Literatur Antje Rávic Strubel
a, sie fährt gern Ski. Ja, sie liebt Frauen. Und ja, sie war für zwei Jahre in New York und arbeitete dort an einem kleinen Theater. Aber autobiografisch seien ihre Bücher deshalb trotzdem nicht, sagt Antje Strubel, 27.
Zwei Bücher hat Strubel bisher veröffentlicht. "Offene Blende" heißt das erste. Es erzählt von Christiane, der es Mitte der achtziger Jahre gelingt, die DDR Richtung New York zu verlassen. Dort baut sie ein Off-Off-Theater auf und verliebt sich in die westdeutsche Fotografin Leah. In Strubels zweitem Roman "Unter Schnee" reisen zwei Frauen nach Tschechien zum Skifahren. Ihre erkaltende Liebe zueinander kurbelt die Phantasie der Menschen in dem kleinen Touristenort an.
Beide Bücher hat sie als Antje Rávic Strubel geschrieben, die derselbe Mensch ist wie Antje Strubel, aber eben doch nicht ganz. Den Namen Rávic hat sie sich als Schriftstellerin hinzukomponiert. Er klingt klar und scharfkantig und ein wenig melancholisch, so wie ihre "Schreibexistenz sich anfühlt". Schreiben ist für sie ein Schwebezustand zwischen sich selbst und dem, was schließlich auf dem Papier steht. Da bricht ein gelungener Satz plötzlich eine verblasste Erinnerung auf, und ein diffuser Gedanke, der schon lange in ihrem Hirn lauerte, wird durch eine Formulierung lebendig. Und wenn die Worte aneinander gereiht sind, erscheinen ihr jene Momente, die sie aus ihrem Leben kennt, plötzlich neu und fremd.
Strubels Bücher leben von den Worten. Es ist weniger die Geschichte, die zum Weiterlesen treibt, als die Vorfreude auf den nächsten klugschönen Satz. "Vertrauen heißt, es auszuhalten, dass die Dinge vorbeigehen", steht da plötzlich. Acht Wörter, in denen sich Traurigkeit und Zuversicht bündeln, Erfahrung und Gelassenheit. Dafür nimmt man auch jene Passagen in Kauf, in denen die Handlung weitergeschubst wird und der Leser es der Handlung anmerkt. Strubel weiß um diese Schwäche. Immer wieder überarbeitet sie ihre Texte, den Roman "Offene Blende" würde sie mittlerweile am liebsten noch mal "unglaublich" kürzen.
"Genie ist leider sehr selten." Das hat sie schon als Schülerin begriffen. Damals schickte ihre Deutschlehrerin sie zweimal pro Jahr ins Poetenlager. Dort jagte man den Begabten die Flausen aus und brachte ihnen Handwerk bei. Zurück in Potsdam schrieb sie weiter an ihren Geschichten und schrieb und schrieb und schreibt und schreibt. Höchstens zwei Wochen Urlaub gönnt sie sich im Jahr. Auch weil sie schlechte Laune bekommt, wenn sie zu lange nichts zu Papier bringt. Ja, Antje Strubel wäre unglücklich, wenn sie nicht auch Antje Rávic Strubel sein könnte.
Claudia Voigt
"Unter Schnee". Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 160 Seiten; 24 Mark.