Literatur Andreas Maier
erwundert sei er. Ob der Möglichkeit, dass jemand sein Buch lesen wolle. Verwundert, trotz der gerade gedruckten fünften Auflage, trotz der enthusiastischen Rezensionen. Er habe bloß ein Buch geschrieben, sagt Andreas Maier. Eines, das die Menschen überhaupt nicht bräuchten. Denn es spiele nicht in Berlin, handle nicht von Menschen mit interessanten Leben, in die man sich hineinträumen wolle.
Maier, 33, schreibt im Konjunktiv, über 300 Seiten lang, ohne Absatz. Noch zwei Gründe, die sein Buch unmöglich machten, sagt er. Das sei keine falsche Bescheidenheit, bloß die Wahrheit, um die gehe es schließlich.
Der Autor erzählt von Menschen aus seiner Heimat, der Wetterau, nördlich von Frankfurt. Hier gäbe es neben Schnellstraßen und Langeweile vor allem Stammtischler, die viel redeten. Er erfindet einen Alten, der nie viel gesprochen habe und jetzt gestorben sei. Da könne einiges zu erben sein, glauben die Nachbarn. Weil sie lange warten müssen auf die Testamentseröffnung, beginnen sie, zu mutmaßen: Da sei wohl was gelaufen mit der Haushälterin; die Schwester des Toten jedenfalls habe ein uneheliches Kind. Jetzt, am Tag nach Pfingstmontag und dem Höhepunkt des dreitägigen Dorfbesäufnisses, wolle man das alles mal gesagt haben.
"Wäldchestag" heißt Maiers Roman, benannt nach dem Fest der Wetterauer. Es ist sein Debüt und eine kleine literarische Sensation.
Das mit dem Konjunktiv habe vielleicht so begonnen, sagt Maier: Gemocht habe er schon damals die Artikel in der "Wetterauer Zeitung", in denen so gewissenhaft berichtet wurde, absatzlos und in indirekter Rede. Über Geflügelschauen etwa. Da habe dann gestanden: "Henne A erhält den ersten Preis, weil dem Juror zufolge die Federn besonders auffällig gemustert seien." Das klänge doch wie Poesie, groteske Poesie, sagt Maier. Sein Roman habe diesen Ton bloß zu treffen versucht.
Dann sei alles sehr schnell gegangen: Der Autor, dessen Buch noch nicht veröffentlicht war, las beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Die Juroren waren beeindruckt von der sprachlichen Qualität, der unterschwelligen Ironie und kürten den Unbekannten.
Auch jetzt rede er am liebsten über das Reden, sagt Maier. Über die Sehnsucht, Anteil zu haben an Geschichten, an denen man keinen Anteil habe. Es werde zu viel geredet, findet Maier. Eine Kritik sei das nicht. Bloß eine Möglichkeit zur Einsicht.
Ein Autor wie sein Debüt: klug, verschmitzt, nie geschwätzig. Wie Philosophie liest sich beides, der Mann und sein Buch. Beide haben sie einen kraftvollen Sog, dem sich schwer zu entziehen ist. Dieser Absatz steht nicht im Konjunktiv. Er könnte wahr sein.