Literatur Roddy Doyle
Manche Geschichten fädelt das Leben so absurd ein, dass sie nicht dafür taugen, zwischen zwei Buchdeckeln zu stehen. Selbst dann nicht, wenn Roddy Doyle sie erzählen würde. Die Geschichte, wie aus ihm ein erfolgreicher Schriftsteller wurde, ist so eine. 14 Jahre arbeitete er als Lehrer in Kilbarrack, einem Stadtteil von Dublin. Weil er gern las, wollte er herausfinden, ob er nicht auch schreiben könne. "Your Granny Is a Hunger Striker" hieß das erste Werk. Er schickte es an Verleger in Dublin und London nichts. Manchmal sogar schlimmer als nichts: Das Manuskript kam ungelesen zurück. Zwölf Jahre später sollte Doyle den Booker Prize gewinnen, aber das ahnte damals niemand.
Unverdrossen schrieb er weiter und verlegte sein nächstes Buch "The Commitments" kurzerhand im Eigenverlag. "Ich musste bei der Bank dieselbe Summe leihen wie für einen Gebrauchtwagen. Es war bloß doppelt so kompliziert, denn sie wollten einen Geschäftsplan, und der verlangte mehr Phantasie als das ganze Buch." Was folgte, übertraf selbst Doyles Vorstellungskraft. Alan Parker verfilmte das Werk, es wurde ein Bestseller. Und plötzlich war der Lehrer Literat.
Sein Leben hat sich seitdem kaum verändert, er lebt noch immer in Kilbarrack, in der Nachbarschaft jener Menschen, von denen er erzählt. Charaktere, die der Alltag aus der Kurve zu tragen droht, die sich aber in der größten Misere einen Funken Freude bewahren. Doyle trifft deren Ton- und Stimmungslage genau. Egal, ob er aus Sicht eines zehnjährigen Jungen erzählt wie in "Paddy Clarke Ha Ha Ha" oder der einer misshandelten Frau wie "Die Frau, die gegen Türen rannte".
Mit seinem neuen Roman "Henry der Held" übertrumpft er sich nun selbst. "Bisher habe ich über Momente des Lebens geschrieben, diesmal will ich ein ganzes Leben einfangen." Der erste Band der geplanten Trilogie beginnt damit, dass Henry seine Geburt schildert. "Wo waren die drei Weisen aus dem Morgenland? Wo waren die Schafe und Hirten? Sie hatten es verpennt, die verdammten Trottel ... ; sie hatten die Geburt von Henry Smart verpasst, meine, die Geburt des einen, einzigen Henry S. Smart." Der naive Größenwahn des Ich-Erzählers lässt ihn mit der Sicherheit eines Schlafwandlers durchs Leben spazieren. Der Tausendsassa kämpft blutige Kämpfe um die irische Unabhängigkeit und ist auch bei den Frauen ein Held. Doyle erzählt rau, schnell, komisch, traurig, und wenn er zu sehr in die Details des Freiheitskampfes abdriftet, rettet Henry nicht nur die eigene Haut, sondern auch das Interesse des Lesers ins nächste Kapitel. Seine Geschichte ist so absurd, dass sie nur zwischen zwei Buchdeckeln Platz haben kann.
Claudia Voigt
Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann. Wolfgang Krüger Verlag, Frankfurt/M.; 416 S.; 39,80 Mark.
DER SPIEGEL 3/2000 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags