Literatur Michael Lentz
Im China-Restaurant mit Michael Lentz. Er ist mit dem Fahrrad gekommen und bestellt Rindfleisch mit Bambus und Zwiebeln, dazu einen Spezi. Noch bevor das Essen kommt, serviert er Verständnishilfen zu seinem Buch "Muttersterben". Alle Texte hätten etwas zu tun mit dem Dritten Reich, mit Grenzerfahrungen, Verlust und Denkmälern. Von Celan ist die Rede, von brauner Erde, von Bismarck, von Romantik und Nietzsche, von doppelten Ebenen und schraffierten Schaubildern. Er spricht schnell, er spricht viel und trotzdem kein überflüssiges Wort. "Haben Sie das alles so gelesen?" Zum Glück bringt die Kellnerin in diesem Moment erst mal die Suppe. Im Sommer vergangenen Jahres hat Lentz, 37, in Klagenfurt den Bachmann-Preis gewonnen. Er nahm damals zum zweiten Mal an dem Wettbewerb teil und ist nur deshalb noch mal nach Klagenfurt gereist, weil er gewinnen wollte. "Sportsgeist" nennt er das. Im Gepäck hatte er die Erzählung "Muttersterben", die seinem gerade erschienenen Prosaband den Titel gibt. Er beschreibt darin, wie sein Vater ihm am Telefon den Tod der Mutter mitteilt, er beschreibt, wie sie bei seinem letzten Besuch genau aussah, wie sich der Krebs vom Darm zur Leber ausbreitete, er beschreibt seine eigene "Losigkeit" und wie seine Mutter die Kontrolle über ihren Körper verlor. Seine Formulierungen sind so genau, dass sie schmerzen, sie rühren an und verleihen der Mutter große Würde. Mit dieser Erzählung und dem darauf folgenden Prosastück "Kein Zusammenhang" hat er ihr ein Denkmal gesetzt. Denkmal. Verlust. Grenzerfahrung ganz selbstverständlich fügen sich seine Themen in diesen beiden Erzählungen zusammen. Andere Texte in dem Buch sind sperriger, artifizieller, konstruierter. "Ich will formbildend sein", sagt Lentz. Das gelingt ihm vor allem in seinen Lesungen. Virtuos rast er da durch seine Texte, riskiert, dass er und seine Literatur fast kollabieren, legt aber auf diese Weise deren Struktur und Musikalität beeindruckend bloß. Er experimentiere mit den Grenzen der Wahrnehmung, sagt Lentz, seinen eigenen wie denen seiner Leser und Zuhörer. Während er über Wahrnehmungsgrenzen doziert, fragt die asiatische Kellnerin, ob wir noch Kaffee möchten. "Einen doppelten und einen einfachen Espresso". Fragender Blick. "Einmal zwei und einmal einen Espresso", fügt er hinzu. "Drei Espresso?", fragt sie. Und serviert schließlich einen Dreifachen. Lentz freut sich über diese Szene. Am liebsten würde er die Kellnerin auf Band aufnehmen. "Jeder bringt seinen Bewusstseinsstrom, und deshalb sind 90 Prozent eines Gegenübers nicht vermittelbar", sagt Lentz. Manchmal sind es noch einige Prozent mehr. Claudia Voigt
"Muttersterben". S. Fischer Verlag, Frankfurt/M.; 192 Seiten; 18 Euro.