Literatur Mianmian
s ist längst nach Mitternacht und Englisch eine schwere Sprache, wenn man sie nie richtig gelernt hat. Mianmians Stimme ist heiser, am Telefon klingt sie fast wütend. "China ist hungrig nach einem bad girl", sagt sie, "deshalb gibt es hier viele Mädchen, die ihr Bestes geben." Die penetranteste sei Wei Hui. Die ist zurzeit in aller Munde wegen "Shanghai Baby", ihrem von der Partei verbotenen Underground-Bestseller. "Die Idee hat sie von mir geklaut", schimpft Mianmian. "Wei Hui hat studiert, und ihr Vater ist reich; von unserem Leben hier versteht sie nichts." Außerdem sei Literatur die Chance der chinesischen Jugend keine Bühne für Selbstdarsteller.
In einem Reich, in dem alles gleich zu sein hat, wehrt sich eine der begabtesten Jungautorinnen gegen den Vergleich mit Trittbrettfahrern. Mianmian, 30, und Wei Hui, 27, haben viel gemeinsam: Beide erzählen vom Leben am Rande der Gesellschaft, beider Werke sind verboten und heiß gehandelt auf dem Schwarzmarkt. Literarisch vergleichbar aber sind sie kaum.
Weil es nur eine Chronistin des "neuen wilden Lebens in China" geben kann, wenn es darum geht, die Buchrechte ins Ausland zu verkaufen, kennen die chinesischen Medien seit diesem Frühjahr nur eine Frage: Wer ist das bessere Schanghai-Baby? Das versperrt den Blick auf Mianmians Bücher und das haben sie nicht verdient.
Mianmians Prosa ist so, als hätte es Mao nie gegeben. Sie schreibt von Dingen, die offiziell nicht sein dürfen. In "La la la", ihrem Kurzgeschichtenband, erzählt sie von Menschen jenseits des Kollektivs, von Geschichten, die ihren Preis haben. Es geht um die Freiheit, die den "Verlust der Kontrolle" mit sich bringt, um rauschhafte Nächte und Abstürze ins Drogenelend. Radikal offen, aus kühler Distanz ist das beschrieben, und trotzdem voll poetischer Sanftheit traditioneller chinesischer Dichtung. Vieles ist autobiografisch, nur dass Mianmians wahres Lebens noch härter war. Sie ging in den Kindergarten, als Mao starb. Mit 17 schmeißt sie die Schule, verstört vom Selbstmord einer Freundin. Sie organisiert Partys, hat viele Männer, ist auf Heroin. Die Droge versaut ihre Stimme und verletzt die Seele. Nach drei Jahren schafft sie den Entzug. Sie ist 24 Jahre alt und hat ihr Heilmittel gefunden, das Schreiben.
"Mein Leben ist leichter jetzt", sagt Mianmian heute. Gerade kam ihre Tochter zur Welt, sie gab ihr den Namen Prudence, Lebensweisheit. Nachts, wenn die Erinnerungen an das frühe, kranke Leben wiederkommen und das neue endlich schläft, sitzt sie am Computer. Die Geschichte ihres nächsten Romans will sie nicht verraten, aus Angst vor den Schanghai-Babys. Die Grausamkeit der Jugend, so viel ist sicher, wird wieder ihr Thema sein. Fiona Ehlers
"La la la". Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln; 184 S.; 16,90 Mark.