Günter Grass: Hätte er doch geschwiegen - DER SPIEGEL
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Günter Grass Hätte er doch geschwiegen

Grass' Geständnis kommt zu spät, lautet der Konsensvorwurf, der durch die Medien schallt. Doch wird man dem Dichter gerecht? Was wäre, wenn Grass, die wichtigste literarische Figur Deutschlands, geschwiegen hätte - seinem Land und der Literatur zuliebe?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Warum hat er nicht früher geredet, über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS? Warum hat er sich aufgeschwungen zur moralischen Gallionsfigur, zum Praeceptor Germaniae, anstatt öfter mal den Mund zu halten in politischen und ethischen Dingen? Wer so fragt, verkennt zweierlei: Grass hat es ja zugegeben, sofort, als er in Kriegsgefangenschaft geriet. Und später immer mal wieder, wie der Autor Robert Schindel, ein Zeitzeuge und Weggefährte des Dichters, bestätigt.

Er hat es nur nicht öffentlich getan und soll jetzt deshalb ausgespielt haben, ein "gefallenes Monument" (Henryk M. Broder), einer, von dem man noch nicht mal mehr "einen Gebrauchtwagen" kaufen kann (Joachim Fest). Tatsächlich kommt die Enthüllung spät, aber nicht zu spät. Das Gegenteil ist der Fall: Sie kommt, wenn überhaupt, zu früh. Grass hätte schweigen und die Enthüllung dem Schicksal überlassen sollen. Unwahrscheinlich, dass seine Waffen-SS-Zeit jemals zur Sprache gekommen wäre. Und wie gut wäre das gewesen.

Denn wem nützt diese Offenbarung jetzt? Den Zynikern, die unken, das Interview in der "FAZ" sei ein Marketing-Kniff gewesen. Und den Ewiggestrigen, die sagen werden, so schlimm kann die SS nicht gewesen sein, wenn selbst Günter Grass Mitglied war. Aber die vielen Leser und Leserinnen, die sich zu Recht an Grass als einen der Großen der engagierten Literatur gehalten haben, die Jugendlichen, die die "Blechtrommel" und "Katz und Maus" erst noch entdecken wollen, was haben sie von diesem Geständnis? Verunsicherung und Vorurteile.

Beichtvater der Nation

Die Konfession ist eine auf Kosten des Publikums, des Landes, der Literatur. Sie ist, überspitzt formuliert, wie die Beichte des Mannes, der nach einer Jahrzehnte währenden glücklichen Ehe seiner Frau einen Seitensprung gesteht. Was Ehrlichkeit sein soll, ist verletzend. Was als Wiedergutmachung gedacht ist, hat doch nur die Wirkung einer egoistischen Form der Entlastung. "Das musste raus, endlich", hat Grass im "FAZ"-Interview gesagt - es klingt, als wollte einer die Bürde seiner Vergangenheit nicht mehr tragen.

Wie verständlich, wie menschlich. Und wie schade, dass das Gespräch mit Freunden nicht genug sein konnte. Mutig und ehrlich war er doch, hat sich anderen anvertraut. Hätte er sich früher in einem Akt der öffentlichen Selbstzerknirschung opfern sollen? Wer hätte etwas von einem politisch abservierten Grass gehabt, in den Sechzigern, in den Siebzigern? Haben nicht alle immer wieder den politischen Intellektuellen eingefordert, der sich bitte schön einmischen soll? Und als man ihn dann endlich hatte, den sicher auch manchmal selbstgerechten und großspurigen, aber vor allem mutigen und streitbaren, geschichtsversessenen, nicht -vergessenen Autor, war es auch wieder nicht recht. Man stelle sich vor, er hätte diesen Part nicht übernommen: Das Bild der deutschen Literatur wäre um eine ihrer bedeutendsten Figuren ärmer - die Figur des Querulanten, der Stil hat; des literarischen Stilisten, der querdenkt.

"Es war mein eigener Zwang, der mich dazu gebracht hat" - auch so ein Satz aus dem "FAZ"-Interview, der deutlich macht: Besonnenheit und Umsicht waren nicht unbedingt im Spiel, als Grass sein Geständnis ablegte. Die Wiedergutmachung, wenn man dieses Wort hier gebrauchen kann, leistete er doch: mit seinem wunderbaren Werk. Wie er zu recht sagte: "Ich glaubte, mit dem, was ich schreibend tat, genug getan zu haben." Genau: Grass hat nicht gegeizt mit seinem Talent, es in den Dienst der Beschreibung und Bedichtung der deutschen Geschichte und ihrer Schicksale gestellt. Welche Schuld müsste so einer mit einer Beichte noch begleichen?

Der famose Rigorose

Und dass er ein Rigoroser ist, nicht für die Finessen der Ambivalenz zuständig, sondern oft fürs grobe Rechthaben und Klarstellen, das ist doch auch eine Rolle, die besetzt sein muss im Ensemble der Kunstträger eines Landes. Die Raffinierten, Ambigen, Milden oder Ausgleichenden können andere geben - dieser Anspruch an Grass ist selber schon wieder anmaßend und überzogen und letztlich auch unmenschlich. Vor dieser Erwartungsrigidität seiner Kritiker hat er vielleicht zur Recht Angst gehabt und geschwiegen.

Aber wie gesagt nicht lange genug: Schuldig war er diese Erklärung niemand, verantwortlich ist er jetzt aber für eine Enthüllung, mit deren Konsequenzen sich andere herumschlagen müssen. Werden englische Boulevard-Blätter demnächst vom Hitler-Poeten Grass höhnen? Wird David Letterman ein Scherzchen machen vom Comeback der SS-Literatur? Man muss kein Nationaler sein, um diese Vorstellung peinlich und bedrückend zu finden.

Ebenso bedrückend: Die Aussichten auf eine Revision seines Werks. "Behutsam" werde sie hoffentlich sein, schreibt "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher, aber dieser Wunsch ist naiv. Die Versuchung, Grass' Werk als Belegstellenfundus für verdrängte Schuld und moralische Schwäche zu nehmen, wird übermächtig sein, zumal die differenzierte Literaturbetrachtung - jenseits der Fixierung auf den Autor als oberste Instanz der Werke - mehr und mehr ausgespielt hat. Wird man seine Texte noch als Texte, als kunstvolle Gebilde sprachlicher Zeichen wahrnehmen, die die deutsche Literatur bereichert haben? Oder nur mehr als Übungsplatz für jene Auslegungsverfahren, die Psychologie und Empirie zu einem gut vermarktbaren Meinungsmix verquirlen?

Viele Fragen, um die wir nun nicht mehr herumkommen.