Gratulation von Herrmann Kant
Lieber Günter Grass,
auch wenn mir, dem gewesenen Elektroinstallateur, einleuchtet, daß dies Teil einer Lichtinstallation werden soll, die Göttingen überwölbt, - womöglich hat Oskars laternenschreddernder Laser-Schrei zur hochgreifenden Idee beigetragen -, bitte ich Dich doch, vor allem das sacht Persönliche aus meiner Post herauszuhören.
Tatsächlich kennen wir uns länger als zwei halbe Leben lang und haben es geschafft, vornehmlich anstrengend miteinander umzugehen. Was mich betrifft, kann ich Besserung nicht versprechen; was Dich betrifft, verspreche ich sie mir besser nicht. Zwar sind wir 75 und drüber, doch jenseits von Gut und Böse, das kriegen wir nicht hin. Was böse sei und was gut, haben wir oft zu wissen gemeint, und selten stimmten wir überein. Eine Meinung allerdings hatten wir stets. Wir enthielten sie einander so wenig vor, dass es zum herzlichen Streit üppig gelangt hat.
Manchmal sind wir uns einig gewesen. Ich sage das ungern, weil es nach gemeinsamer Sache mit mir klingen könnte. Gemach, Mitbürger, so war es nicht gemeint. Nur in einigen Hauptsachen haben wir uns beinahe verstanden. Zum Beispiel, als es um den Luchterhand Verlag ging. Oder als es gegen die Rechtschreibreform ging. Oder als es gegen das Wettrüsten ging. Oder sogar, wenn wir dieses oder jenes Buch gelesen hatten.
Natürlich wohnte und wohnt auch in unserer Einheit der Gegensatz. Wo wir doch anderen Farben und anderen Freunden anhängen. Wo wir so unterschiedlich wie Sozialdemokrat und Kommunist von Demokratie und Sozialismus denken. Wo wir, nur beispielsweise, wenn wir von versenkten Schiffen reden, gänzlich verschiedene Schiffe meinen.
Lieber Günter Grass, wir hatten 75 Jahre Zeit, es miteinander zu versuchen. Da nun schon die Einheit zwischen uns nicht recht gedeihen will, sollte uns wenigstens der Gegensatz noch eine Weile zusammenhalten.
Zum 18. Oktober 2002 von
Hermann Kant
Hermann Kant ist Schriftsteller und lebt in Prälank (Mecklenburg-Vorpommern.