Frauenroman: Im geliehenen Leben - DER SPIEGEL
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Frauenroman Im geliehenen Leben

Wie es ist, sein Leben als Anhängsel eines glamourösen Mannes zu bestreiten, davon erzählt Katharina Döblers Roman "Die Stille nach dem Gesang".
Autorin Katharina Döbler: Im Text ist es immerzu kalt
Autorin Katharina Döbler: Im Text ist es immerzu kalt

Autorin Katharina Döbler: Im Text ist es immerzu kalt

Foto: Katharina Behling
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gibt es diese Frauen tatsächlich noch? Jene, die sich über ihre Männer definieren, über ihre Kinder, ihre Ehe, sogar über die Musik, die sie hören, eigentlich über alles, nur nicht über sich selbst? Ja, es gibt sie noch, leider, und eine von ihnen ist Alexandra, Freundin von Falk Margraf, einem berühmten Sänger und Komponisten aus einer noch berühmteren Bayreuther Familie, und Mutter seiner Tochter. Aus Alexandras Perspektive erzählt, zeichnet "Die Stille nach dem Gesang" von Katharina Döbler das Bild einer nichtemanzipierten Frau von heute.

Am Anfang des Romans stirbt Falk Margraf nach einem Spaziergang durch die Straßen von Berlin. Sieben Jahre später leidet Alexandra noch immer, sie wird von spontanen Weinkrämpfen gequält, arbeitet nichts, verzweifelt zu der Musik von Velvet Underground, sieht in ihrer Tochter Wanda nur deren toten Vater. Doch besteht ihr Trauma nicht darin, dass ihr viele Jahre älterer Freund plötzlich an Herzversagen gestorben ist, sondern darin, sich überhaupt in ihn verliebt zu haben.

Die Schwester missbraucht ihre Liebhaberinnen als Sekretärinnen

Thomas Mann

Auch die illustre Bayreuther Familie Falks war damals nicht gerade erfreut gewesen über die Liaison. Eine "Cosima Wagner" hatten sie sich für ihn gewünscht, eine Muse. Stattdessen diese ruhige Mittelmäßige mit dem griechischen Vornamen. Dabei ist, trotz beeindruckender Familiengeschichte und viel altem Geld, nicht alles so schön dekorativ wie der Familienname. Falk und seine kongeniale Schwester Isolde scheinen ein fast inzestuöses Verhältnis zu haben, bis der Leser erfährt, dass Isolde lesbisch ist und ihre Liebhaberinnen als Sekretärinnen missbraucht. Dann ist da auch noch der verlorene Bruder Hans, genannt Hanno - gab es da bei nicht einen Johann, genannt Hanno?

Viele Anspielungen in Döblers Roman verweisen ins wagner-mannsche Verfallsuniversum, in dem die Kunst die Tüchtigkeit besiegt hat. Leitmotivisch kehren Formulierungen wieder, die pharaonenartige Frisur Isoldes, die schöne Stimme Falks. Dass die Protagonisten in Berlin auch noch in eine Nibelungenbar gehen - geschenkt.

Und doch ist Falk, der Künstler, in der Beziehung mit Alexandra der Tüchtige. Sein Abglanz ist ihr Leben. Als sie sich nach einer kurzen Trennung in Berlin wiedersehen, es ist 1993, stirbt Falk plötzlich. Es ist die beste Stelle des Romans: "Sie schrie ihn an, und er hörte nicht zu und sah sie nicht und sagte nichts. Da drehte sie ihn auf den Rücken, er war schwer. Still und schwer. Sie wusste genau, was geschehen sein musste. Aber sie hätte nie gedacht, dass es so sein würde. Es war anders als alles, was man sich vorstellte. Es war ein Irrtum. Etwas, das es nicht gibt."

Jahre später ist Alexandra in, man möchte fast sagen: Nibelungentreue an den Toten gefesselt. Katharina Döbler zeichnet sensibel das Bild einer Frau, deren Lebensrolle es ist, Beiwerk zu sein. Junge singende Berliner Studentin verliebt sich kurz vor der Wende in älteren erfolgreichen Sänger-Komponisten - das hätte ein Märchen im Stil der Romane aus der Kategorie "Freche Frauen" werden können. Ist es aber nicht, denn Alexandra verkommt zu Falks überflüssigem Anhängsel, zu seinem Blinddarm sozusagen.

Die große Frage, die Alexandra sich stellt, ist die große Frage all jener, die ein halb geliehenes Leben führen: Was soll jetzt das Leben sein ohne ihn? Alexandra weiß es nicht, der Leser weiß es nicht, es ist kalt, im Text ist es immerzu kalt, ob in Berlin oder in Alexandras Kopf.

Ein Winterroman, ein trauriger.