Literatur Im Märchenwald
Die Mauer gab es schon seit Jahren nicht mehr. Claudia Rusch war nach Paris gereist, sie war in der Berliner Waldbühne gewesen bei einem Konzert von Neil Young, und sie hatte sich in einen Niederländer verliebt, die DDR war nur noch eine Erinnerung. Da fuhr sie mit ihrer besten Freundin nach Rügen. Als Kind hatte sie hier gelebt, sie saß damals im Arm ihrer Mutter am Strand und schaute der Schwedenfähre nach. Die Freundin sagte: "Wir schreiben jeden Abend eine Geschichte, nur so zum Spaß." "Ich kann das nicht", dachte Rusch, 31. Und schrieb ihre erste Geschichte. Als sie während dieses Urlaubs eines Abends wieder die Schwedenfähre vorbeifahren sah, dachte sie sich: "Du und ich, viel passiert seitdem." Davon handelt ihr Buch.
"Meine freie deutsche Jugend" erzählt vom Großwerden in der DDR. Es ist ein leichtes, helles, amüsantes und völlig unsentimentales Buch. Anders als Jana Hensel ("Zonenkinder") erzählt hier eine Autorin, die sich nicht zurücksehnt. "Da ist überhaupt nichts, was ich hätte mitnehmen wollen aus der DDR", sagt Rusch, "es war ein durch und durch unfreies Land." Aber Rusch ist auch ohne jede Bitterkeit, und sie würde ihre Kindheit "auf keinen Fall" tauschen wollen gegen eine aus dem Westen.
Sie und ihre Mutter lebten zu zweit. Als ihr "zweiter Vater" kam, war Rusch elf Jahre alt. Die Mutter gehörte zum Freundeskreis von Katja und Robert Havemann. "Sie war keine Dissidentin", sagt Rusch, aber die Stasi parkte praktisch ständig vor ihrer Haustür. In der Erzählung "Die Hauptabteilung VIII im Märchenwald" erinnert sich Rusch, wie sie als Siebenjährige ihre Oma allein vom Bus abholte. Die Haltestelle war nicht weit, aber der Weg war dunkel. Ihre Mutter ließ sie gehen, folgte allerdings mit Abstand. Den Männern von der Stasi kam das verdächtig vor, sie hefteten sich an die Fersen der Mutter. Vorneweg eine singende Siebenjährige, hinter ihr ein seltsamer Zug von Verfolgern. Da sich Rusch in ihren Erzählungen nur so viel Reflexion zugesteht, wie es dem Alter der Ich-Erzählerin auch entspricht, gelingen ihr unbekümmerte Momentaufnahmen der DDR, die von großer Klarheit sind.
Claudia Voigt
"Meine freie deutsche Jugend". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 160 S.; 14,90 Euro.