Emanzipationsroman: Wie lebt man sein eigenes Leben? - DER SPIEGEL
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Emanzipationsroman Wie lebt man sein eigenes Leben?

Gelangweilt, müde, erstarrt: Sunnas Leben ist unspektakulär und dreht sich um andere - um ihre beste Freundin und um ihren Mann. Was passiert, wenn beide verschwinden? Die Antwort gibt die Enkelin eines Literatur-Nobelpreisträgers.
Von Laura Hamdorf
Autorin Audur Jónsdóttir: Griesgrämiger Blick auf das Leben
Autorin Audur Jónsdóttir: Griesgrämiger Blick auf das Leben

Autorin Audur Jónsdóttir: Griesgrämiger Blick auf das Leben

Foto: Jóhann Páll Valdimarsson
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Bärenkostüm juckt auf ihrer verschwitzten Haut. Sunna Nónnudóttir steht auf der Bühne, winkt mit den schweren Pranken und bekämpft ihre Übelkeit und Scham. Sie verabscheut diese Buchmesse, ebenso wie die drängelnden Menschen, die sie schubsen, kneifen und am Fell zerren. Das Buch, das sie vorstellt, handelt von Pu, dem Bären und von Tao-Weisheiten. Sunna kann es ebenso wenig leiden wie ihren ganzen Auftritt. Ohnehin hat sie anderes im Kopf: Ihr Leben bricht zusammen, davon ist sie überzeugt. Denn die vergangenen Tage haben Fragen aufgeworfen. Fragen, die ihr Angst einjagen: Wurde ihre Freundin Arndís entführt? Hat ihr Mann sie verlassen? Wer sind die Männer, die sie verfolgen?

Die isländische Autorin Audur Jónsdóttir, Enkelin des Literatur-Nobelpreisträgers Halldór Laxness, zeichnet das Porträt einer unsicheren Frau mitten im frostigen Reykjavík: "Jenseits des Meeres liegt die ganze Welt". Mit griesgrämigem Blick auf das Leben und noch griesgrämigeren Gedanken versucht Sunna, ihr gehemmtes Wesen zu überspielen, gesteht nicht einmal sich selbst ihre Ängste ein: davor im Mittelpunkt zu stehen, Entscheidungen zu treffen und alleine zu sein. Ihr Charakter lässt sich anfangs schwer begreifen, die Handlung schleppt sich voran.

Die Nachricht vom Verschwinden ihrer alten Freundin Arndís erschüttert Sunna, aber nur innerlich. Von außen merkt man ihr nichts an. Sie verrichtet weiterhin ihren Alltag. Einen Alltag, der sie anödet: Sie hat keine Lust, ihre Mutter regelmäßig zu frisieren - und tut es trotzdem. Sie fühlt sich von ihrer Praktikanten-Tätigkeit im Verlag unterfordert - setzt sich aber auch nicht für einen neuen Job ein. Und als ihr Mann Axel auf einer Geschäftsreise an den Westfjorden festsitzt und sie bittet, sich um seinen 13-jährigen Sohn aus erster Ehe zu kümmern, fühlt sie sich überrumpelt - aber was bleibt ihr schon übrig.

Angenehme Alphatiere

Es macht keinen Spaß, als Leser einer trägen Frau durch ihre Routine zu folgen, es macht träge. Je mehr jedoch der Schmerz über Arndís' vermeintlich schlimmes Schicksal überhand gewinnt, desto besser lässt sich Sunnas passives Verhalten nachvollziehen. Denn Arndís war unabdingbar für sie - als Alphatier: Arndís entschied, welche Reisen unternommen wurden, Arndis riet ihr dazu, sich von der Mutter zu distanzieren, Arndís schleppte sie auf die angesagtesten Parties. Eine selbstbewusste, schöne, impulsive Frau, die auf Öko-Hippieläden stand und auf Kardamompaste. Neben ihr fühlte sich Sunna dumpf, gleichzeitig war sie stolz, eine solche Freundin zu haben.

Zehn Jahre liegen zwischen der letzten Begegnung der beiden Freundinnen. Das neue Alphatier in Sunnas Leben heißt Axel. Ihr Mann. Und auch Axel ist nun weg, kann wegen schlechten Wetters nicht mit dem Flugzeug zurück nach Reykjavík kommen. Und trotz seiner regelmäßigen Anrufe befürchtet Sunna, dass er für immer fortbleiben wird.

Erstmals kann sie sich nicht mehr hinter einer starken Person verstecken und ist gezwungen, sich aus der Taubheit herauszukämpfen und aktiv zu werden. Sunna begibt sich auf Spurensuche nach der vermissten Freundin, muss dabei vor drei brutalen Männern fliehen und bemüht sich nebenher, einen regelmäßigen Tagesablauf für den Pflegesohn zu schaffen. Dabei hilft ihr ein bewährtes Mittel - der Zynismus.

Mal sind ihre inneren Hasstiraden gegen die Welt frustrierend für den Leser, mal sind sie amüsant. Sie geben die Verzweiflung einer Frau preis, die es nicht schafft, die Distanz zum Leben zu überwinden, und die nun vor ihrer bislang schwersten Herausforderung steht: eigene Entscheidungen zu treffen.

Bis sie sich dazu durchringt, vergeht viel Zeit, auch viel Lesezeit. Und so liegt die schwerste Herausforderung für den Leser darin, nicht die Geduld zu verlieren. Mit ihr und mit dem Buch.