Literatur Joe Fiorito
Jeden Morgen, wenn der Tag sich über die große Stadt zu legen begann, verließ er sein Haus in Montreal, um den Verlierern und Helden des Augenblicks bei ihren täglichen Überlebenskämpfen zuzusehen. Jahrelang war Joe Fiorito, Journalist der "Gazette", spezialisiert auf Frontberichte staubtrockene Schnappschüsse aus der Großstadt, die mal anrührend, mal kurios waren und so gut, dass sie ihm den Ruf als Kolumnenkönig von Kanada eintrugen.
Für Fiorito, 1948 als Sohn italienischer Einwanderer in Thunder Bay geboren, hätte es immer so weitergehen können: zwei Kolumnen pro Woche, Leser, die ihn verehrten und ein Job, bei dem er mitmischen konnte auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Wäre 1995 nicht sein Vater Dusty an Krebs gestorben. Lustlos schrieb Fiorito die Zeilen voll und hielt sich das Leben vom Hals mit dem Lesen von japanischen Gedichten. Weil ihn die Geschichten seines Vaters aber nicht losließen, beschloss er, das Leben seiner Familie zu erzählen. 16 Monate brauchte er für "Die Stimmen meines Vaters", seinen ersten Roman. Danach hatte er den Schmerz besiegt. "Erst da begriff ich, dass er tot ist", sagt er heute.
Fioritos Erinnerungsliteratur gehört zum wohl Schönsten, Wildesten, was das Genre derzeit zu bieten hat. "Es war leicht und schwer zugleich, das Buch zu schreiben", sagt Fiorito. "Leicht, weil mir seine Geschichten vertraut waren; schwer, weil ich in den letzten drei Wochen mit meinem Vater alles noch einmal durchleben musste. Er hat mich das Sterben gelehrt."
Fioritos künstlerische Selbstkasteiung hat sich ausgezahlt: In einem wahnwitzigen Erinnerungsfeuerwerk bilanziert er die Legende seines Vaters eines eigenbrötlerischen Feuerkopfs und Frauenhelden. Eingebettet ist sie in die Saga der Fiorito-Brüder, die vor zwei Generationen Italien verließen, um in der Neuen Welt grandios zu scheitern. "Sie waren eine Ansammlung von Spinnern Säufer, Schnapsbrenner, blendende Betrüger", sagt Fiorito über die Fioritos: "Sie wollten zu viel und haben am Ende das Wenige, das sie erreichten, nicht ertragen." In seinem Buch hat sie der Autor zu einem schluchzenmachenden Kunstwerk vereint, das mal an Frank McCourts "Die Asche meiner Mutter" erinnert, mal an Luchino Viscontis Film "Rocco und seine Brüder".
"Jede Erinnerung ist eine Form der Wiederentdeckung", sagt Fiorito. Wenn er heute in seinem Haus in Toronto sitzt und den Blick über die Stadt gleiten lässt, die ihm täglich ihre Geschichten erzählt, hat seine Arbeit als Kolumnist wieder Sinn. Lebensgeschichten sind immer auch Geschichten vom Sterben. Damit kennt Fiorito sich jetzt aus.
Peter Henning
"Die Stimmen meines Vaters". Alexander Fest Verlag; 384 S.; 44 Mark.