Gratulation von: Michael Naumann - DER SPIEGEL
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Gratulation von Michael Naumann

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Günter Grass’ "Blechtrommel“ hat meine Augen, meinen Kopf und auch mein Herz für moderne Literatur geöffnet. Viel später, 1969, spielte "Die Blechtrommel“ noch eine andere Rolle in meinem Leben. Ein Nachfahre der im Jahre 1939 in der polnischen Post von Danzig erst belagerten, dann per Gerichtsurteil ermordeten Polen, ein amerikanischer Anwalt namens Fuzz aus Los Angeles, hatte deutsche Zeitungsredaktionen einen hektographierten Brief geschrieben, in dem er darauf aufmerksam machte, dass Staatsanwälte und Richter, die an dem deutschen Unrechtsurteil gegen die polnischen Postler beteiligt waren, in Deutschland weiterhin tätig seien – einer von ihnen als Landgerichtsrichter in Frankfurt, der andere in noch höherer Position in Bremen. Ich machte mich auf ihre Spur.

Ich war damals Volontär des Münchener Merkur , dann Redakteur der Zeitschrift "M“ im Burda Verlag. Dort erschien im Dezember 1969 das Ergebnis meiner Recherche – eine Art Dokumentation der ersten Kapitel der "Blechtrommel“. Der Angriff auf die Post am Helvetius Platz wurde im Auftrag von Goebbels inszeniert, der dringend Aufnahmen für seine Wochenschau brauchte, die den symbolischen Ort Danzig ins Kriegsgeschehen einfügen sollten. Das Bundesfilmarchiv in Koblenz verfügte über diese Aufnahmen, die belegten, dass die deutschen Angreifer Nicht-Kombattanten im Sinne der Haager Landkriegsordnung waren. Die Verteidiger hingegen, die sich recht und schlecht gegen illegale SA Truppen der Freien Stadt Danzig und zuletzt gegen die Feuerwehr, die Benzin in das Gebäude pumpte, wehrten – ohne einen einzigen Deutschen zu treffen – konnten sich völlig zurecht darauf berufen a) in Notwehr gehandelt zu haben und b) Opfer eines uniformierten Mobs zu sein. Die Angriffe fanden vor dem offiziellen Beginn des Überfalls auf Polen, des sogenannten "Kriegsausbruchs“ statt. Ein Danziger Gericht verurteilte die Überlebenden der Post dennoch willkürlich zum Tode; ihre Leichen wurden bei Ausgrabungsarbeiten am Rande der Stadt fast 40 Jahre später gefunden. Den verantwortliche Staatsanwalt Bode fand ich in Mölln. Er war 1969 bereits in Pension und froh, sich mir gegenüber "alles vom Herzen geredet zu haben“, fand aber nicht, dass die Polen zu Unrecht zum Tode verurteilt worden seien.

Er selbst, betonte er, habe seinerzeit in Bremen das staatsanwaltlich geforderte Verbot der "Blechtrommel“abgelehnt: Ohne das Buch allerdings gelesen zu haben, wie er sagte. Viele Jahre später beauftragte ich als Verlagsleiter der Rowohlt-Verlage den pensionierten Kriminaldirektor des Bundeskriminalamts, Dieter Schenk, mit den Mitteln seines Berufs der Mord-Affäre nachzugehen. Seine als Buch veröffentlichten Archivrecherchen in Deutschland und Polen förderten Erstaunliches zutage: Das Netzwerk der Nachkriegsgerichtsbarkeit in Deutschland, geknüpft von tief in das Unrechtsregime der Nazis verstrickten Anwälten und Richtern, hatte eine Anklage der Danziger Richter und des Staatsanwaltes, die an dem Justizmord beteiligt waren, systematisch verhindert. Der Generalstaatsanwalt Schleswig-Holsteins, Nehm, Vater des derzeitigen Präsidenten des Bundeskriminalsamtes, entdeckte zum Beispiel in den vorgelegten Filmaufnahmen, die ja bewiesen, dass die Angreifer der Danziger Post in Wirklichkeit ein Haufen freizeituniformierten Nazipöbels waren, "keine neuen Beweise“, die ein Verfahren gegen Bode und andere legitimiert hätten.

Auf der Grundlage des Buches von Dieter Schenk, anwaltlich unterstützt vom Justitiar des Rowohlt Verlags, Hans-Jürgen Groth, gelang es den Nachfahren der Opfer der polnischen Post zu Danzig nach mehrjährigen Verfahren Wiedergutmachungszahlungen der Bundesregierung zu erlangen. Das Danziger Urteil wurde aufgehoben. Der amerikanische Anwalt Fuzz, dessen Brief dies alles in Gang gesetzt hatte, war inzwischen gestorben.

Günter Grass "Blechtrommel“, soviel steht fest, hat an dieser allzu verspäteten Wiederherstellung von Gerechtigkeit einen größeren Anteil als man gemeinhin literarischen Werken zuzustehen geneigt ist. Mein Leben jedenfalls hat es außerordentlich beeinflusst – und dafür bin ich ihm dankbar.

Herzlichen Glückwunsch, Günter Grass.

Michael Naumann ist Herausgeber/Chefredakteur und lebt in Hamburg