Hypertextmesse le.txt: Jenseits des Cyberspace - DER SPIEGEL
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Hypertextmesse le.txt Jenseits des Cyberspace

Parallel zur Leipziger Buchmesse trafen sich Macher und Nutzer des Internet zur ersten Leipziger Hypertext Mustermesse. Die Aussteller versuchten mit teilweise einzigartigen Projekten zu zeigen, dass Texte bald keine Bücher mehr brauchen.
Von Lutz Kosbab
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Leipzig hat das Internet über das gedruckte Wort gesiegt. Den Eindruck könnte man zumindest gewinnen. Denn ausgerechnet in einer ehemaligen Druckerei hatte le.txt (sprich: le-text), die erste Leipziger Mustermesse für Hypertext, ihre Premiere. "Wir wollten, dass die Macher von Hypertext aus der Anonymität treten, außerhalb des Cyberspace zusammenkommen und neue Leute treffen", erklärt Andreas Milles, Mitbegründer der Messe, die Ziele der le.txt. Und die scheinen die Veranstalter trotz kurzer Vorbereitungszeit von nur drei Monaten erreicht zu haben.

Online von Zamonien bis in den Kahuna Modus

Der kleinste gemeinsame Nenner der etwa 20 gezeigten Internetprojekte war das Netz als Medium, um Texte zu verbreiten. Einige gehen aber weit darüber hinaus. Heiko Idensen, schon fast ein Urgestein der Netzkunst, zeigte, welche Bedeutung das Internet auch als Produktionswerkzeug haben kann. Im Projekt "Odysseen im Netzraum" schreiben zahlreiche Autoren netzweit an einer Science-Fiction-Geschichte. "Das Netz ist nicht nur Medium, sondern auch Mittel für einen neuen Schreibprozess", so Idensen. Wie gemacht für das kollaborative Arbeiten.

Und dass solche schreibenden Netzwerke nicht nur als kleines Experiment funktionieren, zeigten "Schüler" der "Nachtschule", die als Ergänzung zu Walter Moers' Käpt'n-Blaubär-Romanen entwickelt wurde. Mehr als 7000 Internetnutzer haben sich auf der Homepage angemeldet, reichen fleißig "Hausaufgaben" ein und erweitern auf diese Art Moers' Fantasiewelt Zamonien im virtuellen Raum. Die Autorin des Buches "Der Kahuna Modus", Nika Bertram, stellte sogar höchstpersönlich ihr Onlinespiel zum Roman vor. Und das passte prächtig auf die Messe, basiert es doch rein auf Text.

Thierry Chervel vom Kulturpressespiegel Perlentaucher, Klaus Meier, Autor des Buches "Internet Journalismus", und Hansjoerg Zimmermann, Gründer der Web-Agentur "Argonauten", diskutierten, wie Text aussehen muss, damit er im Netz lesbar ist. Das ernüchternde Ergebnis: Texte ließen sich bisher schlecht überblicken, Inhalte würden schlecht vermittelt und die unzureichende Auflösung heutiger Monitore mache das Lesen zur Qual. Die Papierindustrie braucht sich vorerst nicht zu sorgen: "Internet ohne Drucker macht keinen Sinn", meinte Chervel.

Falscher Goethe aus dem PC

Das vollelektronische Buch auf dem Nachttisch scheint also noch nicht massentauglich, doch der computergestützte Gedichtgenerator ist schon Wirklichkeit. Programmierer und Hobbydichter Günter Gehl sorgte mit seinem verblüffenden "Spaßprogramm" namens Poetron für Diskussionen über künstliche Intelligenz und die Perspektive, dass Computer eines Tages den Autor oder Dichter ersetzen könnten. "Dann wäre es vielleicht auch möglich, Programme mit den Daten verstorbener Künstler zu füttern und ihr Lebenswerk fortsetzen zu lassen", erläuterte Gehl augenzwinkernd und löste damit bei einigen Zuhörern einen kalten Grusel-Schauer aus.

Vielleicht spinnt der Poetron auf der nächsten le.txt schon einen falschen Goethe zusammen. Das wäre immerhin ein öffentlichkeitswirksamer Gag, den dann vielleicht auch einige Verantwortliche in Leipzig mitbekommen würden. Dieses Jahr lief die le.txt jedenfalls noch ab, ohne dass Buchmesse oder Stadt sich übermäßig um sie bemüht hätten.

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