Literatur Elena Lappin
Dass die Geschichte für sie nicht gut ausgehen kann, das hätte Natasha ahnen können. Um sie herum lauter alte jüdische Männer, ein Panoptikum der Vergangenheit. Auf ihrem Schreibtisch Briefe von Möchtegern-Juden, Hobby-Poeten und eine gut gemeinte Morddrohung von einem C. Trotzdem nimmt sie den Job als Chefredakteurin bei der jüdischen Zeitschrift "Die Nase" in London an. Oder gerade deshalb. Denn Geheimnisse existieren, um sie zu lüften, Widerstände, um sie zu überwinden. Die Autorin Elena Lappin, 47, ist ihrer Heldin Natasha, natürlich, den entscheidenden Schritt voraus. Sie erfindet verhängnisvolle Wahrheiten und tiefe Abgründe und hat großen Spaß daran, ihre Heldin und die Leser in eine immer ungeheuerlicher werdende Geschichte zu treiben. Dem Reiz des Ungelösten und scheinbar Unüberwindbaren kann aber auch Lappin nur schwer widerstehen. Ein halbes Jahr lang recherchierte die Autorin beispielsweise die Lebensgeschichte des Schweizers Bruno Doessekker alias Binjamin Wilkomirski, der behauptete, KZ-Häftling in Auschwitz gewesen zu sein. Sie fragte und forschte so lange, bis sie eine andere, auch sehr traurige Wahrheit zu Tage förderte und aus dem geplanten Artikel ein Buch wurde. "Ich finde immer einen Weg, um herauszubekommen, was ich herausbekommen will", sagt Lappin und lacht ihr hüpfendes Lachen, wie immer, wenn die Dinge kompliziert werden. Seit 1993 lebt sie in London. Geboren ist sie in Moskau, Abitur machte sie in Hamburg. Dazwischen lagen noch ein paar Jahre Prag. Später zog sie nach Israel, nach Kanada und in die USA. Am liebsten allerdings würde sie an einem Strand leben. Mit ihren Eltern spricht sie Russisch, mit ihrem Bruder Tschechisch, mit ihrem Mann und ihren drei Kindern Englisch, und Deutsch kann sie auch. Es ist eine ereignisreiche Biografie, aber Lappin findet es überflüssig, ihr lange hinterherzugrübeln. "Ich habe aufgehört, mich für meine Identität zu interessieren", sagt sie, "ich habe verschiedene kosmopolitische Erfahrungen gemacht und bin, wer ich bin." Dass es ein langer Weg sein kann hin zu so viel Abgeklärtheit, beschreibt sie sehr eindrucksvoll in ihrem ersten Erzählungsband "Fremde Bräute". Die Geschichten handeln von Frauen, die mit ihren Männern in deren Heimat ziehen und dort versuchen, den Faden ihres eigenen Lebens wieder aufzunehmen. Manchen gelingt dies nicht, denn ihnen fehlt, was vielleicht Lappins herausragende Eigenschaft ist: Mut. Aber auch vom Scheitern und vom Unglück erzählt Lappin stets leicht und unterhaltsam. Und schickt ihre Heldin Natasha guten Mutes in den Tod. Claudia Voigt
"Natashas Nase".