Literatur: Rafael Chirbes - DER SPIEGEL
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Literatur Rafael Chirbes

Der spanische Literat beschreibt sein Land während der letzten 24 Stunden im Leben des Diktators Franco. Eine schwere Aufgabe.
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istorischen Exorzismus betrieb der Spanier in vier hoch gelobten Romanen. Nun hat er seinen fünften Roman vorgelegt ­ und ist des Aufklärens müde. Rafael Chirbes scheint auf dem Zahnfleisch zu gehen. "Das Buch hat mich krank gemacht", sagt er. "Es ist nicht so geworden, wie ich es haben wollte."

Tatsächlich aber hätte der Schriftsteller, 1949 als Sohn eines Eisenbahners in dem Ort Tabernes de Valldigna nahe Valencia geboren, allen Grund zur Zufriedenheit: "Der Fall von Madrid" knüpft nahtlos an die erzählerische Brillanz des Vorgängerromans "Der lange Marsch" von 1996 an; ihm gelingt das Kunststück, die Verwirrung und die Bitterkeit der Menschen am Vorabend des Todes von Diktator Francisco Franco spürbar zu machen.

Obendrein liefert es ein gutes Dutzend Menschenbilder, die sich tief eingraben in die Erinnerung des Lesers. Trotzdem: "Ich habe gelitten wie nie zuvor beim Schreiben. Das Buch hat sich gegen meine ursprünglichen Ziele entwickelt, zuletzt siegte leider das Literarische", sagt der zwanghafte Aufklärer, der bislang in Büchern wie "Der Schuss des Jägers" oder "Die schöne Schrift" die Gegenwart aus der Geschichte deutete. Beharrlich klagte er die Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit seines Landes ebenso ein, wie er davor warnte, einer blinden Wohlstandseuphorie zu verfallen.

Mit seinem neuen Buch blendet Chirbes in jene Stunden des Jahres 1975 zurück, in denen die Meldung vom Tod Francos erwartet wird. Greifbar gemacht werden das Hoffen und Bangen, das in diesen Momenten durch die Köpfe der Menschen spukt, am Beispiel des Möbelfabrikanten José Ricart und seiner politisch zerrissenen Familie. "Es ist ein Buch über die Angst vor dem Morgen und die Frage: Was wird sein? Was wird aus unserem alten Spanien?", erklärt der Autor sein sich rasant drehendes Personenkarussell.

Eindrucksvoll beschwört er das Vakuum, in das alle für einen historischen Moment lang geraten: Die Alten scheuen die Veränderung und flüchten sich in starren Konservatismus, während die Jungen sich in blindem Polit-Aktionismus aufreiben.

Doch was sie allesamt eint, ist die uneingestandene Furcht vor dem, was niemand einzuschätzen vermag ­ die Zukunft. So liest sich Chirbes' Reigen als ein Roman darüber, wie erschreckend die Freiheit sein kann. "Jede meiner Figuren ist frei und steht für sich, anders als in meinen früheren Büchern. Ich suchte nach Worten für diesen Zustand. Sie nicht finden zu können hat mich maßlos erschöpft."

Peter Henning

"Der Fall von Madrid". Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Verlag Antje Kunstmann, München; 304 Seiten; 39,80 Mark.