Literatur Thomas Glavinic
eil ihn regelmäßig der blanke Horror packt, sobald er seine Wiener Wohnung verlässt, sitzt der Autor lieber vor der heimischen Glotze, um seine Lust nach heiler Welt zu stillen. "Nach sechs Folgen von ,Deep Space 9' geht es mir meist besser", sagt Thomas Glavinic, 28. Fast alle der 176 produzierten Folgen des "Star Trek"-Ablegers bilden das Herzstück seiner Videosammlung, nach der er regelmäßig greift wie andere nach Schmerzmitteln. "Die mediale Wirklichkeit ist mir allemal lieber als die vor meiner Tür."
Die Welt des notorischen Schwarzsehers Glavinic ist schlecht. Wohin sein Auge blickt, erfasst es Hochstapler, Betrüger und Voyeure. "Die Menschen sind Monster", sagt der Autor von inzwischen drei Romanen. "Man sollte sich dessen bewusst sein. Andernfalls kann sich das Monster in einem leicht verselbständigen."
Wie so etwas aussehen kann, zeigt der ehemalige Turnierschachspieler und passionierte Misanthrop in seinem neuen Roman "Der Kameramörder". Darin entrollt er die beklemmende Geschichte eines Mannes, der sich in der Steiermark unter Androhung physischer Gewalt drei Jungen gefügig macht und zwei von ihnen zwingt, aus 14 Meter Höhe von einem Baum zu springen. Den Tod der Jungen filmt er mit einer Videokamera und schanzt die Aufnahmen einer deutschen TV-Station zu. Als der Sender ankündigt, das Video auszustrahlen, "weil das Verbrechen eine unglaubliche Resonanz gefunden hat", wähnt sich der Kameramörder am Ziel. Gebannt verfolgt der Täter am Fernsehgerät die polizeilichen Bemühungen, ihn dingfest zu machen und sogar seine eigene Verhaftung erlebt er live am Bildschirm.
"Das Problem sind nicht die Privatsender", sagt der Soap-süchtige Autor, der die Lust am telegen inszenierten Unglück aus eigener Erfahrung kennt und literarisch zu einem Stück ätzender Medienkritik gesteigert hat. "Sondern wir, die nach solchen Bildern gieren."
Mit seinem Schachroman "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" von 1998 sowie seiner Parodie auf den gesellschaftlichen Aufstieg eines provinziellen Blenders hatte sich der jugoslawischstämmige Glavinic bereits als Menschenerklärer profiliert. Nun legt er einen im Protokollton abgefassten Bericht vor, der dann besticht, wenn er den von allen moralischen Fesseln losgelösten Voyeurismus einer TV-Gesellschaft erklärbar macht.
An geläuterte Leser glaubt Thomas Glavinic nicht. "Mein Buch wird die Welt nicht verbessern", sagt er. "Es würde mir aber genügen, wenn sich die Leute bloß ertappt fühlten."
Peter Henning
Thomas Glavinic: "Der Kameramörder". Verlag Volk & Welt, Berlin; 160 Seiten; 32 Mark.