Gratulation von Gabi Zimmer
Sehr geehrter, lieber Günter Grass,
in meiner Gratulation zu Ihrem 75. Geburtstag verbinden sich Glückwünsche von demokratischen Sozialistinnen und Sozialisten, Mitgliedern der PDS, mit persönlichen Grüßen einer dankbaren Leserin.
Ihr Oskar Matzerath ob in der "Blechtrommel Nazi-Verstrickungen bloßlegend, indem er sie "zurücktrommelt, und glaszersingend "Wirtschaftswunder-Mentalität in Frage stellt oder in der "Rättin mit visionären Videos vor dem Untergang der Menschheit warnt ist mir und vielen an meiner Seite zu einem hellhörigen Wegbegleiter geworden, der vertrackte Verhältnisse satirisch, grotesk auf schelmische Weise durchschaubarer werden lässt. Dass ich mich von Ihrem "Butt besonders stark angesprochen fühle, hängt mit den Aufgaben zusammen, um die ich mich während der letzten anderthalb Jahrzehnte in der Politik mehr als um anderes gekümmert habe: die Überwindung von Männerdominanz hierzulande und in der Welt. In solchen Kämpfen helfen bei aller ironischen Brechung die neun Monatskapitel und Abschnitte wie der über das "Feminal in Ihrem "Butt sehr. Sie fördern ein Nachdenken über die Frage, ob es nicht vorwiegend unterdrückte Frauen waren und sind, die Fortschritte im Menschlichen bewirken. Hohe Achtung empfinde ich, empfinden wir ebenfalls vor Ihrem außerliterarisch praktizierten politischen Engagement. Ihre Unterstützung für Willy Brandt in den Wahlkämpfen der Jahre 1965, 1969 und 1972 lag in der Zeit meiner Kindheit und Jugend und hat in meinem Gedächtnis eher durch zeitgeschichtliche Lektüre Platz gefunden. Äußerst genau erinnere ich mich selber hingegen an Ihre entschiedenen Äußerungen 1989/90 und später. Als eine nun an den politischen Auseinandersetzungen unmittelbar Beteiligte habe ich Ihre Worte als solidarische Tat für die Ostdeutschen empfunden. Ist doch des Schriftstellers Tat vor allem sein Wort. So viel festgestellte Wirklichkeit und vorausgesehene Wahrheit gab es selten in Deutschlands Prosa politischer Publizistik und offiziellen Verlautbarungen in den letzten zwölf Jahren wie in Ihren Texten "Kurze Rede eines vaterlandslosen Gesellen, "Der Zug ist abgefahren aber wohin?, "Einige Ausblicke vom Platz der Angeschmierten, "Bericht aus Altdöbern, "Ein Schnäppchen namens DDR. Schon bevor Sie es im Roman ins Visier genommen haben: ein weites Feld.
Ihre Kritik am Verfassungsbruch durch Missachtung von Artikel 146, Verweigerung einer neuen Verfassung, Ihre Voraussage, "dass der überwiegende Teil aller in die DDR abgeführten D-Mark-Beträge in kürzester Zeit im Westen sein und hier, ausschließlich hier, die Konsumumsätze in die Höhe treiben werde, Ihre Warnsätze "Die erwartete Arbeitslosigkeit steigert sich ins Gemeingefährliche und "Die Einheit nach seinem (Kanzler Kohls) Maß spaltet, Ihre Auflistung der Firmen Klöckner, Buderus, AEG und Siemens, Preussag und MBB, Thyssen, Mannesmann, Carl Zeiss und Degussa, durch deren Zulieferungen der Irak in die Lage versetzt worden war, Giftgas zu produzieren und ans Ziel zu bringen, wodurch diese Firmen sowie die damalige Bundesregierung, die das untätig duldete, sich mitverantwortlich gemacht hatten an den Giftgasmorden an Tausenden von Kurden, und viele weitere Aussagen haben sich als historisch treffsicher erwiesen. Zugleich empfindet man beim Wiederlesen eine kaum zu überbietende Aktualität.
Ich bin gespannt auf neue Texte aus Ihrer Feder, wünsche Ihnen beste Gesundheit und verbleibe mit herzlichen Grüßen
Ihre Gabi Zimmer
Gabi Zimmer ist Politikerin und lebt in Berlin