Gratulation von Klaus Wagenbach
Lieber Günter,
da wir uns seit 1959 kennen (und wie erst seit 1965, als wir gemeinsam den Verlag bekannt machten und der SPD mit Reden und Gesängen aufzuhelfen versuchten), weiß ich, dass Du diesen Gruß nie liest; wir sind ja bekennende Liebhaber der Schreibmaschine und des Gedruckten.
Für diejenigen aber, die dies hier lesen, füge ich eines meiner liebsten Gedichte von Dir an, es steht in der von mir herausgegebenen Auswahl Deiner Gedichte ("Wörter auf Abruf") und ich werde es auch zu Deinem Geburtstag in der Berliner Akademie der Künste vorlesen.
Herzlich
Dein Klaus
"DIE SCHÖNEN WÖRTER.
Nie mehr soll Labsal gesagt werden.
Keine Zunge rührt sich, mit Schwermut zu sprechen.
Nie wieder Stimmen, die uns Glückseligkeit künden.
Soviel Kümmernis sprachlos.
Abschied von Wörtern, die vom Mann im Land Uz sagen,
er sei nacket von seiner Mutter Leibe kommen.
Könnten wir fernerhin Biermolke
oder Mehlschütte, Honigseim, Krug sagen.
So barmen wir der Amme nach.
Wer weiß, dass der Specht einst Bienenwolf hieß?
Wer hieße gerne Nepomuk, Balthasar, Hinz oder Kunz?
Abschied nehmen Wörter, die um die Morgengabe,
ums Vesperbrot, Abendmahl baten.
Wer wird uns Lebewohl nachrufen,
wer flüstern, das Bett ist gemacht?
Nichts wird uns beiliegen, beschatten, beiwohnen
und uns erkennen, wie der Engel der Jungfrau
verheißen hat.
Zum Abschied mit Taubheit geschlagen,
gehen die Wörter uns aus.
Klaus Wagenbach ist Verleger und lebt in Berlin