Gratulation von Heinz Rudolf Kunze
Sehr geehrter Herr Grass,
vor vielen Jahren sah ich Sie in einem Fernseh-Zwiegespräch etwas sagen, was ich mir gemerkt habe. Der Interviewer fragte Sie: Welchen Menschen mögen Sie am meisten? Ein langer Moment verging, dann schmunzelten Sie: Mich. Das hat mir imponiert. Anfang der 70er Jahre begann ich mich für Literatur zu interessieren. Ihre Danziger Trilogie gehört zu meinen ersten bleibenden Leseerfahrungen; so etwas verbindet mit einem Autor, ein Leben lang. Besonders sympathisch machte Ihre Kunst natürlich die Tatsache, dass meine Eltern und ihresgleichen sie schockiert ablehnten, wenngleich sie eine gewisse Bewunderung nicht ganz verhehlen konnten. Insofern standen Sie für mich als selbstverständlicher Verbündeter auf der Seite von Jimi Hendrix, von Bob Dylan, von den Stones und das, ohne jemals "Turnschuhprosa geschrieben zu haben, wie Sie einmal in einer anderen TV-Sendung sarkastisch weit von sich wiesen. Ich wünsche einem großen Künstler alles Gute zum Fünfundsiebzigsten. Dass Sie immer offen gezeigt haben, wie gut Ihnen Lob tut und wie weh Ablehnung das, und nicht nur das, verbindet Sie mit, ja, sagen wir es ruhig: Thomas Mann.
Viel Kraft weiterhin und bis zum nächsten Buch,
Ihr
Heinz Rudolf Kunze
Heinz Rudolf Kunze ist Musiker und lebt in Wedemark