Holocaust-Studie: Vom zweiten Überleben - DER SPIEGEL
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Holocaust-Studie Vom zweiten Überleben

Der Soziologe Paul Martin Neurath überlebte Dachau und Buchenwald, emigrierte nach Amerika und schrieb dort seine Doktorarbeit über den Terror der Nazis. Doch den US-Akademikern war die Studie zu "populär" - erst jetzt, 60 Jahre später, ist das fulminante Werk erschienen.
Von Carolin Emcke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist wie ein Fluch: Einmal entlassen aus der Haft, ist die Gefangenschaft noch lange nicht zu Ende. Auch ohne Schäferhunde, SS-Wachen oder elektrisch geladene Lagerzäune bleibt der Überlebende in der Gemeinschaft isoliert, weil Sprache und Erinnerung am Ort des Schreckens haften, dem man entronnen ist. Deshhalb lässt sich die eigene Geschichte kaum erklären.

Zeitzeuge, Opfer, Diagnostiker

"Wie soll man das Immergleiche eines Fünfzehnstundentages schildern, der im Wesentlichen aus Nichts besteht, aus 120 Ladungen Kies, die man 100 Meter weit transportiert, oder 1500 Schaufeln Lehm, die man aus einem Schacht nach oben wirft? Wie soll man das ununterbrochene Gebrüll beschreiben, wenn das einzig Bemerkenswerte daran der Wechsel von ,Fauler Sack, fauler' zu ,Faule Sau, faule' und vielleicht ,Dreckige Judensau, dreckige' besteht (...) Die Situation ist Außenstehenden (...) schwer zu vermitteln."

So schreibt Paul Martin Neurath, ein jüdischer Emigrant aus Wien, in seiner Doktorarbeit "Die Gesellschaft des Terrors", die er im Mai 1943 am Fachbereich Soziologie der Columbia Universität in New York eingereicht hat - und die jetzt erstmals nach 60 Jahren veröffentlicht wurde. Es ist nicht nur die authentische Beschreibung des Leidens in Dachau und Buchenwald in den Jahren 1938 und 1939, sondern es sind die einzigartigen Innenansichten eines juristisch und soziologisch geschulten Zeitzeugen.

Neurath hat die persönliche Anschauung als Opfer und die theoretische Reflexion als Akademiker aufs Eindrucksvollste miteinander verwoben. Aber vor allem bezeugen dieses Buch und seine verspätete Würdigung die traurige Geschichte der Verständnislosigkeit zwischen dem ehemaligen Häftling und seiner Umwelt.

Dem Nazi-Regime entkommt Neurath mit einem Visum während der kurzen Phase, in der die Entlassungssperre für auswanderungswillige jüdische Häftlinge aufgehoben war - gerade noch rechtzeitig vor Ausbruch des Krieges und der Perfektionierung der Vernichtungsmaschinerie in den Lagern. Über Schweden gelangt er 1941 auf einem Handelsschiff in die USA. Binnen zweier Jahre absolviert der Emigrant ein Zweitstudium und beginnt seine Promotion in Soziologie.

Während in Europa die jüdische Lebenswelt ausgerottet wird, analysiert Neurath die Struktur der Grausamkeit im Lager: "Ich habe alles weggelassen, was so gedeutet werden könnte, als sei es dem Einfallsreichtum der Wachen selbst entsprungen (...). Ich habe nur beschrieben, was jenseits jeden Zweifels Teil eines sorgfältig geplanten Systems ist, mit dem der Widerstandsgeist der neuen Häftlinge gebrochen werden soll."

Überleben als Widerstand

Neurath ordnet sein Werk in zwei Teile: "Szenerie" und "Gesellschaft". Wie auf einer Bühne führt er im ersten die schaurige Kulisse des Lagers vor, ihre architektonische Ordnung, ihre Akteure und schließlich auch die perverse Logik von Tortur und Wahnsinn. Mit filmhafter Schnitttechnik kombiniert Neurath Eindrücke von Misshandlungen mit bürokratischen Vorgaben der Nazis etwa für den Erhalt von Post im Lager.

Im zweiten Teil dann wendet er sich den sozialen Bezügen, den Hierarchien, der Korruption und den psychischen Deformationen in der Lagergesellschaft zu. Und schließlich kulminiert das fulminante, erschütternde Buch in einer Frage, die vermutlich nur Außenstehende stellen können: "Warum schlagen sie nicht zurück?"

30 Seiten lang schreibt Neurath mit moralisch-existenziellem Furor gegen die Ignoranz dieser Frage an: "In einer Situation, in der es kein Ziel gibt, für das sich das Opfer des eigenen Lebens lohnt, und niemanden, der dieses Opfer, sollte man es bringen, anerkennen würde, verliert es seinen Wert." Keine Ehre sei zu retten gewesen in den Konzentrationslagern, argumentiert Neurath, das Sterben war sinnlos. Allein das Überleben wäre demnach der größte Widerstandsakt gegen das Regime des Terrors gewesen - Neurath bezeugt diesen späten Triumph mit seiner Arbeit selbst.

Doch den Mitgliedern der Promotionskommission an der Columbia University war seine Arbeit nicht wissenschaftlich genug. Robert Lynd, dem Senior des Fachbereichs, erscheint sie als "faszinierendes Buch für den populären Gebrauch" - ein vernichtendes Urteil für jemanden, der akademische Meriten erwerben will. Absurderweise kritisieren die New Yorker Professoren vor allem, dass der Doktorand das KZ nicht im Gesamtüberblick habe erfassen können.

Rückzug in die Lehre

Neuraths Dissertation wird zwar schließlich nach allerlei Korrekturen angenommen, allerdings kann er den Doktor-Titel der Soziologie nicht führen. 1943 verlangte die Columbia University die Vorlage von 75 Exemplaren einer Promotion - ohne Kopiergeräte oder Vertrag mit einem Verlag, der die Arbeit hätte herausbringen wollen, war Neurath machtlos.

Während des Krieges interessiert sich kaum jemand für die Berichte eines KZ-Überlebenden, danach wirken sie vergleichsweise harmlos angesichts des späteren Horrors der Shoah. Enttäuscht widmet sich Neurath vor allem der empirischen Sozialforschung und der Statistik und unterrichtet bis zu seiner Emeritierung 1977 am Queens College in New York. Über Totalitarismus und die nationalsozialistischen Lager hat der 2001 verstorbene Neurath nie gelehrt.

Das herausragende Dokument der "Gesellschaft des Terrors" wurde erst in seinem Nachlass wiederentdeckt - und jetzt mit einem einfühlsamen Nachwort veröffentlicht. Wenn diese bewegende Studie interessierte Leser fände, hätte der Überlebende doch noch zurückgeschlagen.


Paul Martin Neurath: "Die Gesellschaft des Terrors". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 460 Seiten. 29,80 Euro.