Gratulation von Manfred Stolpe
Lieber Günter Grass,
zu Ihrem Geburtstag möchte ich Ihnen herzlichst gratulieren.
Als gebürtiger Stettiner, dem die matt anschlagende Ostsee ebenso wenig fremd ist, habe ich mich stets über die Unterstützung des Danzigers gefreut. Besonders in den frühen Zeiten der Einheit, in der vieles so schnell ging, und manches so falsch angepackt wurde, hätte ich uns den politisch Handelnden gewünscht, Ihren teils kühnen Vorschlägen in dem einen oder anderen Bereich zu folgen. Oder zumindest in einen engeren Dialog einzutreten, der sicher nicht bequem gewesen wäre. Er hätte gezwungen, einander zuzuhören. Eine Eigenschaft, die in der politischen Kultur der "Jetzt-Zeit selten geworden ist, in der scheinbar grenzenloser Spaß und nie endende Talk-Shows den Dialog bestimmen.
Sie waren es, der uns Deutschen den Spiegel vorgehalten hat, als die menschenverachtenden Taten von Hoyerswerda und Mölln uns in der neuen Einheit unvorbereitet trafen. Wir im Osten versuchten, die Vorgänge damit zu erklären, dass wir in der ehemaligen DDR, den Umgang mit Fremden nicht gelernt hatten. Diese Erklärung war falsch, weil es die Schwere der Taten relativierte. Auf diesem Gebiet haben wir gelernt. Die Täter werden heute sozial geächtet. Aufmerksam im Innern müssen wir allemal bleiben im Osten und Westen unseres geeinten Landes.
Es tut gut zu wissen, dass wir Sie, den Nobelpreisträger, auf den wir alle auch ein bisschen stolz sind, an unserer Seite zu wissen. Einen, der jede auch noch so kleine Nachlässigkeit politischen Alltagsgeschäfts nicht durchgehen lassen wird.
Ich wünsche Ihnen Gutes.
Ihr Manfred Stolpe
Manfred Stolpe ist Politiker und lebt in Potsdam