Literatur Annette Pehnt
ls sie kommt, ist sie auch wirklich da. Mit rot gemalten Lippen, über der Schulter eine Umhängetasche aus einem Dritte-Welt-Laden und die Augen ganz auf Beobachtung gestellt.
"Wie geht es Ihrem Baby?", fragt die Frau vom Literaturhaus, wo Annette Pehnt, 33, in wenigen Minuten an einer Gruppenlesung mit anderen jungen Autoren teilnehmen soll. "Mittelohrentzündung", sagt sie. Und obwohl sekundenlang eine Frage im Raum hängt, fügt sie dem nichts hinzu. "Ein Mädchen oder ein Junge?" "Ein Mädchen." Und während sie diese Antwort gibt, die mehr eine Grenzbestimmung als eine Information ist, schaut sie wach und freundlich.
Später, nachdem sie aus ihrem Buch "Ich muss los" gelesen hat, nachdem die Zuhörer ihren Protagonisten Dorst kennen gelernt haben, der als Junge das Alleinsein liebt und als junger Mann keine Nähe aushält, nachdem viele im Raum laut und ein wenig erschaudernd gelacht haben über die Szene, in der die Mutter zu Dorst sagt: "Jetzt machen wir beide es uns mal richtig gemütlich", da führt Pehnt ihre Abneigung gegen überflüssige Worte noch einmal sehr eindrücklich vor. Diesmal vor Publikum. "Ist es nicht so, dass man sagen kann ...", hebt jener Lektor an, der sie und ihren Roman vorstellt. Und vor lauter Begeisterung über die Vielschichtigkeit ihres Romandebüts beginnt er abzuschweifen und zu psychologisieren. Pehnt wippt dazu mit der Fußspitze, lässt ihn freundlich lächelnd und fast ein wenig gnadenlos durch seine komplizierten Sätze rudern. Als er zum Ende kommt, sagt sie: "Natürlich können Sie das so sagen." Mehr nicht.
Es ist genau diese Mischung aus Lakonie und Prägnanz, die auch ihren Roman auszeichnet. In verdichteten Sätzen umkreist sie das Leben von Dorst. Sie schaut zu, als Dorsts Vater sich zu Tode hungert, da ist der Junge sieben. Sie schaut zu, als er ein paar Jahre später seine erste Reise unternimmt und es jeden Tag auf den nächsten Tag verschiebt, zu Hause anzurufen, und sie schaut zu, als er auf einer seiner phantastischen Stadtführungen Elner trifft, eine Lehrerin, die er so gern lieben würde. Stets bleibt die Autorin eine Beobachtende, die nicht erklärt, sondern mit wenigen Worten entlarvt. "Ich bin Dorst nicht ganz auf die Schliche gekommen", sagt sie, "er lässt sich nicht entschlüsseln." Und es klingt, als wenn sie über eine verflossenen Liebe sprechen würde. "Es gibt eine Rätselhaftigkeit im Menschen, die sich nicht auflösen lässt."
Pehnt scheint genug Talent und Unabhängigkeit zu besitzen, um die junge deutschen Literatur um diese Rätselhaftigkeit zu bereichern. Nicht nur in ihren Büchern, sondern auch als Mensch. Denn bevor sie zu viel von sich preisgeben könnte, ist sie schon wieder weg.
Claudia Voigt
"Ich muss los". Piper Verlag, München; 128 Seiten; 29,80 Mark.