Günter Grass in Lübeck "Ich fühle mich hier gut aufgehoben"
Der Weinladen, der sich noch bis vor kurzem in der Lübecker Glockengießerstraße 21 befunden hat, ist längst ins Nebenhaus gezogen. Wein hat dem literarischen, grafischen und plastischen Werk des Nobelpreisträgers Günter Grass Platz gemacht. Dem Künstler wird in dem schmalen, von außen unscheinbaren Haus eine besondere Ehrung zuteil: Grass erhält wohl als erster deutscher Schriftsteller schon zu Lebzeiten ein Literaturhaus als Ausstellungs- und Forschungsstätte. Der Schriftsteller, der selbst an der Gestaltung des Hauses mitgearbeitet hat, nimmt den Trubel um seine Person gelassen Pfeife rauchend hin. Auf die Frage, worauf er stolz sei, antwortet er: "Darauf, dass ich an meinem 75. Geburtstag noch einen Handstand geschafft habe."
In Deutschland gibt es Hunderte von Gedenkstätten für Dichter und Schriftsteller. Hat Grass, der politisch aktiv ist und sich gerne einmischt, - "das Maul aufmacht", wie er es ausdrückt - nicht Angst, museal zu werden oder gar zum Anschauungsobjekt degradiert zu werden? "Ich fühle mich hier gut aufgehoben", sagt der Autor. "Es ist mein Wunsch, dass sich das Haus nicht als Museum versteht, sondern auch der Vielzahl anderer Künstler mit Doppelbegabung eine Chance gibt, sich darzustellen."
Präsent wird er selbst allerdings eher nicht für die Besucher sein, allenfalls will er Lübecker Schulklassen durch die Ausstellung führen: "Der Schulunterricht ist ja oft völlig abstrakt. Ich kann den Kindern zeigen, wie etwas entsteht, welche Materialien für Wort und Bild benutzt werden und welche Variationen es gibt." Die Beobachtung des Schaffungsprozesses in all seinen Facetten ist es, was das Museum für den Besucher lebendig und spannend macht. Selten hat man Literatur so anregend präsentiert gesehen, auch ein Verdienst des Ausstellungskonzeptes des Lübecker Architekten Thomas Schröder-Berkentien und der Innenarchitekten des Hamburger "Studio Heller".
"Als Autor bin ich Autodidakt"
Betritt man die Diele im Grass-Haus, wird der Blick in den Skulpturengarten im Hof gelenkt. Dort ist eine große Plastik der berühmten Hand mit dem Butt - "Der Butt im Griff" - aufgestellt. Die eigentlichen Ausstellungsräume schließen sich im Hinterhaus an. Auf der Pressekonferenz machte Grass, der seine Geburtstagsfeierlichkeiten kurz unterbrochen hat, deutlich: "Wort und Bild haben meine Arbeit von Anfang an bestimmt. Ich bin gelernter Bildhauer und Grafiker, als Autor bin ich Autodidakt." Seine grafische und bildhauerische Kunst sei allerdings "immer im Windschatten des Literaturerfolges gesegelt".
Den Anfang des musealen Programms macht die Wechselausstellung "Paarungen", die bis zum Herbst 2003 zu sehen sein wird. Sie gibt einen Überblick der wichtigsten Motive und Inhalte seines gestalterischen und literarischen Schaffens. In der ständigen Ausstellung werden auch die jüngsten Arbeiten zu "Im Krebsgang" gezeigt, außerdem die Schreib- und Arbeitstechniken von Grass dokumentiert, der von manchen Manuskripten bis zu sieben Fassungen anfertigt.
Der Autor selbst ist ein Meister der Dokumentation - jedes gezeigte Papier ist beschriftet und datiert, jeden Arbeitsprozess kann man genau nachvollziehen. Die Prosa von Grass hat immer in einem Gedicht oder einer Grafik ihren Ursprung. Zu sehen - zusätzlich zum Lübecker Haus - ist sein Lebenswerk bis zum 20. November in der Ausstellung "Fundsachen für Leser" in der Akademie der Künste in Berlin. Dort befindet sich seit 1991 der so genannte "Vorlass" seines Werkes. Dennoch soll zwischen dem Günter-Grass-Haus in Lübeck und der Akademie keine Konkurrenz entstehen, wie Grass betont. Die Sammlung des Lübecker Hauses besitze eine andere Auswahl aus dem Werk des Künstlers, darunter den gesamten druckgrafischen Bestand. Grass' umfangreiches Werk scheint sogar noch für weitere Ausstellungen zu reichen: In Danzig ist ein weiteres Günter-Grass-Haus geplant.
Doch wie konnte sich Lübeck dieses in Deutschland bisher einmalige "Literaturmuseum" sichern? Schon Thomas Mann hatte 1926 in einer Rede zur 700-Jahr-Feier der Stadt von "Lübeck als geistige Lebensform" gesprochen. Damit meinte er Lübeck auch als geistige Heimat. Drei Gründe nennt Günter Grass für seine Bindung an die Stadt, in deren Nähe er schon seit Jahren seinen Wohnort hat: "Thomas Mann, Danzig und Willy Brandt." Die Hansestadt ist für Grass zu einer Art Ersatzheimat für die verlorene Heimatstadt Danzig geworden. Und die Nachbarschaft zu den Brüdern Heinrich und Thomas Mann im Buddenbrookhaus sieht er als Bestätigung. Dankbar ist er auch, dass ihm - anders als den beiden Emigranten - "ein Leben außerhalb des deutschen Sprachraums erspart geblieben ist".
Lübeck hat sich mit diesem neuen Literaturhaus eine weitere Attraktion geschaffen. Das Buddenbrookhaus mit der Ausstellung zu Heinrich und Thomas Mann gehört mit jährlich 57.000 Besuchern im Jahr - darunter vielen aus dem Ausland - zu den erfolgreichsten Literaturmuseen in Deutschland. Die zwei Millionen Euro für den Erwerb und Umbau des Grass-Hauses und den Kauf eines Teils seines bildgrafischen Werkes wurden weitgehend aus Bundesmitteln, EU-Mitteln und durch die Possehl-Stiftung finanziert. Denn die Hansestadt hat wenig Geld. Das renommierte Völkerkundemuseum im Zeughaus muss nach einem Beschluss der Bürgerschaft zum Ende des Jahres geschlossen werden, wenn keine neuen finanziellen Mittel aufgebracht werden können. Trotzdem plant die Stadt - unterstützt von Grass - nun auch noch ein Museum für den früheren Bundeskanzler Willy Brandt.
Das Weinhaus nebenan lädt übrigens zu einem kulinarischen Abschluss des Besuches im Grass-Haus ein. Das wird dem Hedonisten Grass sicher gut gefallen, der Literatur auch immer sinnlich spürbar machen will. Wie, das lässt sich jetzt in seinem neuen Haus ausgiebig erfahren.
Günter-Grass-Haus in Lübeck, Glockengießerstraße 21 - geöffnet ab 21. Oktober 2002
"Fundsachen für Leser", Ausstellung in der Akademie der Künste, Berlin, bis 20. November 2002