Literatur Nebel und Packpapier
Seit ihrer Kindheit spricht sie Portugiesisch, und in ihrem Arbeitszimmer füllen die Wörterbücher mehrere Regalmeter. Aber manchmal hilft ihr das alles nicht weiter.
Maralde Meyer-Minnemann, 58, übersetzt den portugiesischen Dichter António Lobo Antunes ins Deutsche. In unserer sperrigen Sprache trifft sie die Melodie seiner gurrenden poetischen Sätze, und für die Flut seiner Metaphern findet sie mitreißende Bilder. Das sei ein gleichermaßen intuitiver wie intellektueller Vorgang, sagt sie.
Aber hin und wieder hilft der Zufall. In einem seiner Romane beschrieb Antunes einen Nebel wie Packpapier. Zum Glück hatte Meyer-Minnemann aus Portugal mal ein Päckchen verschickt und wusste, dass Antunes keinen giftigen, gelben Smog im Sinn hatte, sondern dichten Waschküchendunst, denn in Portugal ist das Packpapier grau.
"Ich muss in den Kopf eines Autors kriechen und mit seinen Augen sehen", sagt Meyer-Minnemann. "Dann versuche ich die Farbe seiner Sprache anzunehmen und einen deutschen Stil für ihn zu erfinden."
Im Fall von Antunes gelingt ihr das seit mehr als zehn Jahren besonders gut. Vielleicht, weil er immer schon zu ihren Lieblingsautoren gehörte, vielleicht auch, weil sie ähnlich schreiben würde wie er, wenn sie nicht Übersetzerin, sondern Schriftstellerin geworden wäre. "Natürlich nicht mit seiner Komplexität", sagt sie einschränkend dazu.
Zwischen beiden Berufen verläuft eine scharfe Trennungslinie: Es gilt als Todsünde, einen Dichter zu verbessern. "Ich darf keine Eitelkeiten entwickeln", sagt Meyer-Minnemann, aber jemand wie Antunes mache ihr das auch nicht schwer. Im Gegenteil: Er verlangt ihr so viel ab, dass sie nach acht Stunden Arbeit am Manuskript unter regelrechten Wortfindungsstörungen leidet und beim Abendbrot zu ihren Kindern schon mal sagt: "Gib mir mal das Ding da." Das Wort Salzstreuer fällt ihr dann nicht mehr ein.
Claudia Voigt
António Lobo Antunes: "Fado Alexandrino". Deutsch von M. Meyer-Minnemann. Luchterhand Literaturverlag, München; 800 Seiten; 29,50 Euro.