"Die Zwillinge" Jenseits von Gut und Böse
"Goed" und "fout", danach sortierte man während der deutschen Besatzung in Holland Nachbarn und Freunde. Nach dem Krieg hing vieles von dieser Unterscheidung ab: ob man ein "guter" Niederländer war und die Nazis abgelehnt hatte oder ein Falscher, ein Kollaborateur.
Tessa de Loo wirbelt in ihrem Bestseller "Die Zwillinge" diese Kriterien durcheinander: Selbst ein Soldat der Waffen-SS wird in ihrem Roman als empfindsam und menschlich geschildert.
Das Buch war dementsprechend umstritten in den Niederlanden: Dort ist das Bild des hässlichen Deutschen noch nicht vergessen, die Demütigung durch die deutschen Besatzer wirkt bis heute fort.
Die Geschichte zweier Schwestern, die als Kinder während der Nazizeit voneinander getrennt werden, basiert auf einer brisanten Konstellation: Während Lotte bei gut bürgerlichen Verwandten in den Niederlanden aufgenommen wird, landet Anna auf dem Bauernhof eines Onkels in einem westfälischen Dorf. So entwickeln sich zwei Lebensgeschichten, die unversöhnlich gegeneinander stehen: Lottes Familie versteckte Juden vor den Schergen der Nazis, Anna ging zum Bund Deutscher Mädel und heiratete einen Soldaten der Waffen-SS.
Doch Anna will, auch Jahrzehnte später, keine Vergebung: "Ich habe nichts verbrochen", sagt sie entschieden. Ist sie tatsächlich unschuldig, lediglich eine Mitläuferin, die während der Bombardierung um ihr Leben rannte und Kinder in Lazaretts pflegte? Und Lotte, macht sie es sich nicht zu leicht, wenn sie vom Mut ihrer Mutter schwärmt, die Juden versteckte, die Selbstbesessenheit ihres Vaters aber verschweigt, der seiner kranken Frau Lebensmittel vorenthielt?
De Loo formt aus den konträren, aber aufeinander bezogenen Lebensläufen ein vielschichtiges dramatisches Zeitbild. Statt Schuld zuzuweisen stellt sie einen Schuldzusammenhang dar; statt den Zeigefinger zu heben, legt sie ihn in die Wunden einer sowohl historischen als auch persönlichen Katastrophe. Das Publikum dankte es ihr mit Rekordverkaufszahlen und einem Spitzenplatz in den Beststellerlisten.
Pointe der Geschichte: Viele der niederländischen Leser konnten sich bei Erscheinen des Buches 1995 stärker in Anna als in Lotte einfühlen - die literarische Imagination half zu verstehen, ohne schönzufärben.