"Desperado" Mein Leben als Star
Was bisher geschah:
Als Masochist quälte er sich durch Museen und Kunsttempel, als Banause warf er allen Zivilisationsbalast von sich. Und hob ab: Martin, der tapfere Glücksucher, hatte nichts mehr zu verlieren und wurde als Gastgeber einer radikal geschmacklosen Party zum Gewinner. Ein anderes Wort für Gewinner heutzutage? Richtig: Star.
Mein Leben als Star
Reichtum ist armselig. Zumindest, wenn man nur Geld hat. Wer etwas darstellen will, muss auch berühmt sein, wenigstens ein bisschen. Erstens, weil die Inflation das Vermögen auffrisst wie Motten die Garderobe. Zweitens, weil Arme immer ärmer und Reiche immer reicher werden. Da wirkt extremer Wohlstand am Ende nur noch obszön. Schon aus Imagegründen braucht man deshalb ein glamouröses Einkommen, ein Konto, auf das die anderen mit einer besonders exklusiven Währung einzahlen: Aufmerksamkeit.
Das weiß auch Brenner. Nach außen tut er so, als sei er nur hinter Geld her, aber sein mit den Jahren immer exotischer werdendes Konsumverhalten beweist, worum es ihm eigentlich geht: Er will Eindruck schinden. Seine Sportwagen, seine Taucheruhren, die 40-Euro-Zigarren, die er neuerdings pafft: Der Chef weiß intuitiv, dass es keine Wertschätzung ohne Beachtung gibt. Und wer wird mehr beachtet als ein Mann im 3000-Euro-Anzug, der einen röhrenden Maserati auf den Firmenparkplatz lenkt?
Seit heute gibt es auf diese rhetorische Frage eine konkrete Antwort: ich. Weil sich auf der Jubiläumsparty diverse Klatsch- und Lokalreporter eingeschmuggelt hatten, berichteten gleich mehrere Zeitungen und Onlinedienste von dem Event. Und weil das Fest zur fast vollständigen Verwüstung des Szenelokals Chill Global geführt hatte, fiel diese Berichterstattung entsprechend drastisch aus. "Wahnsinns-Werber an der Spree!", schrieb die "Bild"-Zeitung, die "B.Z." freute sich über den "Party-GAU des Jahres". SPIEGEL ONLINE meldete ein "Spaß-Inferno in Yuppie-Land". Selbst die "taz" widmete der Party eine halbe Seite im Lokalteil. Titel der Story: "Reklame und Randale. Von der Entfremdung zur Enthemmung".
Was alle diese Artikel gemeinsam hatten - neben der Häme über die entstandenen Kosten und den bevorstehenden Rechtsstreit mit den Besitzern des Lokals -, war das Foto eines Mannes, der seine eigene Faust verschluckt. Mit der anderen Hand schwenkt er einen abgerissenen Gitarrenhals über dem Kopf, als dirigiere er ein Orchester. Tatsächlich war dies der Moment gewesen, da ich mein Publikum zu einer Parade inspiriert hatte. Gemeinsam war man vom Restaurant aus durch die Friedrichstraße zum Brandenburger Tor marschiert. Dort wurde erst die Titelmelodie von "Dallas", dann die Internationale angestimmt, begleitet vom Nackttanz zweier Herren, die sich später als Werbeleiter der Coburg-Rammsteiner entpuppten.
Einer der beiden, Olli Crezyzewski, hat Brenner eine Mail geschrieben. Der Chef hat sie ausgedruckt und liest sie zu Beginn der Montagsrunde vor: "Ich habe eine furchtbare Erkältung und werde womöglich vorbestraft. Aber um nichts in der Welt möchte ich diesen Abend missen. Vielen Dank!"
Es herrscht Stille im Raum, alle schauen mich an. Und da hört man es, erst leise, dann anschwellend, am Ende wild, ja frenetisch: Applaus!
Brenner ist auf mich zugeeilt, legt mir den Arm um die Schulter und zieht mich nach vorn, zur Multimediawand, auf der besagtes Foto erscheint. Da stehe ich noch einmal gut sichtbar für alle, ein Zeichen der Spaßbereitschaft, und mehr noch: ein Held der Integration und Kommunikation. Was mir bislang nicht aufgefallen war: Im Hintergrund sind zwei Partygäste zu sehen, ein Pärchen. Er leckt ihr rechtes Ohr, sein Gesicht halb verdeckt von ihrem zerwühlten Haar, während sie versucht, den Reißverschluss seiner Hose zu öffnen. Wer wohl diese beiden Turteltäubchen sind? Moment mal, diese Krawatte, die kenn ich doch! Ich suche Zieper in der Menge, und da steht er, gleich neben Friederike. Beide starren mich mit rotglühenden Gesichtern an.
"Wisst ihr, wie viele Mails ich von dieser Sorte bekommen habe?", höre ich Brenner sagen. "Dutzende! Darunter auch das Angebot, für Tribbiani zu präsentieren. Ihr wisst schon, den Tiefkühl-Multi!" Der Chef reibt stolz meinen Arm, als sei ich Aladins Wunderlampe. Aufgepasst, Leute, gleich wird ein Geist aus mir hervorspringen und alle mit Gold und Glück überhäufen! Nur ist das gar nicht nötig: Zieper und Fritzi sind bereits verzaubert.
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Auch ich habe zahllose Mails erhalten. Die Kollegin einer Konkurrenzagentur lobt meinen "total crazy approach" in Sachen Eigenwerbung und will sich mit mir zum "brainstorming beim business lunch" treffen. Ein Journalist fragt nach einem Interviewtermin, es soll um Hedonismus gehen und ob der trotz Finanzkrise und Wirtschaftstief ein Comeback feiert. Eine polnische Brauerei möchte mich als Werbeträger einsetzen. "Sie passen genau zu unserer Zielgruppe!", heißt es schwärmerisch in der Nachricht, beigefügt ist die Abholnummer für ein Flugticket nach Warschau. Und so geht das weiter und weiter: Einladungen zu Vernissagen und Modenschauen, Restauranteröffnungen, sogar eine Filmpremiere soll ich bereichern.
Als Praktikant das Büro betritt, in der Hand einen großen Blumenstrauß, schwant mir Schlimmes: Meine Bekanntheit verführt die schwächeren Naturen bereits zu religiösen Gefühlen. Man kennt das ja: Menschen mit geringem Selbstwertgefühl versuchen die Begrenzungen des eigenen Ich zu überwinden, indem sie einen Star anhimmeln. Die Identifikation mit dem Prominenten erlaubt die Steigerung des Ego, weit über die eigene Person hinaus. Das kann bis ins Pathologische gehen, zum Beispiel, wenn der Fan überzeugt ist, dass seine Gefühle für den Star auf Gegenseitigkeit beruhen. Dann werden sogar Blicke und Gesten der verehrten Person auf dem Fernsehbildschirm als Beweis für die große Romanze gedeutet. Am Ende lässt sich der Promi-Stalker chirurgisch umarbeiten - nach dem Bild seines Idols. Star-Anhimmelungssyndrom (Celebrity Worship Syndrome) nennen Psychologen das Phänomen.
Ich darf es bei Praktikant gar nicht erst so weit kommen lassen.
"Danke, das wäre nicht nötig gewesen", sage ich, nehme ihm die Blumen ab und schicke ihn los, Kopien machen. "Aber nicht das Umweltpapier, ich bin keine Gesamtschule!", rufe ich ihm hinterher. Er soll nicht denken, ich würde ihn jetzt schonen, nur weil wir zusammen in einem Büro sitzen.
"Meine Freundin hat heute Geburtstag", sagt Praktikant, auf die Blumen schielend. Er überreicht mir die Unterlagen, zusammen mit meiner Post. Fanbriefe sind noch keine dabei, aber die Leute müssen den ganzen Hype ja erst mal verarbeiten. Auf den großen Ansturm muss ich mich dann wohl ab morgen gefasst machen.
"Sorry, ich kann sie leider nicht persönlich empfangen", erkläre ich freundlich. "Aber wenn ich irgendwas signieren soll, kein Problem."
Praktikant schaut verlegen, aber so ist es nun mal in der Gegenwart von umschwärmten Menschen. Hoffentlich leidet nicht seine Arbeitskraft darunter. Ich sehe ihn schon die Zeit für die Organisation eines Fanclubs verplempern. Pflege der Website, Versand von Autogrammkarten, das ganze Programm.
Andererseits: Was wäre so schlecht daran? Natürlich ist es bedenklich, dass Fangemeinden in ihren Strukturen oft an Orden oder Geheimbünde erinnern. Dass sie Stars wie säkularisierte Ersatzheilige verehren und zu ihren Gräbern pilgern (Elvis, Dean, Monroe). Andererseits ermöglicht der Starkult gerade jungen Menschen die Identifikation mit Vorbildern; in der Pubertät und in Lebenskrisen kann die Verehrung sogar die Persönlichkeit stützen. Beim Anhimmeln von Boygroups bekommen Mädchen zum Beispiel einen Vorgeschmack auf die Intensität von romantischen Gefühlen, ohne die Risiken einer echten Beziehung eingehen zu müssen. Und Jungs können an Vorbildern wie James Bond oder Zidane ein erstes Bild von Männlichkeit entwerfen, ganz ohne Leistungsdruck und Erfolgszwang.
Recht besehen, erfülle ich eine soziale Funktion, vor allem für meine Kollegen. Als Prominenter demonstriere ich, was möglich ist, wenn man außerhalb eingefahrener Bahnen denkt. Wie weit man es bringen kann, wenn man auf sich selbst vertraut und etwas riskiert. Deshalb ist es auch gar nicht schlimm, dass Friederike jetzt mit Zieper Also, was immer sich da auch abspielt, mir kann es egal sein. Echt. Wer wird sich auf die Anerkennung einer Person versteifen, wenn er viele begeistern kann. Ich gehöre niemandem allein. Ich bin für alle da.
Ich-AG im Quotenrausch
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"Sie sind ja richtig prominent", sagt die Stimme am Telefon, und ich brauche ein paar Sekunden, bis ich begreife, wer am anderen Ende der Leitung ist. Warum ruft mich Decker überhaupt an? Das Missverständnis war doch geklärt: Nicht mit ihm, dem Therapeuten, sondern mit seiner Frau, der PR-Chefin, hatte ich sprechen wollen. Also: "Warum rufen Sie mich an?"
"Ich habe Ihr Bild in der Zeitung gesehen. Und im Internet. Ich liebe das Internet, ich bin richtig süchtig!" Decker lacht, es klingt wie das Wiehern eines lungenkranken Pferds. "Außerdem wurde mir klar, dass Sie viel um die Ohren haben. Da ist es oft schwer, die eigenen Bedürfnisse im Blick zu behalten." Ich höre ein schabendes Geräusch. Sicher die Cordhülle des Hörers, die über seine Wange streift.
Ist der Mann womöglich ernsthaft krank? Oder einfach nur einsam? Vielleicht kommt er nicht klar mit den zunehmenden Selbstvermarktungszwängen, denen wir heute ausgesetzt sind. Denn so ist es nun mal: Immer mehr Lebensbereiche werden von Angebot und Nachfrage geregelt. Wenn uns 25 Jahre Privatfernsehen etwas gelehrt haben, dann das: Man muss Quote bringen, beruflich und privat. Wir leben quasi in einer permanenten Castingshow und kämpfen pausenlos um Aufmerksamkeit.
Decker ist ein vom Aussterben bedrohter Typ, kompetent, qualifiziert, gebildet. Dabei geht es heute viel weniger darum, etwas zu können, als sich vielmehr gut darzustellen, eine Ich-AG mit entsprechendem Marktwert zu sein. Die Sache mit dem Cord ist da natürlich ein Handicap.
"Stimmt", sage ich so höflich wie möglich. Man soll Fans ja respektvoll behandeln. Wichtig ist nur, dass man nicht zu persönlich wird. Untersuchungen haben es gezeigt: Je mehr private Dinge ein Prominenter in den Medien preisgibt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er das Opfer von Stalkern wird.
"Ich kann mich vor Terminen kaum noch retten."
"Da liegt das Problem", sagt Decker, begleitet von diesem schaumigen Geräusch, das mich zunehmend reizbar macht. "Sie nehmen unsere Sitzung als weiteren Termin wahr, dabei ist sie genau das nicht."
"Ist sie nicht?", frage ich scharf. Praktikant zuckt zusammen und verlässt den Raum.
"Nein, Martin, es ist Ihre Sprechstunde mit sich selbst. Und bis Sie genügend Kraft haben, sich selber so ernst zu nehmen, wie Sie es verdienen, werde ich das für Sie übernehmen. Ich bin sozusagen ihr Hilfs-Ich."
Mein Hilfs-Ich? Der Mann ist verrückt. Andererseits: Man kann als Prominenter gar nicht genug Egokräfte zur Verfügung haben. Es wollen ja alle was von einem: Brenner, der jetzt schon zum dritten Mal in einer Stunde ins Büro gekommen ist, um mir ausgedruckte E-Mails auf den Tisch zu legen, darunter eine Einladung für den Ball seines Golfclubs, wo ich eine Rede halten soll ("Was Spontanes, Provokantes", hat er an den Rand gekritzelt). Daniela, die mir ein Post-it an den Rechner heftet: "Mittagessen? Nur wir zwei?" Meine Mutter, die mehrfach über SMS um ein Gespräch gebeten hat, "noch mal über besagte Party reden, du weißt schon".
Langsam kann ich die Stars verstehen. Ohne narzisstische Störung hält man das ja gar nicht aus, diese Gier der anderen nach Aufwertung. Irgendwann flüchtet man sich dann in Drogen (Amy Winehouse) oder Alkohol (Amy Winehouse), leidet an Ess- oder Aggressionsstörungen (Amy Winehouse). So gesehen kann man natürlich alle Unterstützung brauchen. Wir, die wir so außerhalb der Menge stehen und doch so eng mit ihr und ihren Träumen verbunden sind, wir leben ja doch in ständiger Gefahr. Der Gefahr des Helden, der hoch hinauswill und umso tiefer stürzt.
"Ich bin tatsächlich ein wenig kraftlos im Moment", sage ich in das flauschige Rascheln am andern Ende der Leitung hinein. "Diese exponierte Stellung fordert einem schon einiges ab. Was würden Sie als mein Hilfs-Ich denn empfehlen?"
"Sie müssen lernen, sich abzugrenzen. Damit fängt alles an."
"Gute Idee", sage ich und lege auf.
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Leistung und Erfolg haben immer weniger miteinander zu tun. Arbeit als Einkommensquelle ist ein Auslaufmodell. Gerade jetzt, in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise, gibt es bessere Möglichkeiten weiterzukommen als mit einem konventionellen Job. Daniela lässt sich aber nicht so leicht überzeugen.
"Es hat nicht jeder so ein Glück wie du", sagt sie und füttert mich beim Mittagstisch mit einer Gabel Ravioli. Bruno zwinkert mir vom Tresen aus zu. Einer der vielen Versuche des Durchschnittsmenschen, sich mit dem Ausnahmetalent gemeinzumachen.
"Ich krieg den Studienplatz schon noch. Und dann mach ich eine solide Ausbildung, eröffne eine Praxis und verarzte die Schoßhündchen von Stars wie dir!"
Die liebe, aber naive Daniela. Wenn sie ihr Veterinärmedizinstudium abgeschlossen hat, wird normale Erwerbsarbeit gar nichts mehr wert sein. Materieller und symbolischer Gewinn (Prestige, Anerkennung, Aufmerksamkeit) wird dann nur noch in den Medien zu kriegen sein, in der Popindustrie.
Trägt sie eigentlich jeden Tag Lipgloss? Sie sieht wirklich umwerfend aus, mit dem dichten blonden Haar, den dunklen Augen, und dieser kleine Knick, den ihre Nase macht, der ist schon extrem sexy. Was spricht eigentlich gegen eine Karriere im Showbusiness? Gerade jetzt, wo die Bereitschaft, sich selbst auszustellen, viel höher entlohnt wird als berufliche Arbeit?
"Du solltest modeln", sage ich beiläufig und klaube eine weitere Ravioli von ihrem Teller. Dabei streift meine Hand über ihre.
"Tu ich doch schon." Daniela wischt mir einen Soßenfleck vom Mund. "Unterwäsche. Willst du mal sehen?"
"Hier im Restaurant?"
"Quatsch, im Internet. Auf der Palmers-Website. Ich schick dir den Link."
"Was guckst du denn so angestrengt?", fragt Friederike. Schnell klicke ich die Bikiniserie "Angelina" weg, dafür erscheint mein neuer Bildschirmschoner: Martin Frielings, der Partylöwe und Society-Zampano, umtost von der begeisterten Menge.
Fritzi steht da wie ein kleines Mädchen, das etwas ausgefressen hat, es aber um keinen Preis zugeben wird. Wenn ihr etwas peinlich ist, wenn sie sich irgendwie schuldig fühlt, dann schnauzt sie einen erst mal an. So eine paradoxe Art, mit Stress umzugehen. Ich kenne das natürlich, gerade als jemand, der von öffentlichem Interesse ist. Wenn der Erwartungsdruck übergroß wird, braucht man ein Ventil. Deshalb haben die Stars ja diese grotesken Marotten. Woody Allen misst sich alle zwei Stunden die Temperatur, für Leonardo DiCaprio muss Hotelbettwäsche mit antiallergischem Waschmittel gespült werden, Barbra Streisand lässt ihre Garderoben pfirsichfarben streichen, und Faye Dunaway hat jemanden eingestellt, der vor dem Zubettgehen Smalltalk macht - mit ihrer Katze.
Wenn ich gestresst bin, kommandiere ich andere herum oder verschiebe Termine. "Ruf Karen an und erklär ihr, dass ich heute Mittag nicht kann", sage ich zu Praktikant, der sich auf den Flur verdrückt. Friederike steht immer noch im Türrahmen.
"Wenn du wissen willst, ob du heute Abend mit zu Jos Vernissage kannst ", sage ich und füge Palmers meiner Favoritenliste hinzu. "Die Antwort lautet nein." Friederike sagt nichts, reibt weiter ihre Finger, als wolle sie ihre Hände waschen.
"Dieses Foto ist echt peinlich", sagt sie mit kleiner Stimme.
"Ich finde es cool. Das Extreme unserer Eventkultur, gepaart mit einem Schuss Ironie. Was ist daran schlecht?"
"Das meine ich nicht." Fritzis Stimme ist jetzt kaum mehr als ein Hauch. "Ich meine, na, wie Zieper und ich, wie wir " Herrje, jetzt lass doch mal deine Finger in Ruhe! Ich stehe auf, umrunde den Schreibtisch, so wie Tom Cruise das in "Von Löwen und Lämmern" macht. Da spielt er einen extrem souveränen Politiker. Mit diesem Gentleman-Charme trete ich auf Friederike zu, fasse ihre Hände und sage Also, was sagt man in so einer Situation? Dass man's immer schon irgendwie geahnt hat? Dass man eigentlich wusste, dass es immer eine Schwärmerei bleiben würde? Dass Freundschaft auch nicht zu verachten ist, und überhaupt: dass sie und ich eh viel zu verschieden sind und Ziepi wirklich die bessere Wahl ist? So muss sich Leonardo DiCaprio gefühlt haben, als er den Oscar nicht bekam. Oder Philip Roth, als der Nobelpreis mal wieder an jemand anders ging. Was macht man als außerordentlicher Charakter in so einer Situation? Man bewahrt die Fassung. Und bedankt sich.
"Danke, Fritzi."
"Danke? Soll das jetzt komisch sein?"
Ja, es ist komisch, will ich sagen, komisch und sogar lachhaft, weil meine Vorstellungen von Liebe und Romantik immer noch ein Riesenwitz sind, obwohl ich fast 40 bin. Und dass ich das endlich begreife, dafür sollte ich dankbar sein. Aber da klingelt mein Handy, deshalb sage ich nur schnell: "Danke, dass du die bei Zieper vorbeibringst", drücke ihr die Headlines für die Sunshine-Broschüre in die Hand und nehme ab.
Sternstunde mit Folgen
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Karen, meine Mutter, sogar Praktikant und seine Freundin begleiten mich an diesem Abend zu Jos Vernissage. Sind vier Leute schon eine Entourage? Mir soll es jedenfalls recht sein: Eine Clique schirmt einen von lästigen Bewunderern ab und macht gleichzeitig den Status deutlich, den man erworben hat. Als wir ankommen, bin ich einigermaßen überrascht: Jo hat sein Dachgeschossatelier erweitert und im Hinterhof die Arbeitshalle eines ehemaligen Kfz-Betriebs dazugemietet. Er beschäftigt jetzt sogar Angestellte und lässt seine Streifen- und Punktbilder in Serie fertigen. Mein romanzensüchtiger, chaotischer Kumpel hat sich vom leidenden Artisten zum Kunstentrepreneur gemausert. "In zwei Jahren hab ich 100 Mitarbeiter wie Jeff Koons!", schwärmt Jo und zeigt auf einen bärtigen Ausstellungsbesucher. "Das ist der Anselm, der hat seine Ateliers nebenan. 38 Jahre alt, 30 Mitarbeiter, seine Folienbilder kosten über 100000 Euro. Ist das cool? Oder ist das cool?"
Ich möchte Jo gerne warnen vor der allzu schnellen Selbststeigerung. Man muss das Gemüt dafür haben, die Statur, wenn der Begriff nicht zu arrogant klingt. Aber schon werde ich von zwei Blondinen angesprochen: "Du bist doch der aus der B.Z., der das Chill gerockt hat, oder?", fragt die eine. Die andere lacht aufgedreht: "Genau, mit dieser Nacktfete zum Schluss, am Pariser Platz!"
Es war keine Fete, kläre ich meine Bewunderer auf, es war mehr ein Happening. Ich plane eine Wiederholung nächsten Monat, dann aber im San Flicci. Auch so ein Laden, den man einer architekturkritischen Bearbeitung unterziehen sollte. Die Blondinen giggeln, eine drückt mir ihre Visitenkarte in die Hand. Dann lassen sie sich fortziehen von einem Kerl mit Künstlerschal.
Der Saal hat sich erstaunlich schnell gefüllt, meine Entourage hat sich über den Raum verteilt. Macht eine Entourage überhaupt so was: sich verteilen? Ist die Gefolgschaft nicht eher konzentriert und gesammelt? Ich winke Praktikant zu, der meinem Blick ausweicht und in der Menge abtaucht, im Schlepptau seine Freundin, die dieselben Blumen bekommen hat wie ich. "Oder sind das meine Blumen?"
"Woher soll ich das wissen?", sagt meine Mutter, den Blick über den Rand ihrer Lesebrille auf eines von Jos Punktbildern gerichtet. "Ich frage mich, ob es in den Fitnessraum passen würde, was meinst du?"
Ich meine, Karen zu sehen, wie sie mir über die Köpfe der Gäste hinweg zuwinkt. Ist das schon Stalking? Und da, von der andern Seite des Raums drängt Daniela heran, mit großen, staunenden Augen. Mein Gott, was haben sie denn alle? Na, ich weiß es ja: Es ist die Gravitation, die die einfachen Naturen zu ihren Idolen zieht. Aber ich bleibe lässig, mache sogar Konversation mit diesem Typen, der schon eine Weile neben mir herumlungert. Klassischer Berlin-Mitte-Stil: ungepflegter Fünftagebart, Sonnenbrille, zerbeulte Jeans, T-Shirt und Hut.
"Ziemlich viel los hier." Aus den Augenwinkeln sehe ich nun auch Praktikant und sein Anhängsel auf mich zueilen. "Und wenn man dann noch prominent ist, puh, ich sage Ihnen, ganz schön stressig."
Der Mann lächelt freundlich, nickt verständnisvoll. Tut gut, mal mit jemandem zu plaudern, der nicht wer weiß was auf einen projiziert. "Aber mit dieser bestimmten Ausstrahlung passiert es einfach", ergänze ich. "Charisma, Präsenz, das lässt sich halt nicht verstecken." Wieder dieses freundliche Nicken.
"Sie haben es übrigens auch", sage ich. "Doch, doch, ehrlich. So ein bestimmtes, wie erklär ich das am besten " Und plötzlich steht meine Entourage vor mir, alle mit glänzenden Augen und offenen Mündern. Mann, Leute, jetzt übertreibt nicht, was gibt's denn? Aber keiner kriegt einen Ton heraus, bis irgendjemand "Brad Pitt!" schreit und ein Blitzlichtgewitter losbricht. Der Typ mit der Sonnenbrille lächelt gequält, denn auf einmal sind überall Fotografen. "Brad! Brad!", feuern sie sich gegenseitig an, während die Gäste heranströmen wie ein Schwarm Fische. "I liked you in Jesse James!", rufe ich noch, dann boxt mich jemand zu Seite.
Wie lange stehe ich jetzt schon hier, vor dem Bild "Ohne Titel (Perspektive I)"? Ich zähle die pastellfarbenen Reihen bereits zum dritten Mal, es sind immer noch 40. Vierzig perfekte Linien, jede ein eigener leerer Horizont. "Das wäre vielleicht was für Locarno, Martin. Ich muss diese Wohnung jetzt endlich mal herrichten", sagt meine Mutter. Sie drückt mir einen Sektkelch in die Hand. "Wer ist eigentlich dieser Typ, den alle belagern?"
"Brad Pitt. Der größte Filmstar der Welt."
"Ach ja?" Brigitte Frielings dreht sich kurz um, dann tupft sie mit einer Serviette den Rand des Glases sauber.
"Sein Sakko ist trotzdem geschmacklos."