Film-Tipp: Paradiesisches Pamphlet - DER SPIEGEL
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Film-Tipp Paradiesisches Pamphlet

Rock-Musicals haben in der Regel eine entscheidende Macke: Die Musik ist meist Murks. Deshalb ließ Regisseur Brian De Palma lieber gleich beim Könner maßschneidern und stellte das Genre mit seiner grandiosen Kitschpolemik "Phantom of the Paradise" wieder auf die Füße.
Von Andreas Banaski
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1969 hatte der Jungregisseur Brian De Palma eine Idee. Das Rock-Musical, bildungsbürgerlich auch gerne zur Rock-Oper hochgelobt, hatte gerade Konjunktur – wenn auch mit künstlerisch dubiosen Resultaten. Der Beat-Größe Pete Townshend fielen für das Who-Opus "Tommy" neben viel Füllwerk immerhin noch ein paar tolle Popnummern ein. Minderbemittelte Song-Schmieden lieferten dagegen nur Gedudel, so im Welterfolg "Hair" oder etwas später Andrew Lloyd Webber mit seinem "Jesus Christ Superstar".

Das kann ich auch und lustiger, dachte sich wohl Hitchcock- und Godard-Fan Brian De Palma: Warum nicht Trivialkultur (das Gruselgarn "Das Phantom der Oper") mit Hochkultur (die "Faust"-Tragödie) zu einem Pamphlet über die Verderbtheit des Musikkommerzes zusammenrocken? Da war De Palma, der sich danach einen Namen als Meister der filmischen Referenz machen sollte, in seinem Element und mixte gleich noch etwas "Bildnis des Dorian Gray", eine Prise "Frankenstein", "Psycho", derben Slapstick zwischen Stummfilm-Klamotte und Mel Brooks und dergleichen dazu.

Nur musikalisch musste De Palma sich aushelfen lassen. Kaliber vom Schlage Rolling Stones waren für ihn nicht zu sprechen. Jemand diente ihm dann 1972 den Songwriter Paul Williams an. Ein Glücksgriff. Williams, durch Millionenhits für die Carpenters zu Reichtum, Größenwahn und Drogenkonsum gelangt, gehörte nämlich eigentlich nicht in die Rock-Ära. Er schrieb einfühlsame Lieder, die vom Underground verschreckte Erwachsene ins Gemüt trafen, veröffentlichte 1970 mit seinem gefloppten Solo-Album "Someday Man" ein geniales Hauptwerk des heute von Musik-Nerds geschätzten Soft-Pops und komponierte nach "Phantom of the Paradise" auch noch Filmmusik unter anderem für "Bugsy Malone" und die Muppets.

Kurz: Der kleinwüchsige Paul Williams (Bonmot der Selbsterkenntnis: "I know I’m no Cole Porter, I’m noticeably shorter") beherrschte das Handwerk im Hollywood-Style. In "Phantom of the Paradise" rekapitulierte er die Mythen der Popgeschichte vom Schmalztollen-Rock’n’Roll, über Beach-Boys-Frohsinn und Elton-John-Wehmut bis zu Westcoast- und Glam-Rock und fabrizierte den Vorbildern ebenbürtige Mini-Epen.

Deshalb übertrug ihm De Palma auch gleich die Rolle des Popgottes Swan. Der mephistophelische Agent, Verführer und Sexzwerg Swan verhökerte seine Seele einst an Luzifer und presst nun zur Eröffnung seines Jugendkulturtempels "Paradise" einem bebrillten, weltfremden Komponisten das Herzblut ab: Achtung, Kapitalismus-Kritik!

Der gebeutelte Alt-68er De Palma grummelt auch heutzutage noch (in der Doku auf der Bonus-DVD): "Das System zerstört alles Gute. Heute entsteht etwas Gutes zufällig, denn nur der Umsatz ist wichtig." Damit wendet er sich hier an die richtige Adresse, denn, so das Schlusswort von Paul Williams in der DVD-Doku, die Fans von "Phantom of the Paradise" "zeichnet Intellekt aus. Sie sind etwas Besonderes".


Doppel-DVD: "Phantom of the Paradise" (Capelight Pictures)