"Desperado": Mein Leben als Zocker - DER SPIEGEL
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"Desperado" Mein Leben als Zocker

Wenn dein bester Freund Karriere macht, die angehimmelte Kollegin einen anderen will und selbst deine Mutter mehr Spaß hat als du, muss was passieren. Martin, der Held des Romans "Desperado", stürzt sich ins Dasein. In Folge zwei wird er zum Zocker - und setzt alles auf eine Karte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was bisher geschah:

Es lief alles bestens für Martin, den Werbetexter und Dauersingle mit Wohnort Berlin. Und dann die schockartige Erkenntnis: Du wirst älter und hast immer noch keinen Plan! Wie kriegst du jetzt auf die Schnelle ein bisschen Geradlinigkeit in den nicht vorhandenen Lebensentwurf? Bei der Geburtstagsparty des schwer reichen Cousins trifft Martin eine Entscheidung - und spielt auf volles Risiko ...

Mein Leben als Zocker

Den letzten Rosinenbagel wird sich Zieper geschnappt haben. Und den einzigen Bananen-Smoothie auch. Darauf schließe ich mit mir selber eine Wette ab. Wenn ich gewinne, lade ich Friederike zum Italiener ein. Wenn ich verliere, ebenfalls. Das Leben ist ein Spiel, und manchmal kann man die Regeln sogar selbst bestimmen.

Die Montagsrunde verläuft nach einem strengen Ritual: Wer nach 9 Uhr kommt, wartet vor der Tür, während drinnen, im großen Konferenzraum von Brenner & Friends, die Projekte der Woche besprochen werden. Vor der Tür zu warten ist ähnlich beschämend, wie beim Sprung in die abfahrende U-Bahn von der Tür eingeklemmt zu werden.

Bei der Montagsrunde gibt es den sogenannten Power-Brunch: bergeweise Muffins, Obst, Brownies und Säfte, aber immer nur einen einzigen Bananen-Smoothie. Ich habe versucht herauszubekommen, ob der Smoothie für Zieper reserviert ist, aber sowohl die Geschäftsleitung von Fit4Food, dem zuständigen Lieferdienst, als auch unsere Chefassistentin, Daniela, haben mir versichert: Der Bananen-Smoothie ist für alle da.

Es ist 8.55 Uhr, der Rosinenbagel baumelt an Ziepers Finger, eine Trophäe der Durchsetzungskraft und Schnelligkeit. Der Smoothie ist schon halb leer, das Getränk hat Zieper die Lippen dunkelgelb geschminkt. Ich schlucke reflexhaft. Während ich im Geiste noch die Liste der Italiener durchgehe, stapft Brenner, 55, herein. Sein graumeliertes Haar bewegt sich sacht, als spiele ein leichter Wind darin. Wo Brenner ist, sind immer auch Hochseeyacht und Strandbar, milde Brise und scharfe Girls.

Der Chef steuert auf einen gigantischen Bildschirm zu, auf dem das Logo einer Versicherungsgesellschaft erscheint. Zieper kaut am Bagel, spült den letzten Bissen mit köstlichem Smoothie-Nass hinunter. Dennoch wirkt er angespannt in seinem mausgrauen Anzug, der, so fällt mir zum ersten Mal auf, erstaunlich gut geschnitten ist. Er verdient zu viel, denke ich, genau wie Brenner, der die meiste Zeit im Süden verbringt. Sein Teint ist nougatfarben, was das aggressive Blau seiner Augen noch unterstreicht. Diese Augen, die nicht ermüdet werden von Monitoren und Flipcharts, Tabellen und Grafiken, sondern das Meer ausspähen vor den Seychellen oder Dekolletés an der Côte d'Azur.

"So, Leute, jetzt wird's ernst: Wir haben den Coburg-Rammsteiner-Etat. Das ganze Paket: Altersvorsorge, Berufsunfähigkeit, Unfall, Rechtsschutz."

"Und Vermögensbildung", ergänzt Zieper.

Brenner wirft ihm einen schnellen harten Blick zu. "Genau. Und Vermögensbildung. Damit fangen wir an: Anzeigenkonzept, drei Verbraucherbroschüren und ein internes Business-Manual."

"Es sind sechs Broschüren." Zieper hat die Krawatte zurechtgerückt. "Und das Manual gehört zu einem größeren Folder für die Vertreterschulung."

"Meinetwegen. Jede Menge Arbeit jedenfalls. Denn die Deadline ist bereits Freitag. Bislang läuft alles auf Projektbasis, aber wir wollen die Pauschale."

Natürlich wollen wir die Pauschale. Eine Pauschale ist wie eine feste Beziehung mit regelmäßigem Sex und Ausheulgarantie, während man vorher nur unregelmäßige Dates hatte. Um uns daran zu erinnern, klettert Brenner sogar vom Sonnendeck und kommt ins brütend stickige Berlin.

"Zehn Euro, dass er gleich sagen wird: Ich weiß, dass ihr das schafft!"

"Sorry, aber ich bin Praktikant", sagt der Praktikant, ein Text-Azubi aus Hamburg, der dritte dieses Jahr. Die Namen merke ich mir schon lange nicht mehr, ich nenn sie einfach Praktikant. Klingt herzlos, aber ich habe eine Technik entwickelt, das Wort Praktikant mit einer Intimität anzuwenden, die den Angesprochenen nicht abwertet, sondern im Gegenteil in seiner Individualität fördert, bei gleichzeitiger Eingliederung in einen größeren Funktionszusammenhang. So habe ich es jedenfalls letzte Woche Jo erklärt (er nannte mich Betriebsfascho, was ich selbst nach mehreren Bier noch einigermaßen kränkend fand).

"Okay, 'nen Fünfer. Und du holst meine Sachen aus der Reinigung."

Praktikant lächelt verlegen, was ich als Ja verstehe.

"Also, Team 1 und 2 streichen erst mal Urlaubspläne und krempeln die Ärmel hoch", sagt Brenner mit Blick auf seine faustgroße Rolexuhr.

Und?

"Morgen Kick-off-Meeting um dieselbe Zeit."

Und?

"Ist alles ziemlich eng, ich weiß."

Brenner durchquert den Raum. Kurz vor der Tür bleibt er stehen, dreht sich um und grinst. "Ich weiß, dass ihr das schafft!"

2

Finden Sie es unmenschlich, einem Praktikanten mit 350Euro netto einen Fünfer abzuknöpfen? Ich darf an dieser Stelle Schiller bemühen: "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist. Und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." So gesehen hat unser junger Freund eine zutiefst humane Erfahrung gemacht. Kurz habe ich ihn aus den ökonomischen Zwängen herausgelöst und ihm geholfen, spielerisch die materiellen Gegebenheiten zu überschreiten. Genau besehen, schuldet er mir mehr als fünf Euro (an die muss ich ihn noch mal erinnern, wenn er aus der Reinigung zurück ist). Aber in welcher Währung außer Anerkennung und Treue kann man diese Art der Bereicherung zurückerstatten?

Überhaupt stehen schon einige Kollegen in meiner Schuld, ganz einfach, weil ich spielend ihren Berufsalltag bereichere. Die kleinen Wetten zum Beispiel auf Ziepers Memokünste (Wird er diese Woche unter fünf Besprechungsberichten bleiben oder wie letzte Woche täglich zwei oder mehr verfassen?) entlasten die Belegschaft: Ihr engumgrenztes Blickfeld weitet sich ins Phantastische, Kunsthafte, Spekulative.

Spekulieren ist übrigens ebenfalls ein Thema. Man glaubt ja gar nicht, wie viel Schwung in die Bude kommt, selbst nach 19Uhr, wenn wir Feierabend-Börsianer das Parkett unsicher machen. Unser Club, bestehend aus mir und Gerrit Hömel (Junior-Kundenberater, Team 3; Food/Beauty), setzt im Internet auf Termingeschäfte und Optionsscheine. Hömel hat einen Bausparvertrag aufgelöst, um Geld lockerzumachen. Ich werte dies als Zeichen des Vertrauens in meine wirtschaftlich-diagnostischen Fähigkeiten und nenne ihn deshalb nur noch "Terrortrader", wenn ich ihm auf dem Gang begegne. Dazu mache ich das Daumen-hoch-Zeichen, eine Geste, die ich mir bei Brenner abgeschaut habe. Trotz meiner motivierenden Präsenz ist Hömel in den letzten Tagen etwas blass, vielleicht weil seine Verlobte Wind von der Sache bekommen hat.

Frauen sind eben keine Spielernaturen, sie denken in simplen Zusammenhängen, die Arithmetik ihrer Gefühle kennt nur Gleichungen mit festen Größen. Liebe+Partner = Glück oder Geld + Partner = Sicherheit, so kalkulieren sie nun mal ihre Zukunftschancen. Deshalb versteht Friederike auch meine Konzepte nicht. "Zocken. Rocken. Aufstocken?", fragt sie entgeistert. "Das soll das Motto für einen Aktienfonds sein, der - und ich darf jetzt mal das Kundenbriefing zitieren - ›Anleger behutsam motiviert, an der Entwicklung der Aktienmärkte asiatischer Schwellenländer teilzunehmen‹?"

"Die Richtung stimmt aber." Brenner hat den Besprechungsraum betreten, gefolgt von Zieper und Daniela, die Mineralwasser und Kaffee serviert. "Den ganzen konventionellen Finanzmist kann jeder. Wir brauchen was Frisches."

"Wer wagt, gewinnt", sage ich mit dem Ausdruck eines Pokerspielers, der alles auf eine Karte setzt.

"Genau, Frielings!" Brenner legt die Füße auf den Tisch. Seine handgenähten Schuhe ragen bedenklich nahe vor Zieper auf, der aber keine Miene verzieht.

"Wagen Sie, ein Gewinner zu sein?", frage ich, ziehe dabei eine Augenbraue hoch bis kurz unter den Haaransatz.

"So muss das laufen!" Brenner rülpst leise, aber doch hörbar nach einem großen Schluck Evian. "Schreibt hier eigentlich jemand mit?"

Friederike ist baff, ich kann das daran sehen, dass sie an ihrer Unterlippe nagt, während sie in ihren Unterlagen wühlt. Sie wird in den nächsten Monaten viel Zeit mit diesem Kunden verbringen, und weil Zieper als ihr direkter Vorgesetzter die Regie führt bei dem Projekt, wendet sie sich an ihn.

"Jan, vielleicht verstehe ich das Briefing nicht ganz richtig …"

"Riskieren, profitieren!", rufe ich dazwischen. Zieper schaut auf Brenner, der einen imaginären Fleck von der Kappe seines Budapesters reibt. Friederike verzieht das Gesicht. So sieht man aus, wenn man in eine Zitrone beißt, denke ich, den Blick auf Brenner gerichtet. Ich aber bleibe gelassen, denn ich weiß: Das Leben ist ein …

"Spiel ich eigentlich morgen Golf mit Seeberg? Check das mal bitte, Daniela." Brenner ist aufgestanden. "Und die Richtung ist ja jetzt klar. Riskieren, profitieren."

Wenn ich welches bei mir hätte, würde ich jetzt Trinkgeld verteilen. Für diese Komparsen in meinem Erfolgsgame. Für diese mickrigen Knauser, die sich hinter Briefings und Berechnungen verschanzen, anstatt dem Schicksal die Karten aus der Hand zu nehmen und selber aufzutrumpfen. Der kleine Mann im schwarzen Anzug hatte recht: Wenn die Verhältnisse unübersichtlich geworden sind, wenn der Markt sich selbst entfesselt und die gesellschaftlichen Bindungen zerfallen, wenn noch die intimsten Regungen von Kalkül und Profitdenken durchdrungen sind, dann schlägt die Stunde des Spielers. An der Börse der Lebensmodelle steht seine Erfahrung hoch im Kurs: Wir haben alle schon verloren, deshalb lasst uns den Einsatz erhöhen, das Risiko steigern, finanziell und ideell.

"Mit dem Konzept kommen wir nie durch", sagt Friederike.

"50 Euro dagegen", sage ich.

Volles Risiko


3

Wann kann man von Kontrollverlust, wann von Sucht sprechen? Wenn ein Mann einen Kollegen zum Zeichnen von Aktien verleitet und, als diese sich durch eine dramatische Baisse als wertlos erweisen, erklärt: Bausparverträge sind eh nur was für Spießer? (Hömel, wo auch immer du jetzt gerade arbeitest, hör mit dieser Hasskolumne auf. Sie ist schlecht getextet, auch wenn es mir schmeichelt, dass du mir eine eigene Website gewidmet hast.) Wenn er die Windhunde seiner Mutter in den Tiergarten entführt und ihre Rennbahntauglichkeit mit einer Schreckschusspistole testet? Oder wenn er in der Mittagspause folgende Wette abschließt: "Ein Monatsgehalt, dass ich Friederike bis Ende Juni flachlege"?

Der Anruf erreicht mich im Auto. Leihwagen, Porsche, 325 PS. Baden-Baden, die Stadt, wo wir Spieler zu Hause sind, soll mich in standesgemäßer Aufmachung kennenlernen.

"Weißt du, was du bist, Martin?" Friederike klingt gestresst, das merke ich sofort, obwohl das Freihändigfahren meine ganze Konzentration erfordert. Ich schaffe es bis zur nächsten Ausfahrt, ohne das Lenkrad zu berühren, heißt das Spiel.

"Du bist ein kleiner mieser Arsch!"

"Ich weiß nicht, was du meinst, Fritzi."

"Spiel keine Spielchen mit mir! Und nenn mich nicht Fritzi!"

Ich überhole einen Jaguar, darin sitzt eine Blondine, schätzungsweise Ende 30, Typ Doris Day, nur etwas markanter. Aus den Augenwinkeln sehe ich ihr amüsiertes Lächeln.

"Ich kann grad nicht, Friederike."

"Klar, du hast sicher alle Hände voll zu tun. Zum Beispiel damit, Frauen flachzulegen." Der Jaguar zieht gleich, die Blondine nimmt kurz beide Hände hoch und lacht.

"Aber andererseits ist ja noch jede Menge Zeit. Bis Ende des Monats, um genau zu sein."

Wer hat geplaudert? Praktikant? Kann nicht sein, er weiß, dass er mit mir die nächsten zwölf Monate auskommen muss. Oder Schäfer? Aber würde jemand, der heimlich eine erotische Streitschrift verfasst, in der Neurodermitis und Gruppensex in der Wüste eine zentrale Rolle spielen ("Trockendock. Eine Antwort auf Charlotte Roche"), würde so jemand an einer harmlosen Wette Anstoß nehmen? Es muss Zieper gewesen sein, er saß gestern Mittag beim Italiener mit am Tisch. Deshalb hatte er also mit Zeigefinger und Daumen eine Pistole geformt und auf mich angelegt.

"Ich dachte, wir sind Freunde, Martin."

Das sind wir doch auch, will ich sagen, aber da klickt es schon in der Leitung.

4

In Baden-Baden angekommen, parke ich beim Theater. Eine Schulklasse wartet auf Einlass. Wie unbeschwert ihr seid, und was steht euch nicht noch alles bevor! Das Erwachsenwerden und Verzweifeln, das Suchen und Ringen um Lebenssinn, um Zuversicht, ein Programm. Dabei findet sich die Lösung für all diese ideologischen und pragmatischen Probleme doch gleich hier um die Ecke, in Gestalt des Kasinos, Fortunas Tempel.

Noch dreimal hat das Handy geklingelt, einmal Zieper, zweimal Daniela, ich bin nicht drangegangen. Sie wollen sicher wissen, wo die Headlines für Montag bleiben, und natürlich, wo ich abgeblieben bin, ich habe ja keinen Urlaub eingereicht.

Aber muss der Spieler sich rechtfertigen für seine Impulse, jene spontanen Eingebungen, die ihm sagen, was zu tun ist im entscheidenden Moment? Zum Beispiel jetzt: Das Roulette-Rad dreht sich, dem Croupier rollt bereits das R von "Rien ne va plus" über den Gaumen, da schiebe ich noch einmal drei 100er-Jetons auf Rot. Ich bin eingeklemmt zwischen einem schwer schwitzenden Schlaks und einer Brünetten, deren Kleid farblich auf die Höhe ihrer Einsätze abgestimmt scheint: Es ist violett wie die 500-Euro-Jetons, die sie großzügig auf der Spielfläche verteilt. Rot, rot, schwarz, schwarz, gerade und ungerade Zahlen. Ich verliere, ich gewinne, am Ende bin ich um 600 Euro ärmer, aber es ist ja eine Erleichterung, ein Sichbereichern an Lebenskraft, an Schicksalstrotzigkeit. Ein berauschender Tanz mit den Parzen!

Am Pokertisch ist kein Platz mehr frei, also schau ich zu. Ein Mann zerkaut einen Zahnstocher, den Blick geschützt hinter der Sonnenbrille. Ein anderer wirkt, als ob er schlafe, nur an der zitternden Rechten erkennt man seine Anspannung. Und hey, ist das nicht die Jaguarfahrerin? Sie erwidert meinen Blick, verzieht aber keine Miene.

"Lady Horror!", flüstert jemand neben mir, es ist der Typ aus der Imbissbude. Was macht er hier?, ist mein erster Gedanke. Wie teuer muss dieser Smoking gewesen sein?, der zweite.

"Weltmeisterin im Seven Card Razz. Freitags ist immer ihr Cashgame-Tag. Routinearbeit für sie, Hinrichtung für die andern."

Gebannt starre ich auf die Spielerin, die eine Große Straße aufdeckt. Der Zahnstochermann hat aufgehört zu kauen, das Hölzchen hängt reglos an seiner Unterlippe. Der Schläfrige reißt kurz die Augen auf, um dann in seinen gewohnten Dämmerzustand zurückzusinken. Nur die Hand zittert noch heftiger.

"Spielen Sie nicht?", frage ich meinen Bekannten.

"Nicht hier."

"Warum nicht?"

"Ich spiele nicht um Taschengeld."

Roulettenburg heißt die Kasino-Stadt in Dostojewskis Novelle "Der Spieler". Würde er heute leben, hätte er sie Pokertown getauft. Und im Kreise der Männer, die mir Mikki (so der mutmaßliche Name meines Bekannten, den seine Freunde allerdings nur den Baron nennen) in der Suite des Atlantic-Hotels, fünf Gehminuten vom Kasino entfernt, vorstellt, hätte der Dichterfürst seine Geistesbrüder gefunden. Denn natürlich heißen sie nicht wirklich Phil Ivey und Chris Moneymaker, das sind noms de guerre von Zockern, die wissen, dass Spiel und Verkleidung, Camouflage und Zufall zusammengehören.

Am Spieltisch erproben sie ihr kalkulierendes Talent, kombiniert mit der Kunst der Verstellung. Schauspieler sind sie auf der Bühne des Glücks, und nur Geldmangel kann sie vertreiben von dieser Szene absoluter Freiheit. Denn sind wir nicht hier, als Spieler, freier als irgendwo sonst? Wir kennen den Ausgang des Stücks, und frei von allen Illusionen geben wir uns dem größten Betrug von allen hin: der Selbsttäuschung, dass wir nur dieses Mal, dieses eine Mal nicht verlieren werden.

1500Euro Bargeld und eine Audemars-Piguet-Uhr weniger fühlen sich trotzdem blöd an. Außerdem kehrt stoßweise die Erinnerung an Friederikes Worte zurück: "Ich dachte, wir sind Freunde." Aber jetzt bloß nicht zurückschauen, das Spiel kennt nur Gegenwart, Einsatz und Mut. Wir spielen Texas Hold'em, im Topf sind 5000 Euro, aber um mitzugehen, fehlen mir zwei Riesen.

"Sie wirken unkonzentriert, Schwitters." (Ich habe mich nach dem großen Dadaisten benannt. "Wir spielen, bis uns der Tod abholt", hat der einmal geschrieben. Die reglosen Mienen meiner Mitspieler passen dazu wie ein böses Omen.)

"Ich bin leider knapp bei Kasse."

"Es gibt einen Automaten gleich um die Ecke."

"Mein Konto ist leer. Aber in Berlin habe ich zwei Horst-Janssen-Lithos und einen Eames Chair."

Der Baron betrachtet mich lange, in seinem Blick mischen sich Mitleid, Verachtung und Amüsement. Wie in Zeitlupe schiebt er mir vier 1000er-Chips herüber.

Die Leere des Ganzen


5

"Ja, ich habe ihm meinen richtigen Namen gesagt. Und meine Adresse, ich bin ein Ehrenmann!"

"Sie sind ein Idiot", sagt Frau Härkle. Meine Putzfrau kommt immer dienstags, deshalb nehme ich mir für Montagabend nie was vor. Ich muss ja die Wohnung aufräumen. Diese Woche hat sich das erübrigt: Vier Männer robusten Körperbaus klingelten um 18 Uhr an meiner Tür, "Grüße vom Baron", um die Möbel abzuholen. Alles haben sie mitgenommen, den Eames, die Lithos, außerdem meinen Schreibtisch, das Sofa ("Dit is von Benz", sagte der Kleinste des Quartetts. Wer hätte gedacht, dass ein tätowierter Muskelberg derart viel Gespür für Wohnraumgestaltung aufbringt?). Selbst das Regalsystem haben sie auseinandergebaut. Die Tochter des Chefs studiere demnächst an der FU, sie könne die Möbel gut gebrauchen, lautete die Erklärung.

So sitzen Frau Härkle und ich einander gegenüber, an den beiden Küchenstühlen bestand kein Interesse, was man von meinem Bettgestell (interlübke, späte Achtziger, Geschenk meiner Mutter zum Studienanfang) leider nicht behaupten kann.

"Full House!", sagt die 55-jährige Schwäbin. Wer Sudokus knackt, als seien es Rechenaufgaben für Erstklässler, kann auch im Poker nicht so schlecht sein, das wird mir aber erst später klar, als ich auf meiner Matratze sitze, umgeben von nichts, und wie betäubt Jos Nummer ins Handy hacke.

Eigentlich wollte er ja nur kurz vorbeischauen. "Ich muss noch zu einem Date, und diesmal, ganz ehrlich, werde ich Schluss machen!" Mein lieber Freund Jo, ein Frauenverführer, der aber vor allem sich selbst verleitet: zur Annahme, man könne anderen den Schmerz ersparen, sie nicht mehr zu wollen.

Aber dann steht er gebannt in meinem Wohnzimmer, in dessen Mitte ich auf einem der Küchenstühle sitze wie ein Delinquent kurz vor dem Verhör. "Wow!", sagt er und dreht sich einmal um die eigene Achse.

"Wenn ›wow‹ so viel heißt wie ›was zum Teufel ist mit deinen Möbeln passiert‹, dann ja, wow!"

"Das ist …"

"Eine Katastrophe!"

"Nein, das ist …" Jo breitet die Arme aus und durchschreitet andächtig den Raum. "Das ist Leere! Ein Mann und der Raum. Die Figur, herausgeschält aus dem Nichts. Das Subjekt, konfrontiert mit Abwesenheit. Wow!"

"Wenn du das nächste Mal einen durchziehst, gib mir doch bitte vorher Bescheid."

Aber Jo hört nicht auf: dass das eine existentielle Erfahrung ist, um die mich andere beneiden müssten. Dass dies die Leere des Anfangs ist, aus dem Innovationen entstehen. Und dass er diesmal Schluss machen wird, nein, wirklich, sie ist so verbissen ehrgeizig und hat außerdem einen total nervigen Hund.

6

Der Barsoi schaut irritiert, vermutlich weil ich keine Socken trage. Dies ist immerhin das Grandhotel Adlon und Brigitte Frielings einer seiner Ehrengäste. Nach fast zehn Jahren der Stammkundschaft wird sie als Demeter des üppigen Trinkgelds verehrt. Ihr Wort kann einen ganzen Tross livrierter Lakaien in Bewegung setzen.

"Ist das ein neuer Trend, Martin? Die Abstinenz von Socken?"

"Unnötige Einengung."

"Und wie weit wird deine Befreiung von hygienischen Zwängen noch gehen?"

"Nicht Befreiung, sondern Reduktion", sage ich gelassen. Gelassen und erlöst vom Glauben, das Glück liege in Häufung und Hortung, Steigerung und Akkumulation. Dabei geht es um Auswahl, um Verdichtung. Das weiß ich jetzt. Deshalb stehe ich auf, ohne ein Wort zu sagen, und verlasse den Saal. Meine Schuhe lasse ich zurück, ihr Design erschien mir von Anfang an zu aufdringlich.

Beim Hinausgehen nestele ich einen Fünfer aus der Hosentasche. Der Kofferboy lächelt zufrieden. Jetzt habe ich keinen Cent mehr.

Gut so. Denn weniger ist mehr.


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