Literatur Michael Wallner
Er zieht sich kein langes Nasenhaar mit der Zunge in den Mund und knabbert darauf herum. Er nimmt seine Freundin nicht am Gitterbett ihres behinderten Sohns von hinten. Das machen nur Michael Wallners Romanfiguren. Er selbst fährt seine schwarze Lederjacke auf der roten Yamaha durch Berlin und schwärmt vom Sonnenlicht, das durch das Blätterdach brandenburgischer Wälder fällt. So weit ein ganz normaler Mann, mit schickem Stammcafé und selbst renovierter Altbauwohnung. Ein Mann mit geradem Blick und Zähnen wie ein Zweitklässler, zu groß und weiß fürs Gesicht. Einer, dem man wirklich nicht ansieht, dass sein Gehirn von seltsamen Phantasien überkocht, die verrückte Magier, fliegende Frauen und untote Schauspielerinnen aufs Papier fließen lassen. Erst jetzt, mit 42 Jahren, veröffentlicht Wallner seinen ersten Roman "Manhattan fliegt", in dem all diese Figuren vorkommen. Doch es gab Vorboten der Fabulierwut: Sie waren zwei Jahrzehnte auf Bühnen von Berlin, Wien, Bochum und Hamburg zu sehen, wo Wallner erst als Schauspieler, dann als Regisseur erfolgreich war. "Meine Phantasien versuchte ich, in die Inszenierungen zu tun, aber die waren oft der falsche Ort", sagt er. "Ich habe einen ,Don Giovanni' gemacht, der war crazy und geil, es hat ihn nur keiner verstanden." In seiner Romanwelt kann Wallner nun endlich behaupten, was er will. Das tut er mit so viel Genuss und Autorität, dass man ihm gern glaubt, gewisse Menschen alterten nicht und andere könnten mit ihrem Körper Strom in jeder Stärke erzeugen. Magischer Realismus, reale Magie, Zeitebenen vermischen sich in diesen Universen, Wahnsinn prallt auf krümelkackende Vernunft und erzeugt Humor. Angst vor seinen Phantasien kennt Wallner nicht. Wahrscheinlich, weil sie so fest auf dem Boden der Tatsachen stehen. Esoterik nämlich liegt ihm fern. Es ist vielmehr die theoretische Physik, die seine Phantasien in Gang setzt. "Physiker rechnen heute mit elf Dimensionen das kann sich doch keiner mehr vorstellen", sagt Wallner, der lieber Stephen Hawkings kosmologische Theorien liest als John Irvings versponnene Romane. Die sind ihm "nicht krank genug". Ein Tag mit Versicherungstelefonaten versetze ihn in "grippeähnliche Zustände", behauptet er. Hingegen verbrachte er für "Manhattan fliegt" zwei Wochen in einem dusteren Hotelzimmer in New York, phantasierte einsam vor sich hin und fühlte sich "superwohl". "Ich muss in Welten gehen, von denen manche sagen, dass es sie nicht gibt", sagt er. Nett, dass er uns endlich dahin mitnimmt. Nina Freydag
"Manhattan fliegt". Reclam Verlag, Leipzig; 320 Seiten; 16,90 Mark. Erscheint am 25.7.