Günter Grass: Dichter des sozialdemokratischen Zeitalters - DER SPIEGEL
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Grass und die Politik: Lebensnaher Meinungsmacher

Foto: Willi Bertram/ picture alliance / dpa

Grass und die Politik Dichter des sozialdemokratischen Zeitalters

Was immer den linksliberalen Mainstream bewegte, Günter Grass war dabei. Er begleitete das politische Erwachsenwerden der Bundesrepublik. Die Deutungshoheit in eigener Sache jedoch hat er verloren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Geschichte von Günter Grass ist auch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Und die Geschichte der Bundesrepublik ist die von Günter Grass.

Mal war er Avantgarde, mal Durchschnitt, mal links, mal überholte er von altlinks kommend die neuen Rechten, typisch jedoch war immerzu. So wie die Republik das Nazi-Mitläufertum weiter Bevölkerungskreise lange verdrängte, schwieg Grass über seine Zeit in der Waffen-SS. Als sich das Land in den Fünfzigerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg dem Nachbarn Frankreich zuwandte, als Konrad Adenauer und Charles de Gaulle die Aussöhnung betrieben, wohnte Grass in Paris. Als sich in den Sechzigern die politische Mehrheit nach links verschob, warb Grass für die SPD und begab sich für deren Spitzenkandidaten Willy Brandt in den Bundestagswahlkampf. Ende des Jahrzehnts kämpfte er mit den Achtundsechzigern gegen die Notstandsgesetze.

In den mittleren Siebzigern zog Grass - die "neue Innerlichkeit" bestimmte das intellektuelle Lebensgefühl der Zeit - sich von der Politik zurück, um dann mit der Friedensbewegung Anfang der Achtziger gegen die Nato-Nachrüstung zu demonstrieren. 1990 kritisierte er die Wiedervereinigung, später die Reform des Asylrechts, deretwegen er die SPD verließ. Den Kapitalismus kritisierte er sowieso. Und natürlich auch die Atomenergie.

Wann immer der linksliberale - mittlerweile sagt man rot-grüne - Mainstream ein Thema hatte, Günter Grass war dabei. "Setz dich auf deinen Arsch und schreib wieder ein Buch statt deinen Namen unter tausend Manifeste", hat ihn Fritz J. Raddatz, der große Feuilletonist jener Zeit, einmal angeblafft.

Daraus zu schließen, Günter Grass sei ein Opportunist gewesen, ein Meinungsmacher ohne eigene Meinung, der den politischen Moden folgte, wäre verkehrt.

Im Bergwerk

Im Gespräch mit Frank Schirrmacher antwortete er in der "FAZ" auf die Frage, wann er begonnen habe, sich für Politik zu interessieren: "Es hat lange Zeit gedauert, bis ich zu einer politischen Einstellung gefunden habe." Er schilderte die Jahre nach dem Kriegsende, damals hatte er als junger Arbeiter in einem Bergwerk alte Nazis, Kommunisten und Sozialdemokraten kennengelernt. Nicht die Theorie hat ihn geprägt, sondern die Praxis.

Entsprechend lebensnah, wie die Steinmetzlehre, die Grass absolviert hatte, entwickelte sich auch seine politische Haltung. Die Sammelbände mit seinen politischen Aufsätzen - es dürfte davon ebenso viele geben, wie er Romane geschrieben hat - enthalten in der Regel kurze, klar formulierte Texte mit ebenso klarer Botschaft. Er kritisierte die CDU, warnte vor der NPD, erinnerte an Auschwitz, fürchtete den Überwachungsstaat. Der geschraubte, bemüht kunstfertige Ton des Literaten Grass war dem politischen Publizisten Grass fremd. Der herrschende Soziologentonfall der Adornojahre ebenso.

Grass' Zielgruppe waren weniger die Intellektuellen, sondern die breitere Bevölkerung: Im West-Berlin des Kalten Krieges zog er gar als Straßenverkäufer mit dem "Spandauer Volksblatt" los, um damit eine Alternative zu der Linken verhassten "Springer-Presse" zu bieten. Regelrecht rauflustig stürzte er sich in so manchen Konflikt und war hinterher stolz darauf, wenn er, wie nach einem SPD-Wahlkampfauftritt im konservativen Ostwestfalen, davon berichten konnte, mit Eiern beworfen worden zu sein.

Hübsche Schlusspointe

Spätestens nach dem Tod von Heinrich Böll im Jahr 1985 war Günter Grass damit unter den bundesdeutschen Schriftstellern die gesellschaftliche Instanz schlechthin. Doch was in den Sechzigern noch dem Geist der Zeit entsprochen hatte, war spätestens in den Neunzigern in einer gewissen Formelhaftigkeit erstarrt, die auch damit zusammenhängen könnte, dass die großen Fragen der Zeit immer weniger auf klassisch sozialdemokratische Weise beantwortet wurden.

Das häufig als "sozialdemokratisch" bezeichnete 20. Jahrhundert neigte sich dem Ende zu. Dass der sozialdemokratische Jahrhundertdichter 1999 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, war da nicht viel mehr als eine hübsche Schlusspointe.

In der Hoffnung, politisch-literarische Ziehkinder zu finden, umgab Grass sich in den Jahren darauf mit jüngeren Autoren wie Benjamin Lebert und Eva Menasse. Eine neue Gruppe 47 wollte nicht daraus erwachsen. Der Typus des engagierten Schriftstellers war ins Rentenalter gekommen.

Die Hoheit über die gesellschaftliche Debatte verlor Grass vollends 2006, ausgerechnet in eigener Sache: Im Buch "Beim Häuten der Zwiebel" hatte er, eher verschämt, seine Zeit in der Waffen-SS publik gemacht. Ein Sturm der Empörung, das Wort Shitstorm war noch nicht durchgesetzt, zog auf: Ausgerechnet der Mahner als personifizierte Geschichtsbeschönigung.

Dass Günter Grass sechs Jahre später unter dem Titel "Was gesagt werden muss" ein isrealkritisches Gedicht veröffentlichte, hat in vielen Medien, auch bei SPIEGEL ONLINE, erneut empörten Widerspruch ausgelöst.

Doch in einer Zeit, in der sich einstmals linke oder alternative Positionen gerade, wenn es um Israel geht, denen der Rechten annähern, dürfte Grass' Meinung gar nicht so untypisch gewesen sein für einen wachsenden Teil der Deutschen. Sie gehen zu Israel auf Distanz, Ressentiments gegen das Land sind salonfähiger geworden. Und so galt ein letztes Mal: Die Geschichte von Günter Grass ist auch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Und die Geschichte der Bundesrepublik ist die von Günter Grass.

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