Kriegsreportagen Das Wunder von Mostar
Mein erster Ausflug zu den neuen Checkpoint Charlies dieser Welt war ein Trip hinter die Kinoleinwand. Ich reiste in eine Gegend, wo die Guten und die Bösen nach Ende der Vorstellung auf Regiestühlen hocken und zusammen Zigaretten rauchen. Wir bemerken das nur selten, denn im Lichtspielhaus sitzen wir ja immer im Saal und nie auf der anderen Seite. Wenn man sich aber nach der Vorstellung ein bißchen konzentriert, kann man sie hinter der weißen Wand kichern und sich auf die Schenkel schlagen hören.
Die Reise begann in Split. Bevor der Fotograf und ich uns auf den Weg an die Front machten, übernachteten wir in einem Hotel am Rand der kroatischen Küstenstadt, nicht weit vom Strand. Es war ein kantiges Hochhaus mit einer kühl gekachelten Lobby so groß wie ein Fußballplatz.
In den siebziger Jahren war dieser Bunker für die Sozialistische Volksrepublik Jugoslawien vermutlich ein vorzüglicher Devisenbringer gewesen. Doch im Dezember 1994 waren der Fotograf und ich fast die einzigen Gäste. An der Bar saßen abends noch ein paar junge Männer mit Camouflage-Jacken und Spiegelbrillen, die sie auch nach Sonnenuntergang nicht abnahmen. Sie schwiegen sich an und tranken Bier. Wir hielten sie für kroatische Söldner. Ein paar Wochen später sollte sich einer dieser kaum 20jährigen Burschen beim russischen Roulette das Gehirn wegschießen.
Der Zwischenfall hinterließ keine Spuren, wie mir ein befreundeter ARD-Kollege, der den Vorfall fassungslos beobachtet hatte, später erzählte. Der Barkeeper wischte die riesige Blutlache einfach mit einem Mopp von den hellen Fliesen auf.
Auf der Straße von Split ins bosnische Mostar sah ich die ersten Ruinen in meinem Leben. Natürlich war ich schon hundertmal an der Kaiser-Friedrich- Gedächtniskirche am Berliner Breitscheidplatz vorbeigelaufen, die in einer Bombennacht ausgebrannt und nach dem Krieg als Mahnmal in ihrem jämmerlichen Zustand belassen worden war. Aber der hohle Zahn am Kurfürstendamm war eben ein Denkmal, irgendein vom Großstadtdschungel überwuchertes Stück Stein, an dem man genauso achtlos vorbeilief wie an der Weltzeituhr am Alexanderplatz.
Die Ruinen in Kroatien und Bosnien aber waren frisch: Fensterscherben lagen herum, zersprungene Dachziegel, bröckelnde Mauersteine, ausgebrannte Panzer, zerschossene Autowracks. Menschen sah ich kaum während der Fahrt, nur an eine alte Frau mit weißem Kopftuch irgendwo in Bosnien kann ich mich erinnern. Als wir mit unserem Auto, einer Limousine, vorbeifuhren, blickte sie uns teilnahmslos an und dann lange hinterher. Staunend ließ ich die zertrümmerten Landschaften an mir vorbeigleiten. Wir wollten nach Mostar, um dort über die Arbeit deutscher Polizisten zu berichten, die in einem EU-Kontingent für Ordnung in der Stadt sorgen sollten. Es war einer der ersten Auslandseinsätze deutscher Polizisten und allein deshalb schon ein Thema.
Allerdings schrieb sich die Geschichte nicht sehr leicht, weil man für eine Stadt wie Mostar im Grunde eine Gebrauchsanweisung haben müßte, und Reportagen, für die man eine Gebrauchsanleitung braucht, taugen nicht sehr viel.
In Mostar hatten Kroaten und Moslems zuerst gemeinsam gegen die Serben gekämpft und gesiegt. Dann verwalteten sie die Stadt etwa ein halbes Jahr gemeinsam, um sich dann untereinander zu bekriegen. Wer angefangen hatte, hing davon ab, wen man fragte. Jedenfalls lag im Dezember 1994 das einst wunderschöne, mittelalterliche Zentrum in Trümmern. Die Kroaten hatten sogar die Brücke über die Neretva, die in den muslimischen Teil der Stadt führte, gesprengt. Damit hatten sie die muslimischen Kämpfer, die sich in der Altstadt festgesetzt hatten, vom Nachschub abgeschnitten.
Noch wichtiger aber war: Sie hatten ein Symbol der Verständigung zerschossen. "Moslems und Kroaten sind wie Hund und Katze!", hörte ich immer wieder, wenn ich Menschen auf der Straße fragte, warum sie eigentlich auf ihre Nachbarn schossen. Die meisten Leute zuckten bei dieser Antwort mit den Schultern, als wollten sie sagen: da kann man nichts machen. Hier in Mostar wurde also behauptet, daß der Krieg in der Natur des Menschen läge. Trotzdem hatten sich beide Seiten im Sommer 1994 vor allem auf Druck der EU und der Amerikaner auf einen Waffenstillstand geeinigt. Denn der Konflikt in Mostar gefährdete die bosnisch-kroatische Allianz gegen die Serben.
In der einst so pittoresken Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen und schiefen Backsteinhäusern standen nur noch Trümmer. Genau zwischen den zerstörten, mittelalterlichen Ruinen und den zerschossenen modernen Funktionsbauten der Stadt verlief die Demarkationslinie. Sie trennte die Gegner voneinander.
Nach dem Mauerfall glaubten viele an das Ende der Geschichte. Doch daß ausgerechnet der Zusammenbruch des Sozialismus uns in einen utopischen Gesellschaftszustand versetzen sollte, entpuppte sich spätestens bei Ausbruch des Golfkriegs, 13 Monate später, als Zeitgeistente. Auch der Checkpoint Charlie, Sinnbild der urbanen Teilung, war nicht auf dem Speicher der Geschichte gelandet. Ich fand ihn mitten in der Stadt. Sogar seinen Namen hatte er behalten. Der Übergang von hüben nach drüben hatte sich etwas verändert, das Wachhäuschen sah schmuddelig aus. Die Sperranlagen in der Berliner Friedrichstraße hingegen waren immer hübsch poliert gewesen und die Uniformen der DDR-Grenzsoldaten stets gebügelt und nie dreckig. Das Repressionspersonal des ersten und letzten deutschen Arbeiter- und Bauern-Staats hatte sich blitzsauber vom Acker gemacht.
Hier in Mostar aber hausten die kroatischen Grenzer in einer Blechbaracke. Sie waren schlecht rasiert, rauchten Kette und glichen eher Desperados aus einem südamerikanischen B-Movie als ordentlichen Soldaten. Mit einem Grenzposten auf der muslimischen Seite, einem, wie ich schätzte, vielleicht 35jährigen Bosniaken, kam ich länger ins Gespräch. Sein dicker Vorgesetzter stellte ihn vor mit den Worten: "He is a hero".
Wir sprachen über Fußball und deutsche Autos. Über den Krieg wollte der Mann nicht reden. Er mochte Bayern München und erzählte von einem Cousin in Deutschland, der irgendwo im Ruhrgebiet lebte. Meine Fragen nach den blutigen Gefechten von Mostar beantwortete er mit Kopfschütteln und Schweigen. Er war sehr dünn, kaum ein Meter siebzig groß und strich sich oft mit der Hand durch seine nassen, kurzen, schwarzen Haare. Es war Dezember und nicht gerade warm; er schwitzte nicht vor Hitze. Ich bot ihm eine Zigarette an. Er nahm sie mit zitternder Hand aus der Packung. Das war ihm unangenehm, weil das Zittern nicht zu seiner Spiegelbrille paßte. Ich fragte ihn, wie alt er sei. Er sagte: "22".
Ich erschrak. Ein Jahr Krieg hatte ihn um mehr als eine Dekade altern lassen. Bomben und Granaten hatten sein Gesicht in eine Landschaft aus Angst verwandelt. Dieses Phänomen sollte mir später noch oft begegnen, doch damals kannte ich das beschleunigte Altern in den Zeiten des Krieges noch nicht. Wir rauchten schweigend. Der Soldat nahm seine Brille ab. Seine Augen flackerten. Er war kein Held, sondern ein psychisches Wrack. Erst jetzt bekam ich eine Ahnung, was der tägliche Umgang mit Mord und Totschlag aus einem Menschen machen konnte. Zum Abschied sah er mich eindringlich an und hielt meine Hand einen Augenblick länger fest, als es üblich ist. Er sagte, daß er bald aus Mostar verschwinden werde. "Wohin gehst du?" fragte ich ihn, und ich hätte das Gespräch sicher längst vergessen, wenn er nicht geantwortet hätte: "Nach Srebrenica".
Teil 2: Kriegsgräuel und eine friedliche Erscheinung
Ich hatte keine Ahnung, wo sich dieser Ort befand. Ein knappes, halbes Jahr später wußte die ganze Welt, wo Srebrenica liegt: Im Abgrund. Er liegt dort, wo Europa nach 1945 nie mehr hinwollte. Gut möglich, daß dieser früh vergreiste Soldat dort nach seiner Hinrichtung von den Serben in den Wäldern verscharrt wurde, zusammen mit Tausenden anderen Männern. Srebrenica war die Kapitulation der Welt vor ungezügelter, roher Gewalt: Während die serbische Armee die Bosniaken in den umliegenden Wäldern des Ortes massakrierte, sahen ein paar hundert holländische UNO-Soldaten tatenlos zu; einige ihrer Offiziere tranken Sekt mit den Mördern.
Der Irrsinn der Balkan-Kriege machte sich selbst auf dem Busbahnhof in München bemerkbar. Von dort fuhren damals regelmäßig Busse voller junger Männer an die verschiedenen Fronten. Die Kroaten fuhren nach Zagreb, die Serben nach Belgrad, die Bosniaken nach Sarajevo. Dort ließen sie sich einteilen, dann teilten sie aus und brachten sich gegenseitig um. Unter der Woche schraubte man Autos zusammen, stand am Fließband oder servierte serbische Bohnensuppe im Jugoslawia-Grillrestaurant. Am Wochenende ließ man sich in einen miesen kleinen Krieg fahren. Auf der Rückfahrt nahmen die Busfahrer dann auf den frei gewordenen Plätzen Frauen und Kinder mit; Flüchtlinge, die Schutz vor dem Schlachten in deutschen Asylbewerberheimen suchten.
Für mich paßte das alles nicht zusammen, aber für die meisten Menschen in Mostar war das alles ganz normal geworden, so wie die Mauer vor meiner Haustür in Berlin eben auch einmal zu meinem alltäglichen Leben gehört hatte. Bozena, eine Krankenschwester aus Sarajevo, die in Mostar als Dolmetscherin für die EU-Verwaltung arbeitete, wollte sich mit diesem Irrsinn nicht abfinden. Sie begleitete mich bei einigen Interviews - in beiden Teilen der Stadt. In Bosnien hatte die hübsche, junge Frau nichts mehr verloren außer ein paar Erinnerungen an bessere Zeiten. Ihre ganze Familie war tot, in Sarajevo hingemetzelt von einer Granate. Bis zuletzt habe ich nicht herausgefunden, ob sie nun Kroatin war oder Bosniakin. "Das sage ich nicht, das ist egal", antwortete sie mir auf diese Frage und guckte böse. Sie wollte einfach nur sie selbst sein, und das in einer Gegend, wo es keine Individuen mehr, sondern nur noch Volksgruppen gab, die sich haßten.
Sie lehnte es schlicht ab, auf irgendeine ethnische Identität festgelegt zu werden und deshalb Leute hassen zu müssen, mit denen sie unter anderen Umständen vielleicht befreundet gewesen wäre oder befreundet war. In einem jeansfarbenen Rucksack trug sie stets einen Bildband von Mostar bei sich, und gleich bei unserer ersten Begegnung zeigte sie mir begeistert die Fotos der Altstadt, der mittelalterlichen Brücke über den Fluß Neretva. Der regelmäßige Blick in den Bildband hielt sie am Leben wie ein Medikament, und als sie mit ihren Händen fast zärtlich über die etwas vergilbten, bunten Seiten strich, mußte ich mich zusammenreißen, weil in dieser beiläufigen Geste mehr verzweifelte Hoffnung lag, als ein im friedlichen Mitteleuropa groß gewordener Mensch wie ich damals aushalten konnte.
In Mostar gab es keine Hotels mehr, sie waren im Krieg zerstört worden. Die wenigen, die noch existierten, hatte sich die Administration der Europäischen Union unter den Nagel gerissen. Also wohnten wir in Medjugorje, einem katholischen Wallfahrtsort etwa 20 Kilometer vor den Toren von Mostar. Dort soll es Anfang der achtziger Jahre eine Marienerscheinung gegeben haben. Die Muttergottes hatte angeblich zu drei Kindern gesprochen und »MIR«, Frieden, gepredigt.
Medjugorje war tatsächlich eine Enklave. Keine Kriegspartei hatte je auf den Ort geschossen, aus Respekt vor dem Wunder, das sich angeblich zugetragen hatte. Ich hielt die Erscheinung zunächst für eine neue Legende kroatischer Nationalkatholiken. Doch ein paar Tage nach meiner Ankunft berichtete mir ein etwa 25 Jahre alter Polizist aus dem Ruhrgebiet, der jetzt als EU-Polizist in der Bürgerkriegsstadt auf Streife ging, von diesem wundersamen Nachmittag im Jahre 1981. Als Kind hatte er seinen kroatischen Vater zu Beginn der achtziger Jahre oft in dessen Heimatstadt Mostar begleitet.
In spöttischem Ton fragte ich ihn also, ob er denn auch von diesem Marienwunder gehört habe. Er blickte mich darauf streng an, als wolle er mir einen Strafzettel für falsches Fragen verpassen. Seine freundlichen Gesichtszüge verdunkelten sich, als hätte ich ihn beleidigt. "Auch ich habe etwas gesehen!" sagte er. An jenem Nachmittag habe er mit seinen Freunden, Bosniaken, Serben und Kroaten übrigens, Fußball auf einem Platz in der Altstadt gespielt. Plötzlich sei ihm "ein helles Licht, gleißend wie ein Blitz" am Berghang aufgefallen. Dieses Licht sei kein gewöhnliches gewesen, keines, das er vorher je in seinem Leben gesehen habe und das ihm seitdem jemals wieder begegnet sei. Er könne natürlich nicht sagen, ob hinter dem Strahlenschweif am Berg die Jungfrau Maria gesteckt habe. Fest stehe allerdings: "Irgendwas ist da gewesen."
Also pendelten wir zwischen Mostar und Medjugorje, zwischen Ruinen und Devotionaliengeschäften, in denen uns junge kroatische Katholikinnen Marienstatuen, praktische Plastikbehälter für Weihwasser und Plastikaltare mit elektrischer Heiligenbeleuchtung verkaufen wollten. Die kleine Pension, in der wir unterkamen, wurde gewöhnlich von frommen Wallfahrern genutzt. Sie trug den schönen Namen Hotel Ave Maria. Es bedurfte einiger Überredungskünste und noch mehr Dollars, den Wirt davon zu überzeugen, die Kellerbar länger als bis neun Uhr abends geöffnet zu halten. Der Wirt war tatsächlich fromm und hielt nicht viel vom Saufen, andererseits war er Katholik und insofern auch ein bißchen bestechlich.
Es muß am dritten Abend der Reise gewesen sein, als der Charakter meines Aufenthalts, nach der Begegnung mit dem Soldaten und der Jungfrau Maria, völlig ins Traumhafte glitt. Wir waren aus Mostar zurück, wo wir die Bürgermeister beider Stadthälften interviewt hatten, einen Kroaten und einen Moslem, die vor dem Krieg tatsächlich Nachbarn gewesen waren. Sie waren beide etwa 40 Jahre alt, leicht übergewichtig, knapp 1 Meter 70 groß und sahen sich mit ihren breiten Schädeln und mürrischen Mienen auch sonst zum Verwechseln ähnlich. Trotzdem hatten sie aufeinander geschossen, und nun saßen sie unter den gestrengen Augen des EU-Administrators Hans Koschnick zusammen am Konferenztisch und sollten gefälligst zusammenarbeiten. Ein Balkan-Witz. Aber die kriegslustigen Ex-Nachbarn waren nichts im Vergleich zu dem, was mich beim Abendbrot noch erwartete.
Teil 3: Odysseus aus Hollywood
Der Wirt brachte uns gerade noch etwas Brot, als mein Blick in dem vollen Speisesaal an einem etwa fünf Meter entfernten Tisch hängenblieb. Das Gesicht! Ich kannte dieses Gesicht. Aber woher? Ich kannte das Gesicht dieses Mannes aus dem Kino. War das hier alles bloß ein Film? Die Ruinen eine Kulisse für einen Kriegsstreifen? Fünf Meter weiter saß Harvey Keitel, einer der höchstbezahlten und begnadetsten Schauspieler unserer Zeit. Ich kannte fast alle seine Filme, und als ich ihn erblickte, fiel mir sofort dieses animalische Heulen aus Bad Lieutenant ein. Irgendwie paßte Keitels Schrei in diese Gegend.
Doch Keitel schrie nicht. Er unterhielt sich ganz ruhig und gesittet mit einem etwa 35-jährigen Mann und wartete, wie wir alle, auf die fette kroatische Wurstplatte, die jeder Pensionsgast zum Abendbrot serviert bekam. Ich beobachtete ihn eine Weile. Er wirkte in Natura noch stämmiger als im Kino. Mit seinen muskulösen Oberarmen konnte er vermutlich jeden Produzenten umhauen, wenn er wollte. Sein Schädel war kantig, aber seine Augen flink und freundlich. Sie verrieten den Intellektuellen in diesem Türsteher-Körper.
Keitel und sein Kompagnon diskutierten irgend etwas. Im Gegensatz zu den dunklen Typen, die er in Kinofilmen spielte, machte er hier in Medjugorje aber einen ziemlich ausgeglichenen Eindruck. Ich habe es immer bedauert, daß Francis Ford Coppola Harvey Keitel nicht die Rolle des ewig aufbrausenden Sonny Corleone in Der Pate Teil 1 gegeben hat. Keitel wurde dafür zwar gecastet, aber dann hat James Caan den Job bekommen. Egal, ich bestellte mir einen Slivovitz und kippte ihn runter. Dann erst traute ich mich, meinen Lieblingsschauspieler zu fragen, ob er mir ein Interview geben würde.
Ich unterbrach die beiden und erntete keine genervten Blicke. Das war immerhin ein Anfang. Dann stellte ich mich etwas unbeholfen vor. Keitel reagierte sehr freundlich und dutzte mich sofort, eine amerikanische Marotte. Den Mann am Tisch stellte er mir als Theo Angelopoulos vor, ein griechischer Regisseur. Ich hatte noch nie von ihm gehört, obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon weltberühmt war. Na ja, ich war ja auch in der Politik-Redaktion und nicht bei der Kultur.
Angelopoulos und Keitel drehten einen Film im Niemandsland von Mostar. Das heißt: Sie nutzten die Ruinen von Mostar, um dann im Film zu behaupten, es seien die Ruinen von Sarajevo. Im echten Sarajevo, etwa 100 Kilometer die Landstraße rauf, wurde zu diesem Zeitpunkt noch geschossen, gut für Dokumentarfilmer, schlecht für Spielfilm-Macher.
Angelopoulos erklärte mir die Handlung: Ein Typ kommt aus den USA zurück auf den Balkan und sucht seine familiären Wurzeln. Aber er findet nur Krieg, alle Verwandten sind tot, und so muß er umherirren wie Odysseus. Der Film lief später unter dem Titel The gaze of Ulysses in den Kinos. Er floppte, denn leider hat Angelopoulos das Drehbuch nicht viel über den mir bei der kroatischen Wurstplatte erläuterten Punkt hinaus entwickelt. Mit fast drei Stunden Länge, in denen Keitel unterlegt von immerhin beachtlicher Filmmusik meistens in einem Regenmantel durch Ruinen läuft, war er vielleicht auch etwas lang geraten. "Dieser Film ist eine unerträgliche, wichtigtuerische Wichserei!" ätzte ein amerikanischer Filmkritiker nach der Premiere.
Mir war das egal. Keitel hätte auch einen Reklamespot für serbisches Waschpulver drehen können, mich begeisterte diese unverhoffte Begegnung. »Nimmst du unser Gespräch auf oder schreibst du mit?« fragte er mich im Hotel Ave Maria. Mein Recorder war oben im Zimmer, also zog ich mein Notizbuch raus und sagte: »Ich mache mir Notizen.« Das fand er gut, irgendwie professionell. In Keitels Augen war ich also ein notizenmachender Kriegsreporter, der elektronisches Werkzeug verachtete. Cool.
Ich fragte natürlich, welchen Eindruck er von Bosnien hatte, was er vom Krieg in Mostar hielt. "Es ist schlimm hier. Aber ich bin kein Politiker und möchte da kein Urteil abgeben." Ich stutzte, ich hatte etwas mehr erwartet.
Ich hätte Keitel nun natürlich nach dem Unterschied von Krieg und Kino fragen müssen, in welchem Verhältnis US-Armee und Hollywood zueinander stehen, ob die eine Institution ohne die andere überhaupt denkbar sei. Ich hätte ihn fragen müssen, was er von Apocalypse Now hält, ob er das Dreckige Dutzend gesehen hat, wie ihm Platoon gefiel und ob es seiner Meinung nach wirklich einen Unterschied zwischen Anti-Kriegs-Filmen und Filmen über den Krieg gibt.
Aber all diese Fragen sind mir in der Pension Ave Maria leider überhaupt nicht eingefallen. Ich saß vor meiner Wurstplatte und durchwühlte mein Gehirn nach irgendeiner originellen Bemerkung. Dann sagte ich: "Sieht Madonna eigentlich wirklich so gut aus oder täuscht das bloß im Kino?" Ich bereute diese plumpe Bemerkung noch in derselben Sekunde, in der ich sie fallengelassen hatte und dachte: Bist du wahnsinnig? Der Mann wird dich für einen absoluten Idioten halten.
Aber Keitel hatte tatsächlich gerade mit Madonna einen Film namens Dangerous Games gedreht. Er antwortete: "Madonna war okay. Das Drehbuch war scheiße." Dann biß Keitel herzhaft in sein Wurstbrot. Irgendwie war ich erleichtert.
Plötzlich trat ein älterer Herr mit weißen Haaren an unseren Tisch. Er sah sehr vornehm aus. Auch ihn hatte ich schon mal irgendwo gesehen. "Hi Gian!" sagte Keitel. Da erkannte ich ihn. Der alte Mann war Gian Maria Volonte. In den siebziger Jahren hatte er viele Hauptrollen in Filmen von Francesco Rosi gespielt, zum Beispiel im Bataillon der Verdammten, in Lucky Luciano oder Christus kam nur bis Eboli.
Doch hier, im Wallfahrtsort Medjugorje ein paar Kilometer vom Krieg entfernt, wirkte Volonte keineswegs so präsent, wie er mir aus seinen Filmen in Erinnerung war. Er machte geradezu einen entrückten Eindruck. Volonte stand in einem feinen, grauen Anzug vor unserem Tisch und lächelte mild, als warte er darauf, jeden Moment von einem UFO abgeholt zu werden.
Keitel bot ihm einen Platz am Tisch an. Doch Volonte wehrte mit einer eleganten Handbewegung ab, sprach ein paar Worte mit Angelopoulos und verabschiedete sich wieder. Wir blickten ehrfurchtsvoll hinterher, als er die Treppe hinauf in seine Kammer schwebte. Dann tranken wir noch ein Bier zusammen. Keitel fragte mich viel über Berlin aus, er mochte die Stadt. Ich erzählte ihm meine Theorie vom wandernden Checkpoint Charlie und hoffte, dem Gespräch damit wieder eine Wendung auf den Balkan geben zu können. Keitel hörte aufmerksam zu und sagte dann: "Hmm."
Für den nächsten Tag hatte Keitel uns zum Set eingeladen. Sie drehten direkt am Checkpoint. Volonte war in der Pension in Medjugorje geblieben, ihm sei nicht wohl, hieß es. Ich sah zu, wie Angelopoulos seinen Hauptdarsteller Keitel durch die Ruinen von Mostar dirigierte. Die kroatische Feuerwehr hatte ein paar hundert Quadratmeter Kriegslandschaft mit Kanalwasser naß gespritzt. Es sollte so aussehen, als hätte es gerade geregnet, denn im Regen sehen Ruinen noch trauriger und trister aus als ohnehin. Keitel streunte also über Splitter und Steine, an gesprengten Hausfassaden vorbei und hielt seinen Regenmantel fest, weil der Winterwind blies. Kroaten und Bosniaken sahen lachend zu.
Ein deutscher Polizist allerdings beschwerte sich bei Angelopoulos über die unnötige Wasserverschwendung. Typisch, dachte ich, alle amüsieren sich, aber der Deutsche muß meckern. Wahrscheinlich wird er gleich Altpapiercontainer an der Front aufstellen und die Pfandflaschen im Schützengraben einsammeln.
Doch die Leute ignorierten ihn. In diesem Moment wollte ich nie wieder nach Hause, ich wäre Odysseus durch die ganze Welt gefolgt. In dieser geteilten Stadt hätte ich ewig bleiben mögen, denn am Checkpoint Charlie geschahen noch Zeichen und Wunder. Dann klatschte Angelopoulos in die Hände, die Szene war im Kasten und das Abenteuer vorbei.
Drei Tage später starb Gian Maria Volonte. Er schlief angeblich während der Dreharbeiten sanft in einem Klappstuhl ein; den letzten Blick auf die Drehkulisse gerichtet, vor der Harvey Keitel im wehenden Regenmantel gerade mit Hilfe des Balkan-Kriegs die Odyssee simulierte.