Literatur Ewige Sehnsucht
Als Sybille Lewitscharoff im Frühjahr 2000 nach Rom kam, wollte sie einen anderen Roman schreiben. Über Rudolf Borchardt, über Dantes "Comedia" und über ein Pfingstwunder. Aber auf langen Spaziergängen durch die Stadt zerfiel die Idee, sie kam ihr plötzlich albern vor und konstruiert. Rom tat seine Wirkung. "In einem Steinhaufen ist hier die europäische Geschichte versammelt", sagt Lewitscharoff, 48. Sie lief umher, allein, stundenlang, tagelang, wochenlang. In ihrem Kopf wuchs die Lebensgeschichte von "Montgomery", einem erfolgreichen Filmproduzenten, der in der Cinecittà das Leben Joseph Süß Oppenheimers noch einmal verfilmen will, als großes Epos und als noch größere Abrechnung mit seiner Heimatstadt Stuttgart.
Lewitscharoff erhielt 1998 den Bachmann-Preis für "Pong", der Geschichte eines Verrückten, der die Welt zurechtrücken will. Der Wahnsinn Montgomerys ist sehr viel subtiler, er zeigt sich in den Zwängen, die sein Leben dominieren: Der Frühstücksbrei muss perfekt zubereitet sein, entspannen kann er sich nur in den Polstern seines französischen Wagens, und als eine junge Sekretärin ihm Blumen schenkt, wirft er den Strauß samt Vase aus dem Fenster. Zwischen sich und der Welt hat Montgomery eine Mauer hochgezogen, die in den letzten Tagen seines Lebens zu bröckeln beginnt. Von diesem Bröckeln erzählt Lewitscharoff. Sie lässt Montgomery in den Strudel des Lebens geraten, blendet zurück auf seine Kindheit in Stuttgart und wieder über auf die entgleisenden Ereignisse in Rom. Am Ende seines Daseins und am Ende dieses beeindruckenden Romans widerfährt Montgomery, wonach er sich immer gesehnt hat: durch Rom und das Leben nicht nur zu spazieren, sondern davon aufgenommen zu werden.
Claudia Voigt
"Montgomery". Deutsche Verlags-Anstalt, München; 352 Seiten; 19,90 Euro.