Literatur: Leise Fragen - DER SPIEGEL
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Literatur Leise Fragen

Die Berliner Schriftstellerin Katja Oskamp erzählt von der Wende im eigenen Leben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es sollte kein Buch über die DDR werden. Katja Oskamp, 33, wollte weder abrechnen mit diesem verschwundenen Staat noch um ihn trauern. "Ich wollte Erlebnissen nachgehen, die mein Leben beeinflusst haben. Ich hielt das für eine ganz persönliche Angelegenheit." Ziemlich bald allerdings stellte sich heraus, dass das Private eben doch politisch war. Es konnte auch gar nicht anders sein, denn Oskamp, in Leipzig geboren, ist als Tochter eines hohen NVA-Offiziers und einer Schuldirektorin in Berlin-Ost aufgewachsen. Die Eltern glaubten an die SED und an die DDR, und sie wollten ihrer Tochter einen möglichst schönen, ebenen Weg in den real existierenden Sozialismus bereiten. Niemals stand im Hause Oskamp der Staat zur Disposition. "Es hat sehr lange gedauert, bis ich mir die ersten leisen Fragen stellte." Mühsame Fragen. "Man liebt ja als Kind seine Eltern, ist stolz auf sie. Und je mehr mein Denken in eine andere Richtung ging, je kritischer ich wurde, desto schwerer wurden auch die Vorwürfe, die ich mir selbst machte: dass ich undankbar wäre, meine Eltern verraten würde."

Die Erkenntnis und der Mut, dafür einzustehen, kamen in kleinen Schritten. So wie sich auch in den neun Erzählungen ihres Buches "Halbschwimmer" die politische Realität ganz leise, manchmal fast lapidar in das Leben der Figuren hineinschleicht. Über mehrere Jahre hinweg folgt Oskamp in diesen Geschichten ihrer jungen Heldin: Aus dem Mädchen, das mit 13 noch nicht weiß, was für einen Beruf der Vater eigentlich hat, wird schließlich eine junge Frau, die sich den Plänen der Eltern verweigert und mit der Wende den Kontakt ganz abbricht. Obwohl vieles von dem, was Oskamp erzählt, aus ihrem eigenen Leben stammt, schreibt sie keine autobiografische Erinnerungspoesie. Mit knapper, klarer Sprache erfasst sie das Komische des durchpolitisierten DDR-Alltags, ohne es lächerlich zu machen, und stellt bei aller Wut doch niemanden bloß. Ein reifes Debüt.

Silja Ukena


"Halbschwimmer". Ammann Verlag, Zürich; 192 Seiten; 18,90 Euro.