Literatur Thor Kunkel
Als Kind wollte er Bademeister werden, dann Killer. Aufgewachsen in einer Reihenhauszelle im Asozialenmilieu des Frankfurter Gallusviertels, empfand Thor Kunkel seine Jugend als Trauma. "Ich war ein schmächtiger Junge und wurde nonstop von Gleichaltrigen verprügelt", sagt der 37-Jährige. Kunkel floh in die Bücherei und entdeckte Seelenverwandte wie den Dichter Georg Büchner. Der Büchernarr hat den Milieu-Absprung geschafft: Er studierte Kunst in Frankfurt, lernte Filmemachen in den USA und verdiente Geld mit preisgekrönten Werbekampagnen. Bis ihm sein Alltag "furchtbar langweilig" erschien. "Ich ließ mich zwei Jahre treiben, lebte von Arbeitslosenhilfe und Ersparnissen und schrieb meinen ersten Roman." Jetzt wohnt Kunkel in einem noblen Viertel von Amsterdam und hat neben seiner Arbeit als Multimedia-Consultant auch noch den Durchbruch als Dichter geschafft. Für ein Kapitel aus seinem Roman-Erstling "Das Schwarzlicht-Terrarium" erhielt er 1999 den Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Die Jury entdeckte das "Lebensgefühl einer ganzen Generation" und prophezeite gar ein "Kultbuch". Der Text wurde als deutsche Antwort auf "Pulp Fiction" gefeiert. Kunkels 640-Seiten-Wälzer ist viel mehr als Pulp-Literatur. Gespickt mit naturwissenschaftlicher Theorie, philosophischen Exkursen, provokanten Pornoszenen, Gewalt, Drogen und rasanten Dialogen, stellt der Text auf verschärfte Weise die Frage nach dem Lebenssinn. Kunkel beschrieb die Verelendung der Gesellschaft am Beispiel von ein paar Jugendlichen, die zwischen Glotze und Disco-Glamour vegetieren. "Was sich seit Ende der sechziger Jahre abspielt, ist ein sozialdarwinistischer Prozess, an dessen Ende eine winzige begüterte Elite alles bis hin zur relativen Unsterblichkeit haben wird." Dass Kunkel dazu neigt, literarische Formen als "Vehikel für ein eher genrefremdes Gedankengut" zu entleihen, zeigt auch sein zweiter Roman im Stil eines Psychothrillers. "Ein Brief an Hanny Porter" erzählt von einem reichen Ehepaar, das ein Häuschen auf Hawaii vermietet, dort einen finsteren Brief vorfindet und schließlich von zwei Feriengästen in Geiselhaft gehalten wird. Nicht nur wegen seiner Kürze demonstriert das Büchlein eine neue Facette des Autors: Er kann auch eine leichte Krimi-Novelle schreiben, die nebenbei den O.-J.-Simpson-Prozess reflektiert. "Wer glaubte, mich als grafomanischen Außenseiter abstempeln zu können, wird sich wundern", sagt er. Und beim dritten Roman wird wieder alles anders. Zum Glück ist Kunkel kein Bademeister geworden aber Schreibtisch-Täter.
Martina Hinz
"Ein Brief an Hanny Porter" . Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 176 Seiten; 23 Mark.