatives Grau, mein Gemüt aufzuhellen. Hatte sonst sein Bericht die Qualität von autogenem Training, bin ich nun genervt und lasse mich allzu gerne vom Telefon ablenken.

Es ist meine Mutter. Meiner Stimmung gemäß erkläre ich ihr, ich könne am Sonntag nicht zum Kaffeekränzchen kommen, außerdem sei mir die Art, wie sie ihre Hunde halte, einigermaßen suspekt. Ein ehemaliger Jagdhund der Zaren, dem die Mordlust noch durch die Adern wogt, könne unmöglich in einem Zehlendorfer Garten sein Seelenheil finden. Es sei denn, die Hunde seien gar keine Rassehunde, sondern Fälschungen. Quasi Pendants zu Lacoste-Shirts, made in Taiwan.

"Wenn das ein Trick sein soll, die Hunde nicht zu nehmen, vergiss es. Ich werde meine Reise nicht verschieben", bellt es vom andern Ende der Leitung. "Außerdem: Wie redest du eigentlich mit deiner Mutter?"

"Mutter, ein interessanter Begriff. Er wird allerdings oft in pervertierter Form verwendet."

"Martin, hast du wieder dieses Zeug geraucht?"

"Gegenfrage: Bist du überhaupt eine echte Mutter?"

Schweigen.

"Bin ich überhaupt gestillt worden?"

"Nein, bist du nicht!", gellt es aus dem Hörer. "Und das werde ich wohl auch kaum nachholen können!"

Zugegeben: Ich zögere einen Moment zu lange. Als ich sage: "Natürlich nicht!", hat sie bereits aufgelegt.

6

Eine Stunde später steht Brigitte Frielings in meinem Wohnzimmer. Neben ihr haben die Windhunde Aufstellung genommen: Paschka, Vanjuschka und die aktuelle Neuerwerbung, Malgoscha. Normalerweise würden sie über mein Mobiliar herfallen, aber es gibt ja nichts mehr, was sich annagen oder zerbeißen ließe. Nur die Matratze und die Küchenstühle, aber solche Requisiten sind unter ihrem Niveau. Streng schauen sie mich an, so wie sie es von meiner Mutter gelernt haben.

"Wo sind denn deine Möbel hin, Martin?", fragt sie und schreitet den Raum ab. "Nicht dass ich das Design besonders geschätzt hätte, aber so gar keine Einrichtung? Oder ist das jetzt die Themenwoche Stammheim?"

Ich ziehe einen Stuhl heran, die Hunde umkreisen mich, als sei ich ein potentielles Stück Beute. Paschka trabt in die Küche, kehrt aber schnell wieder zurück. Er erkennt ein kulinarisches Ghetto, wenn er es vor sich hat.

"Meine Hunde können sich hier unmöglich akklimatisieren", sagt meine Mutter. "Ich lasse dir ein paar Möbel kommen. Aus der Münchner Wohnung sind noch ein Bett, ein Sofa und ein Schreibtisch übrig. Ich fand sowieso, dass Art déco viel besser zu diesem Fischgrät-Parkett passt."

Eigentlich müsste ich hier sofort widersprechen, nicht nur, weil diese Epoche von einem tiefsitzenden Hass auf Bequemlichkeit beseelt war, sondern weil es einfach würdelos ist, von der eigenen Mutter ausstaffiert zu werden wie ein Student. Aber wie viel zählt persönliche Integrität, wenn man die letzten drei Tage auf Augenhöhe mit einer Fußleiste geschlafen hat?

Ich bin wirklich heruntergekommen, das wird mir jetzt klar.

Später, nach einer langen, beschämenden Standpauke meiner Mutter, mit den Begriffen exzentrisch und kindisch als Leitmotiven, bereite ich den Hunden ihr Abendessen zu. Meine Mutter hat mich mit allem versorgt: Fressnäpfe, Fleischkonserven, sogar das überdimensionierte Schlafkissen hat sie hiergelassen. Hossein, ihr neuer Freund, hat es vier Stockwerke hoch in meine Wohnung geschleppt. Es sieht schon bequem aus, dieses frotteebezogene Halbrund von der Größe eines Kinderplanschbeckens. Und es riecht auch erstaunlich gut. Kein Wunder, es wird ja auch alle zwei Wochen shampooniert.

Verstohlen schaue ich mich um. Die Hunde sind in der Küche und verzehren Rindergulasch, mild gewürzt, mit Reis und jungem Gemüse.

Ah, wirklich bequem. Hier liegen sie also, diese langmähnigen Snobs. Sie wissen, was gut ist, das muss man ihnen lassen. So, die Beine noch ein bisschen angewinkelt und den Kopf in diese flauschige Mulde gebettet. Herrlich.

Als ich aufwache, wird es gerade hell. Ein blondes Haarbüschel kitzelt meine Nase. Paschkas Ohren. Kurz dreht er sich zu mir, gähnt mir ins Gesicht und schläft weiter. Bewegen kann ich mich nicht: Vanjuschka ruht, tief und gleichmäßig atmend, auf meiner Brust, während sich Malgoscha auf meinen Füßen räkelt. Kurz zittert ihre rechte Pfote. Sie träumt, vermutlich von Reiterhatz und Hasenjagd.

Reglos liege ich da und schaue zu, wie sich das Fenster mit Morgenlicht füllt. Eigentlich muss ich mal, aber ich will sie nicht aufwecken, die drei. Kurz darauf schlafe ich wieder ein.


Nächste Woche bei "Desperado": "Mein Leben als Tierfreund"

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