J.K. Rowling Oh, Harry, mein Harry!
New York - Er katapultierte sie aus der Armut auf den roten Teppich, rettete ihre geistige Gesundheit und war für sie fortan wie ein Sohn. Wenn man der Autorin J.K. Rowling glauben darf, sind die emotionalen Bande zwischen ihr und ihrer Romanfigur Harry Potter stärker als jeder verzauberte Liebestrank. Und wer mit Potter Geschäfte machen möchte, ohne seine Schöpferin zu fragen, der muss sich vor Gericht verantworten - so wie jetzt der US-Verlag RDR Books.
Im vergangenen Jahr hatte Rowling gemeinsam mit dem US-Filmstudio Warner Bros. den Verlag verklagt, weil der ein Harry-Potter-Lexikon veröffentlichen wollte. Vor Gericht beschrieb die Autorin nun diese Woche emotionsgeladen, wie hart der Kampf um ihren Roman-Helden in der Vergangenheit gewesen sei und betonte ihre Verbundenheit mit dem kleinen Zauberer.
Wegen ihrer desolaten finanziellen Verhältnisse habe sie gehungert, als sie mit dem Schreiben der Potter-Serie begann. Doch das Farbband für die Schreibmaschine sei ihr wichtiger gewesen als richtiges Essen auf dem Tisch - denn die Welt von Hermine, Ron und Harry an der Zauberschule Hogwarts sei der einzige Ort gewesen, an den sie aus ihrer Malaise entfliehen konnte.
Rowling musste ihre Tränen unterdrücken, als ihr Anwalt sie vor Gericht fragte, was ihr der Zauberlehrling bedeute. "Ich möchte nicht weinen," sagte Rowling. Doch ihre Figuren seien wie ihre eigenen Kinder. "Sie waren mir über einen langen Zeitraum so wichtig - jemand, der kein Schriftsteller ist kann das nicht verstehen". Die Verhandlungen hätten sie sogar so stark mitgenommen, dass sie die Arbeit an ihrem neuen Roman abbrechen musste. Ihre kreative Arbeit sei über die letzten Monate geschwächt worden.
Steven Vander Ark, dem Verfasser des Potter-Lexikons, wirft Rowling vor, er habe viele ihrer Wortkreationen einfach aus dem Lateinischen übersetzt. Es gebe falsche Interpretationen und Vander Ark habe ihre Bücher stellenweise offenbar nicht verstanden.
Vander Ark betreibt ein ebenso umfangreiches wie beliebtes Online-Nachschlagewerk. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters plante er nie ein eigenes Buch, weil er fürchtete, das Urheberrecht der Autorin zu verletzen. Als RDR Books ihm anbot ein Lexikon zu veröffentlichen, bestand er darauf, dass der Verlag im Falle eines Gerichtsverfahren vor den Richter treten und die Kosten zahlen müsse.
In der Vergangenheit hatte Rowling sich allerdings positiv zu Vander Arks Internetseite geäußert - 2004 verlieh sie dem Portal sogar ihren selbst ausgeschriebenen "fan site award" und sagte, dass sie sich oft auf Information aus der Enzyklopädie stütze. Heute betont sie, sie habe lediglich einen begeisterten Fan bestärken wollen.
Nach Erscheinen des letzten Bandes "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" sagte J.K. Rowling, sie sei die einzige, die Harry Potter verstehe; sie wolle eine Fortsetzung der Serie unbedingt verhindern. Das Urteil im Prozess um das Potter-Nachschlagewerk wird in einigen Wochen erwartet.
sta/Reuters/AP