Frankfurter Buchmesse Vorbeben der Angst
Am Nachmittag des 11. September kommt ein amerikanischer Autor auf dem Frankfurter Hauptbahnhof an - er tingelt gerade durch Deutschland, um seinen neuen Roman vorzustellen. Fern der Heimat muss er auf der riesigen Videowand in der Wandelhalle, live und umgeben von fremden Menschen, mit ansehen, wie die beiden Hochhaustürme von Manhattan in Flammen aufgehen und zusammenbrechen. Er habe es nicht für möglich gehalten, wird Alan Lightman, 53, später erklären, "welch tiefe Betroffenheit eine amerikanische Tragödie hier zu Lande auszulösen vermag".
Wenn an diesem Dienstag die 53. Frankfurter Buchmesse eröffnet wird, genau vier Wochen nach den Terroranschlägen auf New York und Washington, sind immer noch nicht alle Leichenteile aus den Trümmern geborgen, wirken die Schreckensbilder, die das Fernsehen übertrug, kaum vermindert nach - und Millionen von Menschen fragen sich nach den Folgen.
Kein geeigneter Zeitpunkt, um zur literarischen Tagesordnung überzugehen. Zwar ist zu hoffen, dass sich die Frankfurter Bücherschau (auch wenn 23 amerikanische Aussteller abgesagt haben) als einmaliger Treffpunkt von Literaten und Sachbuchautoren aus aller Welt gerade jetzt behauptet. Doch ihre Veranstalter und Teilnehmer müssen darauf reagieren, dass der 11. September die Welt verändert hat und manche Themen, manche Titel, die unter anderen Umständen als interessant, witzig oder hübsch gegolten hätten, nun unbeachtet bleiben werden - schon die neugriechische Literatur, dieses Jahr der thematische Schwerpunkt, dürfte es schwer haben, wenigstens so viel Interesse auf sich zu ziehen wie im vorigen Jahr das Literaturland Polen.
Schriftsteller sind immer auch Seismoskopen des Zeitgeistes, Beobachter mentaler Erschütterungen, Chronisten historischer Verwerfungen, manche von ihnen - wie einst Franz Kafka oder George Orwell - besitzen prophetische Gaben. Niemand wird von der Literatur auf die Schnelle Rezepte erwarten, wie den Menschen bei der Verarbeitung der ungeheuerlichen Attentate zu helfen wäre. Dennoch begegnen selbst Bücher, die lange vor dem 11. September geschrieben wurden, nun einer anderen Erwartungshaltung, und sie werden anders gelesen werden: mit vielleicht strengerem, vielleicht konzentrierterem Blick. Auch mancher Autor, dessen Roman in diesem Herbst erscheint, überlegt sich jetzt, wie - und ob überhaupt - sein Werk in der veränderten Weltstimmungslage noch aufgenommen wird.
"Kein literarisches Werk eines ernst zu nehmenden Schriftstellers", so resümierte der Deutschlandbesucher Lightman einige Tage nach den Anschlägen, werde in Zukunft "von den Ereignissen des 11. September unbeeinflusst bleiben". Sein neuer Roman "Die Diagnose" übrigens erzählt die Geschichte eines Mannes, der in der U-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit, vergisst, wer er ist - solche Psychogramme passen eher zur Lage als Ephraim Kishons Späße oder Hera Linds neuer Roman "Hochglanzweiber".
An dunklen Vorahnungen hatte es besonders bei Schriftstellern, die sich fernab vom oft genug oberflächlichen und an modischen Reizen orientierten Literaturbetrieb aufhalten, nicht gefehlt. Schon früh, 1993 in seinem SPIEGEL-Essay "Anschwellender Bocksgesang", hatte als einer der ersten in Deutschland Botho Strauß das mögliche Ausmaß der Konfrontation zwischen den Fundamentalisten der islamischen Welt und dem Westen vorausgesehen: "Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben."
Im "Banne des Vorgefühls" sah er vor fast neun Jahren Konflikte aufziehen, die sich nicht mehr ökonomisch würden befrieden lassen. "Wir fürchten es ... und haben doch kein sicheres Mittel zur Abwehr", schrieb er, wenn in unsere Welt "der laute Schrecken einschlägt" und das Gefüge "von einem Tag zum anderen ins Wanken gerät". Kein Traumbild, keine Simulation: "Die Wirklichkeit blutet wirklich jetzt."
Strauß will nun aber keineswegs als Prophet dastehen. Vom SPIEGEL dazu befragt, sagt er: "Das, was jetzt zum grässlichsten Eklat kam, hat sich als Konflikt seit langem in deutlicher Gestalt gezeigt, wovon ich, meist auf Grund gewisser Überempfindlichkeiten gegen unsere westlichen Sitten und Lebensstile, da und dort etwas festhielt." Empfindsam, eigenwillig und irritierend sind auch seine aktuellen Notizen zu jenem "Schlag, der durch alle Köpfe, Kassen und Kanäle ging", die Strauß dem SPIEGEL zur Verfügung stellte - eines der wichtigen literarischen Zeugnisse aus diesen Tagen. Ob die Lust auf "Metanoia", auf Umdenken und Umkehr in der westlichen Zivilisation überhaupt vorhanden sei, das etwa ist eine Frage, die sich nicht nur Strauß in diesen Tagen stellt.
Dabei war das Fanal im wörtlichsten Sinne unübersehbar. Die doppelte Flugzeugattacke auf New York, auf "die einzige wirkliche Weltstadt" (Thomas Mann), war nicht allein ein Terroranschlag, der besonders vielen Menschen - Tausenden aus zahlreichen Nationen - auf besonders grausame Weise das Leben nahm; es war zugleich der erste Massenmord in der Geschichte, der weltweit von Fernsehstationen übertragen wurde und vor den Augen einer ohnmächtigen Welt seinen grausigen Verlauf nahm.
Welche Möglichkeiten haben Schriftsteller, überhaupt darauf zu reagieren? Schreiben unter Schock: Das Ergebnis sind zunächst einmal schnelle und rasche Reaktionen, Tagebuchblätter oder Beiträge für Zeitungen und Magazine, ebenso ausgefeilte Kommentare und gedankliche Durchdringung - aber auch die Verweigerung, das vorübergehende Verstummen.
Mittlerweile haben viele Schriftsteller, voran jene, die sich zur Zeit des Geschehens gerade in New York (oder auch Washington) aufhielten, berichtet, wie und wann sie von der Katastrophe Kenntnis nahmen, "die den Fuß von Manhattan in einen Höllenschlund verwandelte" (so die Zeitschrift "The New Yorker"). Auffällig an den Berichten von US-Autoren wie Paul Auster, Louis Begley, Erica Jong, Stewart O'Nan oder John Updike: Sie alle mochten der eigenen Wahrnehmung nicht recht trauen, manche konnten sich zwischen dem unmittelbaren Blick auf das Geschehen und dem synchron laufenden TV-Bild nicht entscheiden. Auster, bekannt vor allem durch seine "New York-Trilogie", wohnt mit seiner Frau und Kollegin Siri Hustvedt in Brooklyn, direkt gegenüber der Skyline von Manhattan: "Gemeinsam liefen wir zwischen Dach und Fernseher hin und her. Wir wussten nicht, welchen Bildern wir glauben sollten."
Die weltweite Präsenz des Unglücks, dazu die visuelle Vehemenz jener nachgereichten Video-Einspielungen, die, Rückblenden von Torszenen bei Fußballspielen gleich, das Eindringen beider Jets in die Hochhäuser immer wieder in Zeitlupe vorführten - das alles erzwang eine grenzenlose Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung, die auch für die Literatur nicht ohne Folgen bleiben wird. Kaum hatte sich, gerade bei Autoren deutscher Sprache, das unbeschwerte, lustvolle Erzählen aus dem Liebes- und sonstigem Alltag unserer Zivilisation ein wenig durchgesetzt, da könnte es schon wieder in Frage stehen. Denn: Wen schreckt noch das Schwierige, wenn die Realität ans Unvorstellbare grenzt?
Als einer der Ersten hat - wenige Tage nach dem 11. September - der in Berlin lebende Lyriker und Essayist Durs Grünbein seine Tagebuchnotizen zu den Ereignissen publiziert: stellvertretend für viele, die hilflos vor dem Bildschirm saßen oder standen oder nervös auf und ab liefen. Seine Aufzeichnungen vom 11. bis 16. September (veröffentlicht in der "Frankfurter Allgemeinen") beginnen mit den Worten: "Am Nachmittag schalte ich ahnungslos gegen Viertel nach Drei das Fernsehgerät an und kann meinen Augen nicht trauen."
Ausführlich beschreibt Grünbein, 38, seine Gefühle, das Frösteln, das ihn überfällt, die Erschütterung, die seine ganze Person ergreift - ihn, der in der DDR aufgewachsen ist: "Mir selbst stand Amerika, das Kindlich-Erhabene, zeit meines Lebens wie dem armen Karl Roßmann aus Kafkas ,Amerika' als ein unverwüstliches Reich in der Ferne vor Augen." Man müsse sich vor Gleichnissen hüten, ermahnt sich der Dichter, "vor jeder Art von Erklärung und Einordnung ins historische Einerlei".
In einer - bisher unpublizierten - Notiz vom 18. September versucht Grünbein aber doch, mit Abstraktion auf das Gesehene und Geschehene zu reagieren, beispielhaft für seine Bereitschaft, sich um Urteile und Einschätzungen nicht zu drücken:
Das allgemeine Unbehagen in der Kultur schlägt um sich, indem es vom Rückfall in die Barbarei die Erlösung von einem diffusen Alpdruck erhofft. Mörderischer Aktionismus soll von der Zivilisationsangst befreien. Religiöser Fundamentalismus und ideologischer Totalitarismus stürzen die Gesellschaften in einen Strudel, aus dem es für den Einzelnen kein Entrinnen mehr gibt. Der Zweck allen Terrors, gleich welcher Herkunft und Zielsetzung, ist die Übertragung der Urangst von Körper zu Körper.
Ganz anders, nämlich weniger definitorisch, aber in ihrer Unmittelbarkeit durchaus anrührend, sind die Eindrücke, die Else Buschheuer, Schriftstellerin und Moderatorin der ARD-Sendung "Kulturweltspiegel", als Augenzeugin des New Yorker Weltuntergangs aufgeschrieben hat - Buschheuer, 35, fand sich, für drei Monate in Manhattan tätig, am 11. September plötzlich in der gesperrten Zone der Stadt wieder. Ihr schon vor den Anschlägen begonnenes Journal ist zum Dokument der hereinbrechenden Katastrophe geworden.
Leicht wird eine Autorin unterschätzt, die sich für den flüchtigen Blick in die muntere deutsche Popfraktion einzureihen scheint - doch schon Else Buschheuers Debütroman "Ruf! Mich! An!" (2000) wäre missverstanden, würde man vom lockeren Titel auf das Buch schließen. In ihren Aufzeichnungen aus der attackierten Stadt nun erweist sich die Verfasserin als eine bei aller emotionalen Aufgewühltheit aufmerksame Beobachterin und Chronistin. Das Tagebuch war, fast zeitgleich mit den Ereignissen, im Internet zu lesen - mittlerweile ist es vom Netz genommen.
Das alles ist zwar, anders als die bedachten Kommentare von Grünbein, nahezu unkontrolliert hingeschrieben, gewissermaßen direkt an die Leser weitergereicht - aber gerade deswegen, auch beim späteren Nachlesen, von hoher Eindringlichkeit. Was oft so leichtfertig literarischen Texten als Etikett angeheftet wird, hier hat es seine Form gefunden: das Spontane und Authentische.
Natürlich beeindruckt dabei nicht zuletzt der Wirbel der medialen Gleichzeitigkeit, den so sonst nur das Fernsehen erreicht. Zu den Texten wurden nämlich ganz aktuell entstandene Fotos gestellt: eine Straße mit den brennenden Türmen im Mittelpunkt, dann dieselbe Straße wenig später - ohne die Türme. Auch der Nachdruck einiger dieser Tagebuchnotizen, den sich die "Bild"-Zeitung erlaubte, gehört dazu, vor allem aber die unverzüglich eingebaute Reaktion der per E-Mail reagierenden Leserschaft: ein Chor sehr direkter, intellektuell noch ungefilterter Anteilnahme, die ganz einzigartig ist und als kaum wiederholbares Experiment wohl auch bleiben wird.