Kriminalromane: Eine äußerst ausgefallene Perversion - DER SPIEGEL
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Kriminalromane Eine äußerst ausgefallene Perversion

Kaum eine literarische Figur wirkt so schablonenhaft wie er: Der Privatdetektiv ist in den meisten Büchern chaotisch, unglücklich verliebt und alkoholabhängig, eine vermurkste Existenz. Drei Autoren variieren das Klischee eindrucksvoll - bis hin zum Traum von Sex mit Godzilla.
Von Jörg Böckem
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Stimmt schon, Klischees und Stereotype schränken uns oft ein und verengen unseren Blick auf die Welt. Aber mitunter geben sie uns auch Halt und Orientierung, vermitteln das Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit. Das gilt in Alltag und Literatur gleichermaßen. Keine literarische Figur ist klischeebesetzter als der Privatdetektiv: heruntergekommenes Büro, heruntergekommener Typ, schweres Alkohol- oder Drogenproblem, Misanthrop, nur wenige, ebenso verkorkste Freunde, keine Frau, bestenfalls eine Ex, und die eine oder andere Leiche im Keller. Kurz: eine vermurkste Existenz. Im Laufe der Ermittlungen taucht irgendeine Frau auf, er verliebt sich, es endet nicht gut. Mindestens zwei oder drei dieser Elemente sind in geschätzten 90 Prozent aller Detektivromane zu finden. Langweilig und voraussehbar? Im Gegenteil, zumindest wenn der Autor die Stereotypen geschickt zu nutzen und die Nuancen zu modellieren versteht.

In "Jack Taylor fliegt raus" zeigt der Ire Ken Bruen wahre Meisterschaft darin: Jack Taylor ist, na klar, Ex-Bulle, ein heruntergekommener Typ, säuft wie ein Loch, seine wenigen Freunde sind ähnlich verkorkste Existenzen. Taylor, Ire, stur wie ein Esel, Cineast und Literaturliebhaber, soll den Tod eines jungen Mädchens aufklären, im Auftrag der Mutter. Für einen Moment blitzt so etwas wie Hoffnung und Zukunft auf, am Ende ist der Fall gelöst, doch das Leben des traurigen Helden keinen Deut besser. Bruen, Englischlehrer und in Metaphysik promoviert, erzählt seine bedrückende Reise in die dunkelsten Tiefen der irischen Seele in wunderbar lakonischer, höchst eigenwilligen Sprache und mit staubtrockenem Humor.

Der Comicautor Warren Ellis ("Transmetropolitan", "The Authority") schickt seinen Privatdetektiv McGill in "Gott schütze Amerika" auf eine wahnwitzige Reise tief hinein in den amerikanischen Altraum: Michael McGill, seines Zeichens Pechmagnet, heruntergekommener Typ in heruntergekommenem Büro, bekommt von der Regierung den Auftrag, ein altes Buch zu suchen: eine zweite, geheime Niederschrift der amerikanischen Verfassung, durch dessen besondere Kräfte der moralische Verfall der Gesellschaft rückgängig gemacht werden soll. Bei seiner Suche watet McGill bis zum Hals in den Kloaken des modernen Amerikas, er trifft auf einen heroinsüchtigen Stabschef und eine ganze Legion Perverse: Bodybuilder, die sich Salzwasser in die Hoden Spritzen, Makroherpetophile, eine äußerst ausgefallene Perversion, die den Traum von Sex mit Godzilla beinhaltet, hochrangige Anwälte und Politiker, die russisches Sex-Roulette mit infizierten Mädchen spielen und einen pervers-debilen reichen Texaner, der ins Capitol einziehen will und nachts nackt Rinder erwürgt. Eine dreckige, obszöne, wunderbar durchgeknallte Groteske.

Don Winslows Detektiv will auf den ersten Blick nicht so recht ins Raster passen: Boone Daniels ist leidenschaftlicher Surfer mit Ermittlerlizenz, er lebt in Pacific Beach, surft mit seinen Freunden, schaut auf die Wellen, liest Dostojewski und arbeitet nur, wenn das Geld für die Miete knapp wird. Seinen neuen Fall, die Suche nach einer verschwundenen Stripperin, will er zunächst nicht annehmen: Eine Monsterwelle rollt auf die Küste zu, die Welle seines Lebens. Bis zu ihrem Eintreffen muss die Stripperin gefunden und Boone auf dem Wasser sein. Doch Daniels kommt Menschenhändlern auf die Spur, die Pädophile mit kleinen mexikanischen Mädchen versorgen. Der Fall lässt den Detektiv nicht mehr los, vor Jahren, als er noch Polizist war, konnte er ein kleines Mädchen nicht aus den Fängen eines pädophilen Entführers retten. Seit diesem traumatischen Ereignis ist Boone Daniels nicht mehr derselbe, er hat den Job bei der Polizei quittiert und letztlich auch seine Beziehung zu der schönen Surferin Sunny. "Pacific Private" ist mehr als ein grandioser Krimi: Winslows Roman reißt den Leser mit wie die Monsterwelle die Surfer von Pacific Beach, er ist schnittig erzählt, brilliert mit eigenwilligen, facettenreichen Figuren und erzählt uns ganz nebenbei noch die Geschichte des Surfens, die soziologische Entwicklung an den kalifornischen Strände.

Drei Bücher, die das Klischee Privatdetektiv leuchten lassen.


Ken Bruen: "Jack Taylor fliegt raus".  Aus dem Englischen von Harry Rowohlt. Atrium Verlag; 302 Seiten; 16 Euro.
Warren Ellis: "Gott schütze Amerika".  Aus dem Englischen von Conny Lösch. Heyne Verlag; 304 Seiten; 7,95 Euro.
Don Winslow: "Pacific Private". Aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp Verlag; 9,95 Euro.