Erzählband: Berlin schimmert grau
Erzählband Berlin schimmert grau
Der Umschlag lässt keine Zweifel zu: Vor knallrotem Hintergrund steht da in weißer Schrift "Welche Farbe hat Berlin". Und hinter dem als Frage formulierten Buchtitel schließt sich noch nicht einmal ein Fragezeichen an. Berlin ist rot, rot, rot, schreit es einem also entgegen. Aber, das ist das Reizvolle an David Wagners Erzählband: Es stimmt dann doch nicht. Bereits wenn man die erste Geschichte liest - sie heißt "Die Mülltüte" - wird einem klar, dass Rot so überhaupt nicht zu der in diesem Buch verbreiteten Stimmung passt.
In "Die Mülltüte", dem ersten von 40 poetischen Streifzügen, schlendert der Autor und Ich-Erzähler Wagner nachts mit einem Abfallbeutel in der Hand durch Berlin-Mitte. Vorbei an abgerissenen Plakaten, leeren Flaschen und einem kaputten Kinderwagen. Es entsteht eine geheimnisvoll-ranzige Atmosphäre, zu der das saubere, heitere und so eindeutige Rot des Covers im Kontrast steht.
David Wagner, Autor der Romane "Meine nachtblaue Hose" und "Vier Äpfel", spaziert seit rund zehn Jahren kreuz und quer durch seine Wahlheimat. Seine literarischen Stadtbummeleien veröffentlichte der gebürtige Rheinländer unter anderem in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der "Süddeutschen Zeitung" und dem "Tagesspiegel". In "Welche Farbe hat Berlin" sind die traumwandlerisch-mäandernden Kurzgeschichten nun erstmals komprimiert in einem Erzählband erschienen. Illustriert werden sie von wundervollen Ton-in-Ton-Fotos, die leider viel zu klein und dort nur in schwarz-weiß gedruckt sind.
Tolerante Ignoranz funktioniert
Mal treibt sich Wagner, 40, in seinen Texten zapplig durch hippe Nachtclubs, mal fährt er hinaus in den Grunewald, um die Blätter rauschen zu hören. Mal sitzt er versonnen in der Hasenheide und beobachtet eine Gruppe fußballspielender Männer. Und mal schaut er Demonstranten dabei zu, wie sie Pflastersteine auf Polizisten werfen. Würde man die Handlungsorte der 40 Geschichten auf einer Stadtkarte miteinander verbinden, wäre Berlin von einem riesigen Knäuel bedeckt.
Der Autor erweist sich schnell als ein uneitler Stadt-Chronist. Er beobachtet sehr genau - manchmal leider etwas zu detailverliebt -, hält seine eigene Person, seine eigene Meinung aber zurück. Nur selten erlaubt er es sich, kurze, präzise Weisheiten in sein facettenreiches Porträt Berlins einzuflechten: "Die multikulturelle Gesellschaft in Kreuzberg ist eine, die, wie alle Großstadtgesellschaften, durch tolerante Ignoranz funktioniert", gibt er etwa zu Protokoll. Ansonsten aber überlässt er die Schlüsse lieber den Lesern.
Medizin gegen Hochglanz- und Prospektberlin
Wagners Texte dokumentieren den Wandel einer unruhig gespaltenen Metropolenseele. Er seziert sie. Seien es ein paar abgeholzte Robinien, eine herumliegende ausgequetschte Capri-Sonne oder sei es ein kahler Grenzstreifen, auf dem schon bald schicke Wohnblocks entstehen sollen. Sehnsüchtig umschreibt er ein untergehendes Berlin, das vor allem attraktiv erscheint, weil es unansehnlich ist: "Handtaschen werden heute aus alten Lastwagenplanen und Alditütenresten hergestellt, uncool is the new cool, das Hässliche das neue Schöne", schreibt Wagner in seiner Erzählung "Weiße Nacht".
Müsste man sich am Ende dieses Erzählbandes festlegen, welche Farbe das hier porträtierte Berlin hat, dann wäre es wohl ein dezent schimmerndes Grau. "Welche Farbe hat Berlin" ist ein kleinformatiges Büchlein, das man immer mal wieder zur Hand nehmen sollte, wenn einem das aufkeimende Hochglanz- und Prospektberlin auf den Geist geht. Zum In-Einem-Rutsch-Durchlesen eignet sich der Band allerdings eher nicht.
Das wäre zu viel Grau auf einmal.