Literatur Hundert Meter Einsamkeit
er Blick aus meinem Fenster, der mir am besten gefällt, ist der aus dem hinteren Fenster im ersten Stock; von dort sehe ich auf einen Garten mit hoher alter Steinmauer, hinter dem ein Kanal des Loing-Flusses verläuft. Mehrmals täglich fahren Lastkähne auf dem Kanal, von links nach rechts, wenn Paris ihr Ziel ist. Wenn das Fenster geschlossen ist, ziehen die langen Kähne, die mit Holz, Öl und Kohle oder mit Autos beladen sind und auf deren Deck oft eine Leine voller Wäsche gespannt ist, lautlos vorbei, nahe genug, dass ich ihre Namen entziffern kann: MÉDOC, ANTIBES, CASTOR. Die MÉDOC ist besonders geschäftig.
Aus den Vorderfenstern und durch die Glasscheiben in meiner Tür sehe ich auf einen ungepflasterten Hof mit ein paar Bäumen und einer alten eisernen Wasserpumpe, die nicht mehr in Betrieb ist. Mein Haus gehört zu dem Halbkreis ehemaliger Bauernhäuser eines Gutshofes, die alle verschieden aussehen. Eines gehört einem Paar aus Paris, das nur an den Wochenenden kommt. In zwei kleineren Häusern wohnen zwei alte Witwen. Von den insgesamt sieben Häusern besitzen nur zwei einen Telefonanschluss, meines und das meiner unmittelbaren Nachbarin, einer Engländerin. Hin und wieder laden sie und ich einander auf einen Drink vor dem Abendessen ein. Mit dem Pariser Paar habe ich mich nicht weiter angefreundet, obwohl die beiden angenehme Nachbarn sind.
Abgesehen von Parisern, die hier ihr Wochenendhaus haben, besteht das Dorf aus Arbeiterfamilien, und sie arbeiten in den Fabriken, die glücklicherweise außerhalb meines Gesichtsfelds liegen. Es gibt eine Sprengstofffabrik, eine Kunststofffabrik und zwischen meinem Dorf und Grez-sur-Loing (das einen Kilometer entfernt liegt und im Unterschied zu meinem Dorf ein Postamt besitzt) Kiesgruben, wo Kies und Sand für Betonwerke gefördert werden.
Dass es eine Arbeitergegend ist, kann man an den Angeboten im Intermarché ablesen, dem Supermarkt, der zwischen meinem Dorf und dem vier Kilometer entfernten Nemours liegt. Weltläufigkeit zeichnet ihn nicht aus, und wer dort nach italienischen oder mexikanischen Spezialitäten sucht, der hat Pech gehabt. Ich kaufe dort Huhn und Kaninchen für meine zwei Katzen, und es gibt gutes Gemüse und Früchte der Saison. Weder in meinem Dorf noch in Grez gibt es eine Drogerie oder ein Haushaltswarengeschäft. Dafür muss man nach Nemours fahren, und dafür braucht man ein Auto.
Wenn Journalisten mich fragen, warum ich in diesem Dorf lebe, muss ich zugeben, dass ich es nicht weiß, sieht man davon ab, dass es in meiner unmittelbaren Nachbarschaft ruhig ist. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass man trotz der Ruhe nur eine Auto- oder Zugstunde von Paris entfernt ist. Dass ich nur mit wenigen Nachbarn auf vertrautem Fuß stehe, ist auch nach meinem Geschmack, weil ich abends arbeite, nach dem Abendessen, und das jeden Tag in der Woche. Das Leben in Frankreich bedeutet einen ununterbrochenen Papierkrieg, und deshalb liebe ich die Sonntage als Arbeitstage, weil ich sonntags keine Post bekomme und sogar die Bürokraten an diesem Tag nicht arbeiten.
Die Atmosphäre in meinem Dorf und auch in Grez-sur-Loing ist entschieden "ländlich". Beim Metzger von Grez und in der Post ist immer Zeit für einen Schwatz; sobald zwei Leute zusammentreffen, beginnen sie gleichzeitig zu sprechen, so wie Phosphor sich entflammt, wenn er mit Sauerstoff in Verbindung kommt. Das Postamt dient neben seiner eigentlichen Funktion als Rentenkasse und als Einzahlungsschalter. Manchmal muss ich so lange warten, dass ich vergesse, warum ich gekommen bin (meistens, um Briefmarken zu kaufen), und nicht wenige Schreibprobleme habe ich gelöst, während ich dort wartete.
Was mögen meine Nachbarn von mir denken? "Ach, diese geistesabwesende Engländerin oder Amerikanerin? , die ganz allein lebt?" Man nennt mich Patricia, weil das leichter auszusprechen ist als mein Nachname. Dorfbewohner, denen ich nie zugetraut hätte, dass sie von meiner Existenz wissen, können Fremden den Weg zu meinem Haus zeigen, der nicht so leicht zu finden ist, da es in unserem Dorf keine Hausnummern gibt.
Ich habe keinen Fernseher; lebte ich in England, hätte ich einen. Ich habe im ersten Stock ein Transistorradio und im Erdgeschoss ein besseres Radio sowie ein Grammophon. Ein weitgehend unmöbliertes Zimmer im ersten Stock ist mein so genanntes Schreinerzimmer. Ein langer Tapeziertisch dient zum Verpacken von Büchersendungen und Paketen, und es gefällt mir, alles in Reichweite zu haben, was ich benötige: Packpapier und Schnur, Sägen, Nägel, Schraubenzieher, Meißel, Schmirgelpapier und sogar Wasserfarben und Pinsel. "Einsam" bin ich fast nie, und wenn, dann kann ich keinen Nachbarn aufsuchen, weil er, sie oder beide verreist sind. Einsamkeit ist ein Seelenzustand, kein Sachverhalt. Man kann in einer Großstadt einsam sein, und das ist wohl die schlimmste aller Einsamkeiten, weil der Einsame keinen Grund dafür erkennen kann. Auf dem Land, vorausgesetzt, man ist gern dort und hat eine Beziehung dazu, gibt es immer alles Mögliche zu tun, im Haus und im Freien, was den Seelenzustand verändern hilft. Die Einsamkeit, die mich so selten heimsucht, ist durch Fernsehen oder den Besuch eines Lokals nicht zu lindern.
Im Januar stellte ich fest, dass es nicht ungefährlich ist, allein zu leben, selbst mit Telefonanschluss. Eines Vormittags bekam ich Nasenbluten; zuerst nahm ich es nicht allzu ernst, doch nach ein paar Minuten floss das Blut in Strömen. Meine nächste Nachbarin war nach Paris gefahren; alle anderen waren zur Arbeit gegangen. Ich machte mich zu einer der netten alten Witwen auf und bat sie, von meinem Telefon aus einen Arzt anzurufen. Madame M. sagte, sie könne die 30 Meter bis zu meinem Haus nicht gehen, weil sie am Vortag gestürzt war und noch immer unter Schwindelgefühlen litt. Ich hatte zu telefonieren versucht, aber das Blut schoss so schnell heraus, dass ich die Wählscheibe nicht lesen konnte. Ich lief in Pyjama und Bademantel auf die Straße vor unserem Hof, ein Geschirrtuch gegen mein Gesicht gepresst, um einen Passanten anzusprechen. Am Straßenrand stand der Lieferwagen des Metzgers, und ich bat eine Frau aus dem Dorf, die dort einkaufte, für mich zu telefonieren. Sie sagte, sie habe noch nie ein Telefon benutzt. Eine zweite Frau sagte zum Glück, sie habe ein Telefon und wohne nur ein paar Meter entfernt. Sie nahm mich mit nach Hause, wo ich in ihre Küchenspüle blutete, während ihr Mann den Landarzt zu erreichen versuchte, der ein paar Stunden wöchentlich für unser Dorf zuständig ist. Er war aus irgendwelchen Gründen nicht zu erreichen, und der Nachbar rief die Feuerwehr an. Nach sieben Minuten waren die Feuerwehrmänner aus Nemours da, was mir sehr imponierte. Das Nasenbluten brachte mir einen neuntägigen Krankenhausaufenthalt ein. Und am Tag nach meiner Heimkehr erschien die Frau, die mich gerettet hatte, mit einer Tasche voller Obst und mit meinem gewaschenen und gebügelten Geschirrtuch. Diese unerwartete Herzlichkeit rührte mich sehr. Jedes Volk hat seine eigene Art, herzlich oder abweisend zu sein. Ein paar Jahre lang habe ich in Suffolk in England gelebt. Dort wirken die Leute abweisend, weil sie die Privatsphäre so ernst nehmen. In Suffolk gehört es sich nicht, Fremde anzusprechen. In Frankreich kann man wortreich mit jedermann parlieren, ohne viel zu sagen oder dem anderen näher zu kommen. Doch in Notfällen sind die Franzosen mitfühlend und tatkräftig, jedenfalls auf dem Land.
In den Jahren, die ich hier verbracht habe, wurde die Gegend zunehmend durch Kiesgruben ausgehöhlt allen Protesten der örtlichen Ökologen, zu denen ich zähle, zum Trotz , und inzwischen besteht das abscheuliche Vorhaben, mein Dorf als Teil von Nemours einzugemeinden. Sogar in Frankreich wächst die Bevölkerung jeden Tag, und für Menschen, die zurückgezogen leben wollen, bleibt nur der Rückzug, obwohl dies bedeutet, dass es immer schwieriger werden wird, einen Bahnhof oder Flughafen zu erreichen. Hier, wo ich lebe, gefällt es mir; sonst wäre ich nicht hier.
Von Patricia Highsmith
Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz.
1980, © Patricia Highsmith und Diogenes Verlag AG Zürich.
Im März erscheinen im Diogenes Verlag die ersten vier Bände der neuen Patricia-Highsmith-Gesamtausgabe: unveröffentlichte Erzählungen ("Die Stille Mitte der Welt") und die neu übersetzten Romane "Der Schrei der Eule", "Zwei Fremde im Zug" und "Das Zittern des Fälschers".