Fantasy-Autor Dahlquist Frankensteins Erbe
Gordon Dahlquist steht an der Theke des Teesalons, einer stillen Oase im Trubel Manhattans, und grübelt über dem Angebot. Die randlose Brille, das strähnige Haar und der weiße Schnäuzer geben ihm etwas leicht Viktorianisches. Chelsea Chai? Devon Earl Grey? Tibetan Tiger? Schließlich lächelt er: "Einen Blutorangen-Eistee, bitte."
Wie passend. Blut und viktorianische Gepflogenheiten: Dieser Kontrast ist auch ein Hauptmotiv in Dahlquists Erstlingsroman "Die Glasbücher der Traumfresser". Das Buch, das heute in Deutschland erscheint, mischte schon voriges Jahr den US-Literaturmarkt auf - und stellte Dahlquists Leben auf den Kopf, indem es ihn über Nacht zum Wunderkind machte.
Denn das fantastische Retro-Abenteuer - ein Zwitter aus Jules Vernes und Edgar Allen Poe mit einem Schuss Harry Potter - tat es dem New Yorker Verlagshaus Bantam so an, dass es Dahlquist zwei Millionen Dollar zahlte, um sich die Rechte an dem 768-Seiten-Wälzer (864 Seiten auf Deutsch) und seiner Fortsetzung zu sichern. Auch Hollywood schlug bereits zu, mit einem - freilich noch geheimen - Film-Deal.
Allerhand für einen, der erst vor Kurzem noch keine Ahnung hatte, "wie man einen Roman schreibt". Bis heute wirkt Dahlquist, als habe er das alles noch nicht recht verarbeitet. Fast verlegen bittet er zur Teestunde in den Chelsea Market, eine Passage aus Bäckereien und Bio-Läden an der Ninth Avenue. Er trägt Shorts und ein Schlabberhemd. Seine Turnschuhe sind schmutzig.
Eine Kammer ohne Tür
"Völlig verrückt", sagt Dahlquist, 46, über den Gang der Dinge. "Wahnsinnig. Lächerlich." Und dann beginnt er, selbst noch fast ungläubig, die Geschichte dieses Buches zu erzählen - eine Geschichte, die nicht minder rasant ist als die Reise durch die fremde Fantasiewelt darin.
Begonnen hatte alles mit einem Traum. Im Januar 2004 war das: Dahlquist - damals ein Online-Redakteur in der Verwaltung der Columbia University, der nebenher kleine Theaterstücke schrieb - war als Geschworener zu einem Strafprozess einbestellt. Drei Wochen lang musste er einem Verfahren gegen einen Crack-Dealer aus der Bronx beiwohnen.
In der ersten Nacht des Prozesses hatte Dahlquist also einen Traum. "Ich war in einem düsteren, viktorianischen Gemäuer", erinnert er sich. "Eine Geheimgesellschaft hielt Leute gefangen, in einer Kammer ohne Tür. Die beängstigende Atmosphäre war spürbar."
Am nächsten Morgen quälte sich Dahlquist durch einen Eissturm zum Gericht. Da die Juroren festsaßen, begann er, seinen Traum aufzuschreiben. Zunächst als Bühnendialog, wie gewohnt. Dann ging er immer mehr zu Prosa über.
Killer mit Herz und rotem Mantel
Am Ende des Prozesses hatte er den Anfang eines Romans fertig: Ein viktorianisches Fräulein namens Celeste Temple verirrt sich bei einen Maskenball in einem Herrenhaus, in dessen Gewölben sich Entsetzliches abspielt. Miss Temple sieht Leichen und Sexorgien, entkommt einem Vergewaltigungsversuch und zwei Mordanschlägen und bringt zu guter Letzt zwei Angreifer mit eigener Hand um. Und das alles im ersten Kapitel.
Was das zu bedeuten hatte und wo es hinführen sollte, das wusste Dahlquist selbst noch nicht. "Ich hatte nicht die geringste Vorstellung von der Handlung. Es waren einfach nur wahnwitzige Vorfälle, die mir durch den Kopf geisterten, ohne Zusammenhang. Ich schrieb sie auf, um mich selbst zu unterhalten."
Doch Dahlquist hatte Feuer gefangen. Nachdem er und die anderen Geschworenen den Crack-Dealer schuldig gesprochen hatten, widmete er sich ganz der forschen Miss Temple. Zu der gesellten sich bald zwei weitere Helden: der mecklenburgische Hofarzt Doktor Abelard Svenson und "Kardinal Chang", ein Killer mit Herz und einem Faible für Rot.
Dahlquist schrieb, schrieb, schrieb. Selten zu Hause, sondern in der Subway und in Kaffeehäusern, am liebsten im Cupcake Café in Hell's Kitchen. Vier, fünf Stunden am Tag, immer den iPod dabei, mit Led Zeppelin, David Bowie und den Talking Heads.
Humor und Haarnadelkurven
Ein Jahr später hatte er ein 1300 Seiten fettes Kuddelmuddel in der Hand - Action-Thriller, Krimi, Historienroman, Science Fiction und Gothic Novel in einem, blutrünstig-erotisch durchwirkt. Darin kommen Miss Temple, Doktor Svenson und "der Kardinal" einer Verschwörung auf die Spur: Mittels blauer "Glasbücher", die Erinnerungen und Gefühle speichern können, strebt eine Geheimsekte (die "Traumfresser") die Weltherrschaft an.
Was das ungleiche Detektiv-Trio dabei erlebt, ist eine Tour de Force voll schrägem Humor und verwegenen Plot-Wendungen, die an H.G. Wells und Raymond Chandler (eines seiner Vorbilder) erinnert und leider in der schwergängigen deutschen Übersetzung etwas an Schwung verliert. Ausgangspunkt ist eine ungenannte Stadt im 19. Jahrhundert, ein Ort, den sich Dahlquist als romantisch verklärte Kreuzung aus London, Amsterdam und Paris vorstellt. (Wobei er sich zur Recherche nie vom Laptop entfernte.)
Dahlquist reichte das Manuskript herum. Bald hatte er einen Agenten. Dabei schrumpfte das Buch auf lesbarere 800 Seiten. Der Agent schlug eine Auktion vor. Es dauerte keine zwei Tage, bis Bantam zugriff, das Verlagshaus von Spannungsautoren wie Graham Greene ("Der dritte Mann"), Ray Bradbury ("Fahrenheit 451"), Frederick Forsyth ("Die Akte Odessa") und Robert Ludlum ("Das Bourne-Ultimatum").
Die abschließenden Vertragsverhandlungen beschreibt Dahlquist wie eine Komödie der Irrungen. "Ich konnte dem Ganzen kaum folgen", sagt er. Irgendwann knallten die Sektkorken, und er stolperte benommen auf die Sixth Avenue hinaus, auf dem Papier zwei Millionen Dollar reicher: "Ein irrsinniger Deal."
So dicht wie Dickens
Wer sagt also, dass Kunst brotlos sein muss? Jahrzehntelang hat er seine spleenigen Ideen am Off-Off-Broadway ausgelebt. Aufgewachsen als Sohn eines Soldaten, der nach Vietnam zog, als er selbst ein Baby war, war Dahlquist 1988 nach New York gekommen, um an der Columbia University Dramaturgie zu studieren.
Um sich über Wasser zu halten, jobbte er bei der Uni-Verwaltung und war einer der Ersten, die sich um die Vernetzung des Campus mit dem damals noch jungen Internet kümmerten. Der Dramatiker in spe wurde Tech-Experte.
Die Auswirkung von Technologie auf den Menschen fasziniert ihn seit jeher - und ist nun ein roter Faden in "Traumfresser": "Wie verändert uns Technologie? Wie verändert sie Kommunikation, Beziehungen, Gefühle?" Die "Glasbücher" sind nichts anderes als neue Technologie, die in falsche Hände gerät.
Gehirnwäsche für sinistre Zwecke: ein zeitloses Thema. Kombiniert mit einer Hetzjagd durch eine kafkaeske Welt, wo nichts ist, was es scheint, macht es "Traumfresser" zur Parabel auf unsere Zeiten, wo Folter politisch salonfähig ist und Geheimdienste Menschenversuche anstellen. In erster Linie aber sorgt es für tollen Lesespaß - sofern man den Marathon durchhält.
"Sherlock Holmes und 'Eyes Wide Shut'"
Denn dieser Klops von einem Buch eignet sich nicht für den Strand. So dicht wie Dickens, ist er Schweißarbeit für den Leser, der Dutzende Akteure auseinanderhalten muss, mit Namen wie Roger Bascombe, Madame Lacquer-Sforza und Comte d'Orcankz. Wer schnell liest, verpasst die Hälfte des Plots. Zum Glück gibt Blanvalet "Traumfresser" auf Deutsch parallel auch als zehn "Pfennigromane" im Schuber heraus, wie zu viktorianischen Zeiten beliebt.
In den USA wurde "Traumfresser" schnell mit Klassikern verglichen. "Publishers Weekly" nannte es eine "Mischung aus Jules Verne und Frankensteins Braut", die "Washington Post", sah "Anklänge an Sherlock Holmes und 'Eyes Wide Shut'", Stanley Kubricks letzten Film. Ein Hollywood-Studio hat jetzt die Rechte gekauft. Darüber darf Dahlquist aber noch nicht reden: "Die wollen das selbst bekanntgeben."
Den zweiten Band, die direkte Fortsetzung von "Traumfresser", hat er gerade erst an diesem Nachmittag fertiggestellt. "Hier", sagt er und klopft auf seine Laptop-Tasche. Der Folge-Roman soll im Frühjahr erst in Großbritannien erscheinen und im Herbst 2008 in den USA.
Ansonsten hat sich das Leben des frischgebackenen Multimillionärs wenig verändert. Er lebt weiter im selben Apartment an der Ninth Avenue. Er sitzt weiter im Cupcake Café. Er schreibt weiter Theaterstücke, im Moment eines über den Irak-Krieg. Und er fragt sich: "Wie findet man nach so etwas ins normale Leben zurück?"
Eine Frage, die sich Miss Temple schon im ersten Kapitel stellt.