Literatur Rainer Merkel
Gekonnt", sagte der Erste, Hellmuth Karasek, "das leise Bild einer gedämpften Gegenwart". "Misslungen", sagte die Zweite, Iris Radisch, "ein infantiler Blick auf unsere Wirtschaftswelt". "Prinzipiell ganz ordentlich", sagte der Dritte, Marcel Reich-Ranicki. Wie immer hatte er das letzte Wort: "Aber dieses unmögliche Deutsch ,Ineinanderwogen der beiden Gesäßhälften' schiefer geht's nicht!"
Rainer Merkel, 37, besitzt keinen Fernseher. Er saß bei Freunden in Berlin-Mitte, sein Debütroman "Das Jahr der Wunder" wurde im "Literarischen Quartett" besprochen. Öffentlich abgewatscht, könnte man auch sagen. Ein Dämpfer? Keineswegs. Rainer Merkel war vorbereitet.
Er hatte ein aufregendes Jahr hinter sich. Hatte seinen ersten Roman an einen renommierten Verlag geschickt, nach zweieinhalb Jahren Feilen am Computer. Hatte zwei Buchmessen absolviert, war in Klagenfurt als Geheimtipp angetreten und leer ausgegangen. War es jetzt vorüber, sein persönliches Jahr der Wunder? "Nein", sagt Merkel. Bei einem Buch über eine Welt ohne Liebe verwundere es kaum, dass sich selbst ernannte Erotikspezialisten an den wenigen sinnlichen Bildern festbeißen. "Am Ende werden die Noten verteilt. Mag sein, dass ich traumatisiert bin. Ich war ein schlechter Schüler." Doch vorbei, nein so schnell nicht. Merkel glaubt an sein Buch über eine Welt, die den Alten fremd ist.
Merkel hat einen Roman geschrieben über die Welt der New Economy. Er spielt in einer Multimedia-Agentur Mitte der neunziger Jahre, die Euphorie ist noch ungetrübt. Es ist kein Schlüsselroman und keine Werber-Satire wie "39,90" von Frédéric Beigbeder. Merkel ist Beobachter, mit Mut zu poetischen Leerstellen.
Das Innenleben der Figuren sei sein Thema, sagt der Diplompsychologe, der selbst als Konzepter in einer bekannten Agentur arbeitete. Was passiert mit Menschen, deren Revolution die Karriere ist, die sich anpassen müssen an Jargon und Zeitdruck? Merkel kennt das System, aber sein Buch urteilt nicht darüber. Weil die neue Welt eine ohne Inhalte ist.
Merkel erzählt von Christian, einem ehemaligen Medizinstudenten mit Taxischein. Der kniet nieder in den sakralen Hallen der Agentur GFPD, findet seinen Gott in Grassi, dem Chef, und im Team endlich eine Familie. Was sie genau machen bei ihren Projekten für eine Bausparkasse und Puma, bleibt vage. Nichts passiert, kein Ziel, keine Liebe. Am Ende joggt Christian sein Körper ist sein bester Mitarbeiter jetzt hinein in die aufgehende Sonne. Er läuft los, aber nicht davon. Gleich beginnt es wieder, sein Leben in der Agentur.
Zu schnell, zu wenig sinnlich für Reich-Ranicki. Nicht übel für den Anfang.
Fiona Ehlers
"Das Jahr der Wunder". S. Fischer Verlag, Frankfurt/M; 284 S.; 38,92 Mark.